Titel: Die Schloßfabrik des Hrn. Hobbs in London.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1859, Band 153/Miszelle 1 (S. 153–155)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj153/mi153mi02_1

Die Schloßfabrik des Hrn. Hobbs in London.

Der Name Hobbs ist zur Zeit der großen Industrie-Ausstellung in London (1851) vielfach genannt worden, wo sich dieser Herr durch das Oeffnen mehrerer, früher in England als unaufmachbar betrachteten Schlösser einen gewissen Ruf erwarb. Hr. Hobbs ist aber nicht bloß ein wissenschaftlicher Schloßaufmacher, sondern auch ein tüchtiger Schloßfabrikant und besitzt eine trefflich eingerichtete Fabrik (Firma: Hobbs, Ashley und Comp.) in London (Arlington-street, New North Read), wo er mit allen Hülfsmitteln der Mechanik und genauer Kenntniß der Schlosserkunst alle Sorten seiner einfachen und seiner Sicherheitsschlösser anfertigt.

Wir erläutern hier namentlich die Fabrication eines gewöhnlichen eingesteckten Schlosses in der Art und Weise wie sie Hobbs verfertigt.

Starkes Schwarzblech wird mit einer Dampfschere in Stücke zerschnitten von der Größe wie der Schloßkasten es erheischt. Diese Stücke werden in einem Sauerwasser gebeizt, um allen Rost von ihrer Oberfläche zu entfernen. Man bringt sie dann unter einen Durchstoß, wo mit einem Schlag alle Löcher eingepreßt werden, welche in die Schloßkastenplatte hineinkommen müssen. Eine zweite Maschine nimmt auf sehr zarte Weise den Grath weg, mit anderen Worten, reibahlt die Löcher aus. Es sind nun Schloßbleche. An diese wird eine Kante, dem Stulp entgegengesetzt, umgebogen, was ebenfalls kalt geschieht. Die beiden langen Seiten des Umschweifs bestehen aus Stücken von hämmerbarem Gußeisen und haben Stifte, die in die Löcher des Schloßbleches sehr genau passen. Die Kanten dieser Umschweifsstücke, womit sie gegen das Schloßblech stoßen, sind genau parallel abgefräst. Der Stulp des Schloßkastens endlich besteht aus einem Eisenstreifen, welcher mit 7 Oeffnungen durchlocht ist, nämlich die Oeffnungen für den Riegel, die Falle, den Nachtriegel und 4 Löcher für Schrauben, mit denen das Schloß an die Thür angeschlagen wird. Die Deckplatte wird ebenso angeschlagen und gelocht wie das Schloßblech, aber man nimmt ein dünneres Blech dazu. Kleine Messingringe, die ausgepreßt, dann auf einer sehr sinnreichen Maschine ausgedreht werden, paßt man in die Löcher des Schloßbleches und der Deckplatte für die Thürgriffe und den Schlüssel mittelst einer Stellmaschine ebenfalls genau ein.

Der Schloßkasten oder das Aeußere des Schlosses ist nun fertig. Es handelt sich weiter um das Eingerichte. Es sind zunächst nöthig 7 Stifte, Niete und Schrauben von verschiedener Länge und Dicke, und werden dieselben sämmtlich auf kleinen selbstthätigen Maschinen gleich den übrigen nöthigen Schloßtheilen gefertigt. Mehrere dieser Maschinen, die wir hier natürlich nicht einzeln beschreiben können, sind sehr merkwürdig. So unter anderen die Schrauben-Schneidemaschine, welche einen Eisendraht packt, den Schraubengang einschneidet, auf einer Seite den Kopf anschneidet und auf der andern die Spitze der nächsten Schraube andreht, und wenn dieß geschehen ist, die fertigen Schrauben abschneidet und alles dieß, ohne daß eine Menschenhand dabei nöthig wäre.20) Sämmtliche arbeitende Maschinen werden von jungen Mädchen beaufsichtigt.

Die Riegel werden in Gesenken geschmiedet, welches Verfahren bekannt ist, durch Maschinen abgeglichen, der Angriff angesetzt, die Riegelstifte eingesetzt und abgefräst bis die erforderliche Form erreicht ist.

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Die Zuhaltungen und Besatzungen werden ebenfalls auf Durchstößen zur Form gebracht und abgefräst und passend gemacht nach genauer Schablone, so daß ein Theil in alle Schlösser von einer Art und Nummer paßt.

Die Federn werden aus Stahlblech ausgepreßt, mit Rundsägen eingeschnitten, gelocht, gehärtet, gebogen und endlich angenietet, wo sie wirken sollen auf Zuhaltungen und Hebel.

Die Schlüssel werden zunächst roh auf einem Fallhammer in Gesenken geschmiedet,21) dann der Schaft zum Rohr durch Einbohren des Loches auf einer kleinen Drehbank gemacht. Man schneidet dazu in den Schaft eine kleine Rinne ein, um ihn auf der Bank in richtiger Lage zu erhalten. Die Fräsmaschinen und die Drehbank vollenden nun die Form des Ringes und das Aeußere des Bartes. Dieses Schmieden in Gesenken, Bohren, Drehen und Fräsen geschieht auch in einigen deutschen Fabriken und werden solche Schlüssel vielfältig verkauft. Ein Makel dieser Schlüssel ist, daß die Fasern des Eisens im Barte dieselbe Richtung haben wie die des Rohrs, woraus hervorgeht, daß bei zu großer Gewalt der Bart leicht abbrechen kann. Da aber die Hobbs'schen Schlösser sich gewiß sehr sanft und fleißig schließen, so dürfte wohl keine Gefahr vorhanden seyn, daß die Bärte brechen, um so weniger da Hobbs gewiß das beste Eisen zu seinen Schlüsseln nimmt.

Wenn alles, wie wir beschrieben, so weit fertig ist, werden die Stufen oder Staffeln in den Bart geschnitten, welche bekanntlich auf Hebel-Zuhaltungen in den Schlössern wirken, die in Deutschland Chubb-Schlösser genannt werden, obgleich die erste Erfindung derselben von einem gewissen Barron herrührt und schon im Jahr 1778 gemacht worden ist. Hobbs scheint demnach diese Hebel-Zuhaltungen auch für seine gewöhnlichen Einsteckschlösser zu benutzen, wodurch sie allerdings viel sicherer werden, zumal er Einrichtungen anbringt, die ihr Oeffnen, außer mit dem richtigen Schlüssel, sehr schwierig machen. Wir in Deutschland dahingegen begnügen uns mit Schlössern die jeder einfache Dietrich öffuet. Unsere deutschen Spitzbuben sind noch nicht gelehrt genug, was eine wahre Wohlthat wäre, wenn's wirklich so wäre!

Die Staffeln der Schlüsselbärte für Hobbs'sche Schlösser werden nicht alle in gleicher Abstufung abgeschniten. Wäre dieß der Fall, so würde ein Schlüssel alle Schlösser schließen, was vermieden werden muß. Für jedes Schloß muß im Gegentheil ein besonderer Schlüssel vorhanden seyn, der nur dieses und kein anderes Schloß schließt, während sein Schloß von keinem andern Schlüssel geschlossen werden kann.

Zum Einschneiden der Staffeln in der mannichfachsten Versetzung bedient sich Hobbs einer Maschine, in welcher sich Schneideräder mit leichter Mühe verstellen laßen, so zwar, daß sie bei jedem Schlüssel verschiedene Tiefen einschneiden. Jeder Schlüssel kann also verschieden von Bart gemacht werden, und damit der Arbeiter an der Schneidemaschine nicht zufällig einen Schlüssel macht wie den andern, geschieht das Verstellen der Räder der Schneidemaschine mittelst eines selbstthätigen Stellapparats. Die genaue Beschreibung dieser Maschine kann hier nicht gegeben werden.

Es begreift sich nun ferner, daß die Schlüssel nicht nach der Stellung der Zuhaltungshebel der Schlösser gemacht werden, sondern umgekehrt die Zuhaltungshebel oder vielmehr deren Schlitze, wodurch der Stift des Ringels schlüpft, wenn das Schloß sich öffnen soll, nach einem betreffenden Schlüssel eingeschnitten werden. Daraus folgt denn, daß nur dieser Schlüssel und kein anderer das betreffende Schloß öffnen kann, weil kein anderer Schlüssel den Schlitz der Zuhaltungshebel so genau einzustellen vermag, in Folge der Einwirkung der Schlüsselstaffeln, daß der Riegelstift durch den Schlitz zu schlüpfen vermag.

Unsere französische Quelle hat die Sache nicht so beschrieben. Die scheint zu glauben, daß der Schlüssel nach der Hebelstellung im Schlosse gemacht wird, wovon |155| sie keine richtige Vorstellung hat. Sie beschreibt eine Maschine mit welcher die Schlüssel auf ihre richtige Staffelhöhe geprüft werden, was ganz unnöthig ist, da der Schlüssel, er mag seyn wie er will, die ihm beigehörige Schloßstellung, wenn man sich so ausdrücken darf, selbst bestimmt. Es handelt sich nur darum, den Schlüssel einzusetzen (zu härten), so daß er sich beim Gebrauch nicht abschleifen kann. Dieses Abschleifen der Bartstaffeln hat zur Folge, daß die Hebel sich beim Schließen nicht gehörig einstellen und das Schloß nicht geschlossen werden kann. Tritt ein solcher Fall ein, so muß im Zuhaltungshebelschlitz nachgeholfen werden.

Zum Oeffnen der Falle in Riegel- und eingesteckten Schlössern dient die sogenannte Nuß, welche durch die Spindel derselben mittelst des Thürknopfes bewegt wird. Dieser Theil wird ebenfalls ganz in derselben Weise wie die andern Schloßtheile gefertigt und bedient sich Hobbs dazu unter andern auch sehr gut wirkender Schleifscheiben.

Die Zuhaltungshebel sind aus Messing gemacht.

Wer die Wirkung einer gut eingerichteten Fabrik auf Verwohlfeilerung der Arbeit und Verbesserung der Beschaffenheit des Artikels, der fabricirt wird, kennt, wird nicht darüber in Zweifel seyn, daß Hobbs bessere und billigere Schlösser anzufertigen im Stande ist als irgend ein deutscher Schlosser mit all seiner Kunst, billigerem Arbeitslohn und geringerem Verdienst. Und in der That wird es keinem Fachkenner einfallen, die vorzüglichen Schlösser, welche Hobbs, Grund seiner vorzüglichen Einrichtungen, machen muß, mit unsern deutschen Fabrikschlössern vergleichen zu wollen, die wohl Fabrikschlösser heißen, es aber nicht sind, denn unseres Wissens werden deutsche Fabrikschlösser ebenso fabricirt wie englische Fabrikschlösser, d.h., von kleinen Meistern und ihren Gehülfen in Städten und auf Dörfern, die ihre Schlösser an sogenannte Fabrikverleger verkaufen, welche sich für Fabrikanten ausgeben, es aber nicht sind.

Es mag Ausnahmen von dieser Regel in Deutschland geben, aber sie sind wenig bekannt. Jeder weiß aber, daß man in Deutschland in die größten Eisenwaarenhandlungen gehen und nach guten deutschen Zuhaltungs- und tüchtig gearbeiteten Sicherheitsschlössern fragen kann, erhalten wird man nur englische Schlösser. Ob die Kunstschlosser in Deutschland, welche sich jetzt gar sehr auf die Fabrication von feuerfesten Geldschränken geworfen haben, ihre Sicherheitsschlösser selbst machen oder aus England beziehen, wissen wir nicht, und die Schlosser wissen nichts von uns, da sie sich um die Literatur nicht bekümmern.

Allerdings macht ein sogenannter Schloßfabrikant in Westphalen oder in Staffordshire (Wolverhampton) sein Lebelang nichts anderes als Schlösser und bringt es zu einer großen Fertigkeit in deren Anfertigung bei ungeheuer billigen Preisen, aber die Schlösser selbst werden nicht besser, sondern immer schlechter, je länger sie so gemacht werden und es noch Leute gibt, die sie kaufen. –

Die Hobbs'sche Fabrik ist ein Gebäude von 4 Stockwerk, das Kellergeschoß dient zur Aufbewahrung von Vorräthen. Zu ebener Erde stehen die schweren Werkzeuge, im ersten Geschoß die feineren Arbeitsmaschinen und in dem oberen Geschoß geschieht die Zusammensetzung der Schlösser, die Verpackung und was sonst zum Geschäft gehört. Eine Dampfmaschine bewegt das ganze Werk.

Die Zahl der Arbeiter, Mädchen, Kinder, Burschen und Männer ist 150. Außer gewöhnlichen Thürschlössern werden auch Kasten-, Koffer-, Pult-, Gefängniß-, Geldschrank- und Hängeschlösser fabricirt.

Wenn wir in Deutschland unsere Schloßfabrication zu verbessern wünschen, so möchten wir ein Studium jener Hobbs'schen Fabrik, doch gleicherweise empfehlen einen Abstecher nach Wolverhampton zu machen, um die Fabrik von Chubb zu sehen, welche ähnliche Einrichtungen wie Hobbs hat, wenn auch nicht so vollkommen, dann auch die Fabrik von John Harper u. Comp., Albion Works Willenhall, endlich die von George Price, Cleveland Safeworks, Wolverhampton, wo man Geldschränke bekommen wird von einer Vorzüglichkeit wie sie in Deutschland kaum gefertigt werden dürften, wenn auch im Aeußern schöner, zierlicher und bestechlicher, worauf es aber begreiflicher Weise nicht ankommt. (Deutsche Gewerbezeitung, 1859, Heft 1, S. 30.)

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Diese Maschine mag vielleicht der von J. B. Rechsteiner in Connewitz bei Leipzig ähnlich seyn, die auch ganz selbstthätig Metallschrauben von großer Vollkommenheit schneidet, ohne daß, wie der Erfinder sagt, eine Aufsicht dabei nöthig wäre. Er hält aber seine Maschine so geheim, daß selbst seine vertrautesten Freunde dieselbe nicht zu Gesicht bekommen.

Wieck.

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Solche roh in Gesenken geschmiedete Schlüssel, welche die Schlosser fertig machen, liefert u.a. F. Schörg in München. Derselbe liefert auch noch sonst maschinenmäßig gearbeitete Schloßtheile. Ganz fertige Schlüssel bis zum Richtigfeilen und Einstreichen des Barts kommen überhaupt viel in den Handel.

Wieck.

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