Titel: Das beste Mittel gegen Leichtverbrennlichkeit von Webstoffen; nach Dr. Franz Döbereiner, von Th. Oelsner.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1859, Band 153/Miszelle 8 (S. 393–395)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj153/mi153mi05_8
|394|

Das beste Mittel gegen Leichtverbrennlichkeit von Webstoffen; nach Dr. Franz Döbereiner, von Th. Oelsner.

In Nr. 2 des Jahrg. 1859 der „Gartenlaube“ behandelt ein längerer Aufsatz Döbereiner's die Schutzmittel gegen die in neuester Zeit so schreckend häufig vorgekommenen Kleiderverbrennungen. Nachdem er für Eintreten des Unfalles als Bestes den Rath ertheilt, heftige Bewegungen zu vermeiden, sich niederzulegen und mit beliebigen dichten Gegenständen: Kleidern, Decken, Betten, was gerade zur Hand ist, selbst mit massenhaftem Heu u. dgl. überdecken zu lassen, wendet er sich zu den Vorbeugungsmitteln, welche gegen das Vorkommen des Falles anzuwenden. Wenn auch die sogenannten Feuerschutzmittel in neuester Zeit eine größere Anwendung bei Holzwerk u. dgl. finden, so ist doch ihre Benutzung für Sicherung der Kleidungsstücke und dadurch mittelbar gegen Beschädigung des menschlichen Körpers und gegen Gefährdung des Lebens noch gänzlich unbeachtet geblieben; und doch ist sie hier am nothwendigsten, da die Gewebe für Kleidungsstücke, und besonders die aus dem Pflanzenreiche, also die leinenen und baumwollenen, um so leichter Feuer fangen, je feiner das Gewebe selbst ist. Die Gefahr, d.h. die feuerfangende Natur solcher Gewebe, wird aber noch durch das Waschen derselben erhöht, weil einestheils die mehr dicht machende Schlichte (das aufgetrocknete Stärkmehl, welches in Form von gewöhnlichem Stärke- oder Weizenmehlkleister beim Weben benutzt wird, oder der zu gleichem Zwecke verwendete eingetrocknete Schleim) dadurch beseitigt, anderntheils der Stoff durch das Reiben beim Waschen viel lockerer gemacht wird Besonders tritt eine solche Gefahr ein, wenn die gewaschenen Gewebe nicht wieder gestärkt worden; aber auch wenn dieß geschieht, bleibt sie, wenn nicht dabei zugleich solche Substanzen zugesetzt werden, welche die Gewebe relativ unverbrennlich machen.

Die vorzüglichsten, welche man als Schutzmittel gegen die flammende Verbrennung entzündbarer Körper vorgeschlagen und angewendet, sind: Borax, Alaun, Wasserglas, phosphorsaures Ammoniak. Die ersteren Stoffe in einem entsprechenden Verhältnisse in Wasser gelöst, leisten fast gleiche Dienste bei gröberen brennbaren Körpern, eignen sich aber nicht zur Sicherstellung der feineren, der gewebten, gestrickten und gehäkelten Gegenstände. Borax hat die Eigenschaft, beim Eintrocknen durch das heiße Plätteisen aufzublähen und nicht allein die Maare hart zu machen, sondern selbst auch abzustäuben. Auf gleiche Weise verhält sich Alaun, und besitzt außerdem die Eigenschaft, feine Gewebe leicht so mürbe zu machen, daß sie bei der geringsten Drehung zerreißen. Das Wasserglas macht die damit getränkten oder überzogenen Gewebe hart und brüchig und wirkt auch in gelinderem Grade selbst auf die Faser ein, so daß diese mürbe und das Zeug leicht zerreißbar wird. Das phosphorsaure Ammoniak hingegen besitzt keinen dieser Fehler; es läßt nach dem Trocknen an der Luft oder durch das heiße Plätteisen die Gewebe u.s.w. hinreirend beweglich und faltenschlagend, ohne im Geringsten auf die Faser störend einzuwirken, und kann selbst mit dem zum Stärken dienenden Kleister vermischt werden. Es wird für den einen oder den anderen Fall in der 20fachen Menge (2 Loth auf 1 preuß. Quart) Wasser aufgelöst und entweder mit dieser Lösung für sich oder mit dem Stärkekleister vermischt ins Gewebe gebracht, dieses aber dann dem Trocknen an der Luft überlassen oder geplättet. Vorsorgende Hausfrauen mögen sich durch einen Versuch an einem so vorbereiteten werthlosen Gewebe überzeugen, und sie werden finden, daß dieses beim Hineinhalten in eine Kerzenstamme zwar nach einiger Zeit verkohlt, sich aber sonst entweder gar nicht oder erst nach längerer Dauer und dann nur an einzelnen Stellen entzündet. Sie werden gewiß zur Sicherstellung ihrer und der Angehörigen alle leicht feuerfangenden Kleidungsstücke, besonders Oberkleider, für die Zukunft auf diese Weise zubereiten und dürfen dann mit weit mehr Ruhe die Kinder ihren Beschäftigungen überlassen, da der schrecklichsten und in ihrem Gefolge oft gar nicht zu berechnenden Gefährdung, der Feuersgefahr, vorgebeugt ist. Umsichtige Frauen werden diese Vorbeugung auf alle leicht entzündlichen Gegenstände aus Leinenzeug, Baumwolle und Papier ausdehnen. Zur allgemeinen Sicherstellung ist es aber auch nothwendig, daß die Fabrikanten der leinenen, baumwollenen und Papierzeuge dieselben sogleich bei der Anfertigung mit einem Sicherungsmittel gegen Entzündung versehen, damit sie, da sie doch ohne vorheriges Waschen benutzt werden, vollständige Sicherheit gewähren; und ist eine derartige Vorkehrung um so |395| leichter, da die meisten Gewebe oder Gespinnste unter Anwendung von Schlichte, der das phosphorsaure Ammoniak zuzusetzen, verfertigt werden. Diejenigen, welche zuerst eine derartige Sicherung ihrer Erzeugnisse vornehmen und auf denselben bemerken, würden gewiß reichlichen Absatz haben. Am Preise des phosphorsauren Ammoniaks kann die Ausführung nicht scheitern, da einestheils eine derartige Sicherstellung nicht zu hoch erkauft werden kann, anderentheils es Mittel und Wege gibt, dieses Salz, wenn auch nicht von absoluter Reinheit, die hier nicht erforderlich ist, billig darzustellen. Wir wollen nur die Fabrikanten von feinen Leinen und Baumwollenzeugen, welche diese in der angegebenen Weise sichern, oder Verfertiger chemischer Präparate, auch namentlich Apotheker, welche das phosphorsaure Ammoniak als Feuerschutzmittel in den Handel bringen wollen, darauf hinweisen, daß es billig und fast rein durch Neutralisiren der Knochenphosphorsäure, wie dieselbe durch längere Digestion von 5 Theilen weißgebrannten und gepulverten Knochen mit 3 Theilen concentrirter Schwefelsäure und 20 Theilen Wasser gewonnen wird, mit reinem oder kohlensaurem Ammoniak, erhalten werden kann, noch billiger aber, indem man die bei der Knochenleimfabrication mittelst Salzsäure erhaltene Flüssigkeit durch kohlensaures Ammoniak neutralisirt und die von dem gebildeten Niederschlag getrennte Flüssigkeit zur Krystallisation verdünsten läßt. Das auf letztere Weise erhaltene Gemenge von phosphorsaurem Ammoniak und Salmiak kann man durch wiederholte Umkrystallisation zwar scheiden, aber auch diese Operation umgehen, da der Salmiak nicht störend wirkt und in gewisser Beziehung den Schutz gegen die stammende Verbrennung der damit getränkten feuerfangenden Gegenstände erhöht, und das Gemenge, da es von dem Franzosen Gay-Lussac als Feuerschutzmittel vorgeschlagen worden ist, als Gay-Lussac'sches entflammunghinderndes Salz in den Handel bringen. 2 Loth dieses Salzgemisches würden im Detailhandel um weniger als 1 Groschen zu verkaufen, und in 1 Quart Wasser gelöst für sich oder mit dem Stärkekleister vermischt, hinreichend seyn, eine große Menge leicht feuerfangender Gegenstände zu sichern.

Abermals soll übrigens, wie das „Magazin für Literatur des Auslandes“ mittheilt, ein Mittel erfunden seyn, von einem Hrn. Carteron zu Ronen, Stoffe aller Art. auch Gewebe, vor dem Verbrennen zu bewahren. Es ist ein weißes Pulver, das sich mit jeder Flüssigkeit behufs Ueberstreichung der Gegenstände leicht vermischt. Wo diese vom Feuer unmittelbar berührt werden, findet zwar eine Verkohlung statt, die sich jedoch nicht weiter verbreitet. Vielleicht – ist es das eben empfohlene Salzgemisch selbst. (Breslauer Gewerbeblatt.)

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: