Titel: Ueber Centrifugal-Metallguß; von Carl Kohn in Wien.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1859, Band 153/Miszelle 1 (S. 461–462)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj153/mi153mi06_1

Ueber Centrifugal-Metallguß; von Carl Kohn in Wien.

Unter Centrifugalguß versteht man einen Metallguß, welcher mittelst Anwendung der Centrifugal- oder Fliehkraft erzeugt worden ist. Um nun oberflächlich die Wirkungsweise dieser Kraft zu erklären, ist früher die Centripetalkraft zu erwähnen.

Die Centripetalkraft ist jene, welche den Körper fortwährend nach einem gewissen festen Punkt, Mittelpunkt oder Achse, zu ziehen strebt, während die Centrifugalkraft ersterer gerade entgegengesetzt wirkt, indem selbe jene ist, mit welcher der Körper sich von dem gedachten Mittelpunkte oder der Achse entfernen würde, wenn ihn die Centripetalkraft nicht daran hinderte. Wird ein fester oder flüssiger Körper um seine Achse gedreht, so suchen sich die um seine Drehungsachse gelagerten festen oder flüssigen Theile von selber zu entfernen, und zwar mit je größerer Geschwindigkeit die Drehung vor sich geht, mit desto größerer Kraft und Geschwindigkeit werden sich die Theilchen von der Achse zu entfernen suchen.

Die Anwendung dieser Kraft ist sehr mannichfaltig, sowohl für Industriezweige als zu verschiedenen anderen technischen Zwecken, so z.B. zum Reguliren der Dampf- und anderen wirkenden Maschinen der Centrifugal-Kugelregulator, als Pumpen, z.B. jene von Appold, welche auf der Pariser Ausstellung durch Centrifugalkraft große Wasserquantitäten auf geringe Höhen heben konnte, die Centrifugalpumpe vom Sectionsrath v. Rittinger auf der Augarten-Ausstellung in Wien, eben so wirkend wie jene von Appold; ferner zu Gebläsen. Besonders wichtig sind die Centrifugal-Maschinen zum schnellen Trocknen von Woll-, Leinen- und Seidenstoffen, die nicht gepreßt werden dürfen, die sogenannten Hydroextracteure, durch die auch das Ausschleudern oder Absondern der nicht krystallisirbaren Flüssigkeit von den krystallisirten Theilchen bewirkt wird, wie beim Zucker, und überhaupt zur Abtrennung der Flüssigkeiten von festen Körpern.

Die Anwendung auf Metallguß hat Shanks in London im Anfang der Fünfziger Jahre hervorgerufen, indem er Gasröhren größerer Dimensionen und Hohlgeschosse für die Marine in solcher Quantität zu liefern hatte, daß er auf andere Mittel sinnen mußte, um das zeitraubende Formen und Kernmachen zu ersparen. Er construirte nach mehrfach vorgenommenen Versuchen eine Maschine, die ihrer Einfachheit wegen interessant ist.

Der Hauptbestandtheil der Maschine ist für Röhren und Kugelguß eine Hohlform von Eisen, welche sich horizontal oder vertical um ihre Achse dreht; wird eine flüssige Masse, als z.B. Eisen, Messing oder Blei in diese eingegossen, währenddem die Form mit gewisser Geschwindigkeit gedreht wird, so wird das flüssige Metall durch die vorerwähnte Centrifugalkraft sich mit großer Kraft zu entfernen suchen und von den Formwänden zurückgehalten, während das Metall nach wenigen Secunden erstarrt, und so bekommt das Metall genau die Form, welche die Umkleidung des gedrehten Körpers hatte: gibt man z.B. in eine Rohrform ohne Kern von 12 Fuß Länge und 3 Zoll Diameter 70 Pfund geschmolzenes Gußeisen, so entsteht ein Rohr von vollkommen gleicher Wanddicke von circa 4 Linien, und die innere Fläche des Rohrs wird viel glatter, als bei einem über den Kern gegossenen Rohre. Ein solcher Guß ist sehr fest, specifisch schwerer, bekommt nie Luftblasen; gibt man z.B. 35 Pfund Eisen in dieselbe Form, so wird das Rohr |462| genau in der Wanddicke 2 Linien haben, bei 17 1/2 Pfund nur 1 Linie, ohne daß Luftblasen oder gar Lochstellen zum Vorschein kommen u.s.w.

Bei Kugeln, welche hohl werden sollen, ist es genau derselbe Fall. Das Gießen dieser Hohlkugeln bietet aber die Schwierigkeit dar, daß die Kugelwand überall gleich dick wird, welches bei Gebrauch von Hohlgeschossen sehr große Hindernisse bietet, denn eine Bombe oder Granate für die Marine soll an dem untersten Theile am stärksten seyn, damit der Fall solcher Bomben so vor sich geht, daß die größere Schwere dem Brander entgegensteht, und ein Verlöschen desselben durch den umgekehrten Fall nicht eintreten kann; zu diesem Ende habe ich eine Differential-Rolle vorgeschlagen, d.h. eine Riemscheibe von conischer Gestalt, wo der Laufriemen derart verschoben wird, daß die Masse, welche im Fluß ist, in abnehmender Progression aufsteigt, wodurch diese Kugeln richtig in ihrer Dicke so abnehmen, wie man es verlangt. Ferner werden auf diese Weise mit sehr großem Vortheil halbkugelförmige Pfannen von großen Dimensionen gegossen, deren Formerei sonst mit großen Schwierigkeiten verknüpft ist.

Von großem Vortheil sind die auf Centrifugalweg gegossenen Stahl-Tyres für Locomotiven. Besonders hervorzuheben sind gußeiserne Hartwalzen; das Eisen wird so hart, daß die 4 bis 5 Linien dicke Rinde jedem Schneidewerkzeug vollkommen Widerstand leistet und Glas ritzt, während der Kern weicher bleibt und so dem Zerbrechen Widerstand leistet; der Bruch ist nicht körnig, sondern strahlenförmig.

Shanks hatte die Hauptabsicht, nachdem er gesehen hat, daß man sehr dünnen Guß erzeugen kann, ein Material für Dachbedeckungen billig zu erzeugen. Er hat zu diesem Ende in seiner Doppelmaschine Cylinder, kurze Rohrstücke von 9 Zoll Länge und 6 Zoll Durchmesser, 1 Linie dick gegossen; diese Rohrstücke, wovon in 1 Stunde 360 Stück in einer Maschine gegossen wurden, wurden getempert, d.h. in einem Temperofen weich gemacht, aufgeschnitten und mit dem Schlegel gestreckt; somit hatte er gußeiserne Dachdeckplatten von 18 Zoll Länge, 9 Zoll Breite und 1 Linie Dicke; ein Loch am Ende durchgeschlagen, gibt den Anhaltspunkt für die Platten. Solche Platten sind sehr glatt, leicht und billig, rosten nicht so wie Eisenblech und sind sehr leicht zum Eindecken zu brauchen; diese Platten waren längere Zeit ein Geheimfabricat. Shank's Patent ist bereits übergegangen an Jauesson frères und von da an die Firma Petit-Goudin in Paris. (Mittheilungen des niederösterreichischen Gewerbevereins, 1859 S. 208.)

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