Titel: Gutta-percha zum Besohlen der Fußbekleidungen; von Prof. Dr. Heeren.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1859, Band 153/Miszelle 10 (S. 77–80)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj153/mi153mi01_10
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Gutta-percha zum Besohlen der Fußbekleidungen; von Prof. Dr. Heeren.

Mag dieser Gegenstand auch schon mehrfach zur Sprache gebracht, und wegen einzelner Mängel vielfach zurückgewiesen seyn, so trage ich doch kein Bedenken, ihn allen Ernstes und mit der Ueberzeugung, daß das wirklich Gute sich endlich Bahn bricht, wieder anzuregen.

Als wirklich vorhandenen Mangel vermag ich nur die Eigenschaft der Gutta-percha, in der Wärme zu erweichen, anzuerkennen. Aus diesem Grunde empfiehlt sie sich nicht für die warme Jahreszeit, und beschränkt sich ihre Anwendung auf Herbst, Winter und Frühjahr, in welchen Jahreszeiten aber auch gerade die stärksten Anforderungen an die Fußbekleidungen gemacht werden.

Ein unter allen Umständen tadelloses Material zu Fußbekleidungen, besonders zu Sohlen, existirt eben nicht, und gerade das Leder läßt in der letzteren Beziehung viel zu wünschen übrig, ja, man kann mit Grund die Frage aufwerfen, wie es möglich sey, daß bei den riesigen Fortschritten in andern Zweigen der Technik ein so wichtiger und Jedermann unentbehrlicher Gegenstand, wie die Sohlen seiner Schuhe und Stiefel, bisher leer ausgehen konnte. In der That leidet das Sohlleder, abgesehen von seinem hohen Preise, der jedenfalls schwer in die Waage fällt, und manchem Familienvater drückende Ausgaben aufbürdet, an dem großen Mangel, vom Wasser durchfeuchtet zu werden, und in diesem nassen Zustande bedeutend zu erweichen, der Abnutzung zu unterliegen, und dem Zweck, die Füße trocken und warm zu halten, nur unvollkommen zu entsprechen.

Ich gestehe gern, lange Zeit in dem Vorurtheil befangen gewesen zu seyn, daß sich Gutta-percha für den vorliegenden Zweck nicht eigne, weil sie so geringe Elasticität besitzt, und durch den bei jedem Schritt sich wiederholenden gewaltsamen Druck einer allmähligen Dehnung in Breite und Länge unterliegen müsse, wie denn auch von vielen Seiten dieser Mangel geltend gemacht und namentlich von einem bekannten Herrn erzählt wurde, er trage beständig eine Schere bei sich, um die sich hervorquetschenden Ränder seiner Gutta-percha Sohlen beschneiden zu können. Solche Erfahrungen und andere, auf der durch bedeutende Wärme hervorgebrachten Klebrigkeit dieser Substanz beruhende Erscheinungen beweisen nur, daß man sie vor Erwärmung zu bewahren hat. Als ich kürzlich mich auf der eisernen Plattform eines Hohofens aufhielt, gewahrte ich mit Schrecken an dem brenzlichen Geruch und beginnenden Rauch, daß sich meine Sohlen in großer Noth befanden, weßhalb einem Jeden, der sich dieser Sohlen bedient, als Sprüchwort zu empfehlen ist: Memento Guttae!

Dergleichen Uebelstände abgerechnet, bewährt sich die Gutta-percha für den gewöhnlichen Gebrauch so vortrefflich, daß ich sie mit gutem Gewissen besonders allen Denen empfehle, welche eine sehr bedeutende Ersparniß an ihren jährlichen Ausgaben für Fußzeug und zugleich Vermeidung nasser Füße am Herzen liegt, und welche über die Jahre hinweg sind, wo man zierlich gebauter Stiefel zur Eroberung der Herzen bedarf. Diese Ersparniß liegt zum Theil darin, daß man mit unbedeutender Mühe die Besohlung selbst verrichten kann, theils aber auch und hauptsächlich in dem Umstande, daß von der angewandten Gutta-percha bloß derjenige Theil verloren geht, der durch directe Abnutzung verschwindet, der übrige jedenfalls größere Theil aber keineswegs verloren ist, indem man ihn an seiner Stelle läßt, und entweder nur die durchgeschliffenen Stellen mit neuer Gutta-percha bedeckt, oder auch eine ganze Sohle überlegt, wobei sich die alte Gutta-percha mit der neu aufgebrachten vollkommen zu einer Masse verbindet und daher ihren Werth behält. Es lassen sich auch alte, schon stark abgetretene Fußzeuge sehr gut mit Gutta-percha belegen, wenn sie nur völlig trocken und von allem Schmutz gereinigt sind, obwohl es jedenfalls vorzuziehen ist, die Ledersohlen gleich im neuen, noch ungebrauchten Zustande zu belegen. Die Dauer der Fußzeuge würde auf diesem Wege eine fast unbegränzte seyn, wenn nicht das Oberleder endlich seine Dienste versagte, und es ist daher bei Anwendung der Gutta-percha besonders auf ein weiches gutes Oberleder zu achten. Muß dennoch ein altes Paar als unhaltbar verworfen werden, so würde sich die noch vorhandene Gutta-percha nach dem Erwärmen leicht durch Abstreichen mit einem Messer gewinnen lassen, wie überhaupt gar kein Verlust durch Abfälle entsteht, indem diese theils zur Bereitung des Kittes dienen, theils durch Erweichen in heißem Wasser und Zusammenkneten mit größter Leichtigkeit sich in neue Sohlen verwandeln lassen.

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Eine ziemlich ausführliche Anleitung zum Besohlen der Stiefel und Schuhe mit Gutta-percha von dem Bandagisten Schramm findet sich im polytechn. Journal Bd. CXXIV S. 149; da sie aber gerade den schwierigsten Punkt, das Verfahren beim Erweichen der Gutta-percha, unberührt läßt, auch die Anwendung des unstreitig weniger zweckmäßigen Terpenthinöles annimmt, so theile ich in Folgendem das Verfahren mit, wie ich es seit längerer Zeit durch vielfache Erfahrung als ganz probat befunden habe.

Die Gutta-percha kommt im Handel theils roh, in zusammengeballten Klumpen, theils in Platten vor. Erstere, zum Preise von 1/2 Thlr. das Pfund in der Handlung der HH. Rump u. Lehners in Hannover zu haben, ist nicht ganz rein, und von den fremden Stoffen nicht ganz leicht zu reinigen. Da es indessen bei Sohlen nicht gerade auf sehr große Reinheit der Masse ankommt, so kann man sich auch dieser rohen Gutta-percha bedienen, indem man sie in heißem Wasser erweicht, durch Kneten in den Händen von den Unreinigkeiten (Holz, Fasern, Rinde u. dgl) möglichst zu reinigen sucht, und dann auf einem Bret mittelst eines Rollholzes zu einer Platte von etwa 1/8 Zoll Dicke auswalzt, was mit größter Leichtigkeit von Statten geht. Man erspart sich diese Mühe durch Ankauf fertiger Gutta-percha-Platten, wie solche in der Handlung des Hrn. Köhsel in Hannover, das Pfund zu 1 Thlr. zu haben sind. Diese, erpreß zum Zweck der Besohlung in der Fabrik der HHrn. Cohen in Harburg angefertigten Platten haben eine Dicke von etwa 1/8 Zoll, eine ziemlich hellbraune Farbe und faserigsehniges Gefüge. Ich halte diese Sorte zu dem vorliegenden Zweck für besser als eine andere, auch wohl im Handel vorkommende Sorte von dunkelbrauner Farbe, ganz dichtem Gefüge und glänzender Fläche auf dem Schnitt. Diese letztere Sorte ist wohl eigentlich als eine bessere zu betrachten, weil sie durch anhaltendere Bearbeitung im trockenen Zustande zu einer ganz dichten homogenen Masse vereinigt wurde, daher auch theurer, aber zum Zweck der Besohlung ist sie zu fest und wenig nachgiebig, weßhalb sie sich bei der beständigen Biegung unter dem Fuße leichter losreißt, als die andere, zwar weniger, aber für den vorliegenden Zweck hinreichend feste Sorte. Da nämlich bei dem Aufkleben die Sohlen stark erwärmt und erweicht, und durch oft wiederholtes Drücken und Streichen befestigt werden müssen, so geht das faserige Gefüge ohnehin in ein mehr compactes über, ohne sich jedoch ganz zu verlieren. Die Sohlen erlangen dadurch hinlängliche Härte und Widerstandsfähigkeit, behalten aber doch die erforderliche Nachgiebigkeit. – Es ist in dieser Rücksicht auch anzurathen, die Sohlen in solcher Richtung aus der Platte zu schneiden, daß die Fasern in der Breite des Fußes laufen.

Es würde unnöthig seyn, die Sohlen ganz bis zur Hacke fortzusetzen, da ja der mittlere schmale Theil der Abnutzung nicht unterliegt; man müßte denn der Trockenheit wegen auch diesen Theil zu bedecken wünschen. Man schneide also aus der Platte Stücke von der Breite des Stiefels, deren Länge vom vorderen Ende bis zur Mitte des schmalen Theiles reicht, und gewinnt so gewöhnlich aus dem Pfunde 6 solcher Sohlen, deren jede mithin auf 5 Ngr. kommt, jedoch noch eine erhebliche Menge Abfall liefert.

Bereitung des Kittes. Als Kitt zur Befestigung der Sohlen dient eine sehr concentrirte Auflösung von Gutta-percha in Steinkohlentheeröl. Um ihn zu bereiten, nimmt man ein Medicinglas, gibt eine abgewogene Menge klein geschnittene Gutta-percha hinein und fügt ihr die dreifache Menge Steinkohlentheeröl hinzu. Dieses letztere ist ebenfalls in der Handlung der HHrn. Rump und Lehners zu erhalten. Nöthigenfalls, aber freilich weit theurer, kann man sich dazu des gereinigten Steinkohlentheeröles, Benzins (Brönner'sches oder Jänecke und Schneemann'sches Fleckwasser) bedienen. Man erwärmt das Glas auf einem heißen Ofen oder durch Einsetzen in heißes Wasser, rührt die Masse mit einem Draht häufig um, bis sie eine dickflüssige syrupartige Consistenz angenommen hat und alle Stückchen der Gutta-percha verschwunden sind. Man kann diesen Kitt, da er in gut verschlossenen Flaschen nie verdirbt, in Vorrath bereiten und beliebig lange aufbewahren.

Befestigung der Sohle. Man macht in einem Feuerbecken ein ganz gelindes Feuer von Holzkohlen an, hält die Stiefel darüber, um die Ledersohlen so warm zu machen, wie es ohne Gefahr des Anbrennens angeht, gießt dann etwas des ebenfalls erwärmten Kittes darauf und streicht ihn mit einem Bäuschchen zusammengewickelter Leinwand schnell nach allen Seiten auseinander, wobei er rasch von |80| dem Leder eingesogen wird. Man gießt eine neue Portion auf, vertheilt diese über die Sohle, so weit sie belegt werden soll, hält von Zeit zu Zeit den Stiefel über das Feuer, um ihn zu erwärmen und die Verdunstung des Steinkohlentheeröles zu befördern, und fahrt in dieser Art so lange fort, bis das Eindringen des Kittes in das Leder aufhört, und sich auf der Oberfläche desselben ein bleibender dünner Ueberzug von Gutta-percha gebildet hat.

Nun beginnt man mit dem Erwärmen der Gutta-percha-Sohle, indem man sie zuerst zwischen den Fingern unter häufigem Hin- und Herwenden über das Feuer Hält, bis sie der Weichheit und Klebrigkeit wegen sich in dieser Art nicht mehr manipuliren läßt Man nimmt jetzt einen Streifen Löschpapier, etwas breiter als die Sohle und von der Länge des Papierbogens, legt die Sohle darauf, drückt sie etwas daran fest, hält das Ganze über das Feuer und setzt die Erwärmung fort. Die sohle klebt sehr bald an dem Papier, so daß man dasselbe umwenden und die Sohle nach unten, die Erwärmung fortsetzen kann. Durch diesen Kunstgriff ist es ein Leichtes, die Gutta-percha so stark zu erhitzen und zu erweichen, wie es zum Zwecke ihrer gehörigen Befestigung nöthig ist. Der richtige Grad der Erweichung ist getroffen, wenn die Masse mit dem Finger berührt, etwa die Consistenz eines mäßig steifen Mehlbreies zeigt. Uebermäßig starke Erhitzung würde die Gutta-percha zum völligen Schmelzen bringen, dann aber auch ihre Eigenschaften verändern. Ist nun die Sohle richtig erweicht, so legt man sie natürlich mit dem Papier auf einen Tisch, gießt etwas Kitt darauf und streicht ihn so schnell wie möglich darauf auseinander, bringt nun die Sohle auf den ebenfalls recht warm gemachten Stiefel und befestigt sie durch fortgesetztes Drücken und Streichen. Bei dieser ganzen Operation ist besonders jene Stelle zu beachten, wo die Sohle unter dem Fuße zu Ende geht, weil diese später der Gefahr des Losreißens am meisten unterliegt. Man suche also an dieser Stelle das Leder recht warm zu machen und mit Kitt zu tränken, und erwärme die Gutta-Percha-Sohle nach ihrer Befestigung an dieser Stelle nochmals über dem Feuer. Nach dem Aufbringen der Sohle schneide nun mit einer Schere die überstehenden Ränder ab, scharfe mit einem scharfen, naß gemachten Messer den Rand an jener gefährlichen Stelle zu, so daß sich die Sohle hier in einer schlanken Verdünnung dem Leder anschließt, und suche durch Drücken mit nassen Fingern den Rändern eine angemessene Form und Abrundung zu ertheilen, worauf man den Stiefel zum vollständigen Erkalten bei Seite stellt. Das auf der Sohle noch sitzende Papier kann an seinem Platze bleiben, da es beim Gebrauch des Stiefels bald zu Grunde geht, sollte man es jedoch, des übeln Aussehens wegen, zu entfernen wünschen, so kann man es durch Scheuern mit Sand und Wasser beseitigen.

Die Hacken der Stiefel aus Gutta-percha zu bilden, ist nicht zu empfehlen, weil das beständige stoßweise Auflehnen der ganzen Körperlast auf eine so kleine Fläche eine Dehnung und zu rasche Abnutzung zur Folge hat. Dagegen gelingt es leicht, aus starkem Sohlleder zugeschnittene Hacken mittelst Gutta-percha-Kitt unterzukleben, und sollte ein Stiefel an einer Hacke bedeutend und, wie das so häufig vorkommt, unregelmäßig abgeschliffen seyn, so egalisirt man ihn durch aufgelegte Gutta-percha und klebt auf diese das Leder. (Mittheilungen des hannoverschen Gewerbevereins, 1859 S. 25.)

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