Titel: Ueber vegetabilisches Leber
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1859, Band 153/Miszelle 11 (S. 397–398)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj153/mi153mi05_11

Ueber vegetabilisches Leber

enthält das Londoner Journal of the Society of Arts vom 1. Juli folgenden interessanten Artikel:

Nachdem wir einige Muster vegetabilischer Ledersorten und daraus verfertigte Gebrauchs-Gegenstände zu Gesicht bekommen hatten, besuchten wir kürzlich die großen Fabriklocalitäten der HHrn. Spill u. Comp. auf Stepney-green bei London, um den gegenwärtigen Zustand und die Eigenschaften dieses künstlichen Leders, als Surrogat des wirklichen, genau zu untersuchen. Das äußere Ansehen und allgemeine Wesen des vegetabilischen Leders haben so große Aehnlichkeit mit den Eigenschaften des natürlichen Produktes, daß nur bei sehr genauer Prüfung der Unterschied wahrgenommen werden kann. Dieß ist besonders der Fall bei derjenigen Sorte, welche zu Büchereinbänden, zu großen Tischüberzügen und ähnlichen Zwecken zubereitet wird. Unter anderen Vorzügen, die es vor dem eigentlichen Leder besitzt, können diejenigen hervorgehoben werden, daß, wie dünn auch der künstliche Artikel ist, derselbe nicht ohne Anwendung bedeutender Gewalt zerreißt, daß er jeder Feuchtigkeit widersteht und daß auf demselben Nässe, ohne Nachtheil zu verursachen, irgend eine Zeit lang bleiben kann, so daß es weder aufquillt noch runzelig wird, es bleibt immer trocken und seine Glätte und Politur nimmt durch Reiben eher zu, als ab. Auch wird durch Kratzen mit dem Nagel oder durch andere zufällige Berührung mit einem harten Gegenstande die Oberfläche des vegetabilischen Leders nicht angegriffen. Die Erwähnung dieser Eigenschaften genügt hinlänglich, um darzuthun, daß es gegen den zum täglichen Gebrauch so nothwendigen Artikel, von welchem zur Deckung des |398| Bedarfs seit einigen Jahren nicht genug aufzutreiben war und dessen Preis deßhalb zur großen Benachtheiligung aller Classen des Publicums eine übermäßige Höhe erreichte, mit Erfolg in Concurrenz treten kann. Nach unserem Wissen hat das größte ganze Stück wirklichen Leders, das aus einer Ochsenhaut geschnitten werden kann, keine größere Länge, als 7 Fuß, und keine größere Breite, als 5 Fuß, worin auch die dünneren und weniger benützbaren Theile begriffen sind. Vegetabilisches Leder hingegen wird in der Länge von 50 englischen Yards und in der Breite von 1 1/2 Yard fabricirt, und zwar durchgehende in gleichmäßiger Dicke, wie man solche eben wünschen mag, so daß ein jeder Theil gehörig benutzt werden kann. Uebrigens vernahmen wir zu unserer Ueberraschung, daß das vegetabilische Leder nicht eine Erfindung ist, der erst noch durch namhafte Verbesserungen aufzuhelfen wäre, sondern daß dieser Artikel, trotz seiner Neuheit, schon zu vielen Gegenständen des täglichen Gebrauchs mit vollständigem Erfolge verwendet wird, und daß zur Lieferung desselben bereits große, ja ungeheure Contracte abgeschlossen sind.

Kautschuk und Naphtha werden zur Fabrication desselben genommen; allein durch ein dem älteren Affocié des Hauses, einem sehr gediegenen Chemiker, bekanntes Verfahren wird jeder Geruch der Naphtha beseitigt, so daß der Geruch des vegetabilischen Leders, wenn je einer obwaltet, weniger stark ist, als der des wirklichen Leders. Die hauptsächlichsten Gegenstände, zu denen bis jetzt schon das vegetabilische Leder verwendet wird, sind Wagen- und Pferdedecken, Riemenzeug für Soldaten, Wassereimer, die zusammengelegt werden können, Geschirre für Zugthiere, Büchereinbände und so fort. Für letztere eignet es sich ganz besonders wegen feiner Zähigkeit, Waschbarkeit und wegen der Eigenschaft, keine Flecken anzunehmen. Die Dicke, welche bis zum höchsten Grad gebracht werden kann, wird ihm durch vermehrtes Einlegen von Leinen und anderen Stoffen, die mit Kautschuk verbunden werden, gegeben. Seine Stärke gränzt aus Erstaunliche, während, was mit ein Hauptpunkt ist, der Preis nur den dritten Theil jenes des wirklichen Leders beträgt. Viele Artikel, die man uns zeigte, zeichnen sich durch Eleganz und vollendete Arbeit aus. (Württembergisches Gewerbeblatt, 1859, Nr. 37.)

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