Titel: Beitrag zur Beantwortung der Frage über die Zulässigkeit der Stein, oder Dachpappe zu Dachbedeckungen mit Rücksicht auf ihr Verhalten gegen Feuer; von Professor Dr. Rühlmann.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1859, Band 152/Miszelle 2 (S. 314–317)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj152/mi152mi04_2

Beitrag zur Beantwortung der Frage über die Zulässigkeit der Stein, oder Dachpappe zu Dachbedeckungen mit Rücksicht auf ihr Verhalten gegen Feuer; von Professor Dr. Rühlmann.

Bald nach Veröffentlichung eines Aufsatzes „das Neueste über Dachbedeckungen aus Steinpappe“ im Jahrgang 1858 (S. 115) der Mittheilungen des hannoverschen Gewerbevereins (polytechn. Journal Bd. CXLIX S. 226), erhoben sich, ungeachtet mannichfacher vorgelegter amtlicher Zeugnisse, besonders in der Stadt Hannover und deren Nähe, wiederholte Zweifel einflußreicher Personen über die Feuergefährlichkeit der Dachpappe, namentlich aber über die Pappe, welche die Fabrik des Hrn. Feddersen zu Harburg lieferte, wodurch sich letztgedachter Herr veranlaßt fand, den Hrn. Hauptmann Jüngst vom königl. hannoverschen Ingenieur-Corps, Hrn. Bauinspector Debo Hierselbst und mich zur Beurtheilung der fraglichen Feuergefährlichkeit und Ausstellung eines Gutachtens aufzufordern.

Sowohl zur thatsächlichen Begründung des letzteren, als auch um den Betheiligten der Residenzstadt Hannover durch eigene Anschauung und Erfahrung Gelegenheit zur Beurtheilung der Feuergefährlichkeit der Pappdächer zu geben, wurden sorgfältige, öffentliche Versuche angestellt, von welchen im Nachstehenden die Rede seyn soll.

Erster Versuch

(am 24. Juni 1858).

Auf dem Bauplatze der neuen hannoverschen Eisengießerei76) waren zwei Satteldächer von etwa 10 Fuß Länge, 7 1/2 Fuß Breite und 1 2/3 Fuß Höhe auf je 6 Ständern ohne Wände errichtet; die Höhe des Dachrandes über der Erde betrug 4 3/4 Fuß. Das eine derselben war mit einzölligen tannenen Dielen und darüber mit Steinpappe aus der Fabrik von Feddersen zu Harburg, das andere mit englischem Schiefer auf Latten gedeckt.

Das Wetter war trocken bei geringem Luftzuge.

|315|

Auf beiden Dächern wurden gleichzeitig Haufen von tannenen Scheiten und Spänen von etwa 4 Quadratfuß Fläche und 1 Fuß Höhe auf der Windseite lose aufgehäuft und angezündet. Auf dem mit Steinpappe bedeckten Dache erweichte sich in Folge der Hitze der in dem Anstriche und der Pappe selbst enthaltene Theer und entwickelte sich als Gas, welches in niedriger über einen Theil der Dachfläche fortkriechender Flamme verbrannte und, nachdem der Theergehalt verzehrt war, von selbst erlosch. Nach etwa 4 Minuten kamen unterhalb der Dachfläche zwischen den Fugen der Verschalung hindurch Dämpft zum Vorschein, welche jedoch an lebendigem Feuer nicht zündeten.

Die Verschalung selbst sing um diese Zeit an unter der Feuerstelle ein wenig erwärmt zu werden, behielt aber in der nächsten Umgebung des Feuers eben so ihre frühere Temperatur, wie die Steinpappe selbst. Ein Durchtropfen des erweichten Theers wurde nicht bemerkt. Nach etwa 8 Minuten erlosch das Feuer auf dem Dache und ergab sich nach sorgfältiger Entfernung der zurückgebliebenen Asche, daß die Pappe auf der Brandstelle selbst völlig ausgeglüht und in eine zusammenhängende Kohle mit schiefrigem Bruche verwandelt, die darunter befindliche Verschalung aber auf 1/8 Zoll verkehlt war.

Auf dem Schieferdache war das Feuer nach derselben Zeit erloschen und waren in Folge desselben die Schiefer auf der Brandstelle gesprungen, die Latten ein wenig gebrannt.

Nach vorgenommener Wiederherstellung der Dächer in dem ursprünglichen Zustande wurden unter beiden helllodernde Feuer von leeren Tonnen, Holzscheiten und Spänen angezündet, so daß die ganze untere Seite der Dächer von der Flamme berührt wurde, nach etwa 5 Minuten wurde durch Nachlegen das Feuer von Neuem angeregt.

Bei dem mit Steinpappe bedeckten Dache faßten zunächst nur die Ständer, Rahmen und die äußeren Sparrengebinde Feuer, da der vollständige durch die Pappe bewirkte Abschluß eines Luftzuges nach oben das Feuer im Innern nicht fassen lassen wollte. Erst nach dem durch die Hitze erfolgten Lösen des Theergehalts der Pappe und dem in Gasform stattfindenden Zutritt zu dem bis dahin langsam fortschreitenden Feuer wurde letzteres intensiver und flammte am Dachwerke heftig auf, während an der Verschalung unter dem Dache die Flamme sich vorzugsweise an den Fugen hielt, woselbst sie durch die entweichenden Gase genährt wurde. Nach dem Verbrennen des Theers mäßigte sich der Gang des Feuers, verbreitete sich aber nach und nach über die ganze untere Dachfläche.

Die Steinpappe selbst blieb dabei unversehrt und leitete die Wärme sehr wenig, so daß man ohne merkliche Empfindung derselben die Hand darauf legen konnte. Erst nachdem etwa 20 Minuten nach Beginn des Feuers der Einsturz des Daches mit einzelnen Sparrentheilen und Schalbretern begann, riß die Pappe, wobei die Risse durch aufzüngelnde Flammen deutlich hervortraten Nach 23 Minuten war der vollständige Einsturz des Daches erfolgt. Die theils an den noch stehenden Standern hängen bleibende, theils auf die Erde in das Feuer fallende Pappe vermehrte für den Augenblick die Heftigkeit desselben, indem der Rest des Theergehalts derselben jetzt auf einmal entzogen wurde und zur Flamme hinzutrat, verbrannte aber nicht zu Asche, sondern verblieb in zusammenhängenden großen Stücken in dem schon früher erwähnten verkohlten Zustande mit schiefrigem Bruche.

Bei dem Schieferdache hatte in Folge des zwischen den Schiefersteinen hindurch stattfindenden Luftzuges das Feuer sich rascher verbreitet und war, auch in Folge der schwereren Belastung, der Einsturz des Daches nach 13 Minuten erfolgt.

Als Resultat dieses Versuchs ergibt sich Folgendes:

Bei der Beurtheilung des Verhaltens der Steinpappe gegen Feuer sind die beiden Fälle zu unterscheiden, wo das Feuer von Außen durch Entzünden von einem andern Brande her, vorzugsweise durch Flugfeuer erfolgt, oder wo es von einem im Innern des Hauses entstandenen Brande herrührt. Für den ersteren Fall war das Feuer auf den Dächern, für den zweiten unter denselben angezündet. Bei der Beobachtung des auf dem Dache brennenden Feuers ergab sich eine so geringe und so langsame Einwirkung desselben auf die Pappe und das darunter liegende Holzwert, daß ein Löschen desselben, sey es durch Flugfeuer oder directe Berührung von der Flamme eines nahe stattfindenden Brandes hervorgegangen, um so mehr als sehr leicht zu bewerkstelligen erscheint, da die zulässige geringe Neigung |316| der mit Steinpappe zu deckenden Dächer ein völlig sicheres Bewegen der Menschen auf denselben zuläßt. Dabei ist als ein Vorzug für die Steinpappe anzuführen, daß ein auf das Dach fallender brennender Gegenstand von nicht zu großen Gewichte ein mit Steinpappe gedecktes Dach nicht zerstören wird, während er bei einem Schiefer- oder Ziegeldache hindurchschlagen und dann leicht zünden würde. Wenn nun schon hiernach mit Rücksicht auf Feuer von außen das Steinpappedach den mit Schiefer oder Dachziegeln gedeckten Dächern nicht nachzustellen ist, so erschien es doch wünschenswerth, einen wiederholten länger andauernden Versuch mit auf dem Dache angezündetem Feuer zu machen, um beurtheilen zu können, ob die nach 8 Minuten zum Vorschein gekommene Verkohlung der Verschalung auf 1/8 Zoll Tiefe bei längerem Anhalten des Feuers auf eine gefährlich erscheinende Weise sich ausdehnen wird.

Hinsichtlich der Entzündung von Innen erscheinen zunächst als Nachtheile der Steinpappe:

1) die Verstärkung der Intensität eines entstehenden Feuers durch den von der Hitze herausgeleckten Theer;

2) die Vermehrung der Heftigkeit desselben durch das Holzwerk der Dachverschalung und den noch vorhandenen Theergehalt der Pappe beim Einsturze des Daches.

Dagegen sind aber als überwiegende Vortheile anzuführen:

1) der durch ein Pappdach erfolgte vollständige Abschluß des Luftzuges, wodurch die Verbreitung eines entstehenden Feuers sehr gehemmt werden muß;

2) der bei weitem später erfolgende Einsturz des Daches, woraus sich die Möglichkeit eines besseren Löschens des Feuers und vollständigen Rettens der im Hause vorhandenen Menschen und Gegenstände ergibt;

3) die schon oben erwähnte durch die geringe Dachneigung entstandene Sicherheit der Bewegung auf dem Dache selbst und den Dächern der etwa gleichfalls mit Pappe gedeckten benachbarten Häuser, von wo eine sichere Direktion der Löschmaßregeln möglich ist.

Es möchte demnach auch gegen ein im Innern des Hauses entstandenes Feuer das Verhalten eines mit Steinpappe gedeckten Daches nicht ungünstiger zu beurtheilen seyn, als eine Bedachung mit Ziegeln oder Schiefer.

Zweiter Versuch

(am 8. Juli 1858).

Zur ferneren Untersuchung des Verhaltens der Feddersen'schen Steinpappe gegen Feuer von Außen war auf dem Kasernen-Bauplatze vor Hannover, zwischen der List und der Langenhagener Chaussee wieder ein Satteldach von 9 Fuß Länge, 8 1/2 Fuß Breite und 1 Fuß Höhe auf Ständern ohne Wände errichtet und mit Feddersen'scher Steinpappe auf einzölligen tannenen Dielen bedeckt. Die Bedeckung war seit 12 Tagen erfolgt und war der Steinpappe der gebräuchliche Ueberzug von Steinkohlentheer, Kalk u.s.w. gegeben.

Wegen seitdem stattgehabten häufigen Regens hatte dieser Anstrich nicht in vollem Maaße austrocknen können, was als ein Nachtheil für das Resultat der Prüfung zu bezeichnen ist, da ein völlig ausgetrockneter Anstrich dem Feuer besser widersteht.

Das Wetter war trocken, der Luftzug äußerst gering.

Auf der Windseite wurde ein Feuer von 5 Pfd. trockenen tannenen Scheiten und Spänen angezündet. Nach 3 Minuten entwickelte sich der Theergehalt wie beim ersten Versuche in Gasform und verbreitete sich die daraus hervorgehende niedrige Flamme bis auf 2 1/2 Fuß von der Brandstelle, jedoch nur windwärts Nach 5 Minuten wurden wieder 5 Pfund Tannenholz aufgelegt, worauf nach 8 Minuten – von Anfang an gerechnet – unterwärts zwischen den Fugen der Verschalung Dämpfe hindurchquollen und das Holz daselbst färbten, jedoch nicht an lebendigem Feuer zündeten. Nach 11 Minuten wurden wieder 5 Pfund Holz aufgelegt, und wurde dann nach 20 Minuten das Feuer vorsichtig beseitigt, ohne daß inzwischen neue Erscheinungen beobachtet worden waren.

Nach Fortschaffung des Feuers brannten auf der etwa 3 1/2 Fuß im Durchmesser haltenden Brandstelle noch etwa 5 Minuten lang niedere von Theer genährte Flammen. |317| Die Pappe und die darunter befindliche Verschalung zeigten unter der Brandstelle dieselben Erscheinungen, wie beim früheren Versuche, indem die erstere bei beibehaltenem Zusammenhange und schieferigem Bruche völlig verkohlt, letztere 1/8 Zoll tief verbrannt war. Es hatte mithin die 20 Minuten hindurch stattgefundene Einwirkung eines heftig brennenden Feuers erhebliche nachtheilige Einwirkungen auf das Dach nicht hervorgerufen.

Zur noch weiteren Prüfung des Verhaltens eines mit Steinpappe gedeckten Daches gegen Feuer von Außen wurde sodann auf der entgegengesetzten Seite des Daches ein Feuer von ebenfalls 5 Pfd. Tannenholz angezündet, nach 8, 20 und 30 Minuten jedesmal mit 5 Pfd. Holz genährt und nach 40 Minuten mit Wasser gelöscht. Während des Feuers waren neue Erscheinungen nicht hinzugetreten, die Pappe war auf der Brandstelle wie früher in schieferige Kohle verwandelt, die Verschalung unter derselben auf 5/8 Zoll Tiefe angekohlt.

Unter Wiederanwendung der bei Gelegenheit des ersten Versuchs angeführten Schlußfolgerungen und Gründe waren die Sachverständigen der Ansicht, daß die von dem Hrn. Feddersen zu Harburg gefertigte Steinpappe mit Rücksicht auf ihr Verhalten gegen Feuer unbedenklich als zulässig bezeichnet werden kann. (Mittheilungen des hannoverschen Gewerbevereins, 1859 S. 36.)

|314|

Vor dem Egidienthore, Fabrikstraße 1. (Von der Eisenbahnstraße zur kleinen Bult links).

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: