Titel: Eine Cochenillefabrik.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1859, Band 154/Miszelle 11 (S. 79)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj154/mi154mi01_11

Eine Cochenillefabrik.

Wer hätte im Jahr 1835 gedacht, daß die Jahre der Reben Teneriffa's gezählt seyen? „War die Insel nicht seit drei Jahrhunderten ein Weinland und was sollte hindern, daß dem nicht immer so sey?“ sagten fortschrittsfeindliche Naturforscher. Als daher in jenem Jahre ein eingeborener Grundbesitzer das Insect, die Cochenille, und die für dasselbe geeigneten Cactus aus Honduras einführte, hielten ihn seine Freunde für einen Dummkopf und das Landvolk zerstörte bei Nacht seine Pflanzungen, weil sie eine Neuerung seyen, welche man in einem Traubenlande nicht dulden dürfe. Die Regierung ließ ihm indeß ihre Unterstützung angedeihen und so erhielten sich, obgleich hin und wieder auf Kosten einer agrarischen Störung, einige Cochenillen und Cactus in abgelegenen Theilen der Insel. Die Zeit verging und die Rebenkrankheit brach über das Land herein. Die Frucht verwelkte, die Pflanzen starben ab, Hungersnoth starrte Jedem aus dem Gesicht. Oratora, sonst so häufig besucht von Amerikanern, um Breter und Zimmerholz gegen Wein einzutauschen, ward von diesem materiellen Volke bald ganz verlassen. Nun kam der Versuch, ob Cochenille in den verlassenen Weinbergen gedieh. Er gelang zum Erstaunen.

Das Insect pflanzt sich reißend schnell fort und seine Embryonen gehen von Hand zu Hand. Eine wahre Wuth erfaßte in Kurzem das Volk für Cochenille und hat sich noch nicht gelegt. Alles disponible Land, Gärten, Felder wurden in Cactuspflanzungen umgewandelt. Innerhalb 6 Monaten nach Einsetzen der Blätter kann das Ernten beginnen. So nutzbar hatte man nie zuvor das Land verwendet. Man fand, daß ein Acker des trockensten Landes mit Cactus bepflanzt 300 bis 500 Pfund zu einem Werthe von 75 Pfund Sterling für den Pflanzer liefere. Kein Wunder also, daß die Begeisterung unbegränzt war. Die Männer legten Pflanzungen in großem Maaßstabe auf den Feldern an, während die Weiber in jedem Winkel am Hause Nadelgeld sammelten. Sodann durchforschten Abenteurer die Schluchten und Gebirgshalden; wo immer sie eine Cactuspflanze fanden, da hefteten sie mit deren eigenen Dornen das Zeichen dieses kleinen Cochenillenthieres an, d.h. die Lumpen, in welchen sich die jungen Insecten befanden. Diese winzigen Thiere werden von ihrer Mutter in Menge erzeugt. Die wenigen Männer unter ihnen sind geflügelt, leben nur kurze Zeit und sterben; sie hinterlassen das Weibchen, das einer Wanze gleicht, um seine nützliche und mühsame Lebensaufgabe, die Ausscheidung einer großen Menge Purpurflüssigkeit, zu erfüllen. Sind sie mit dieser gehörig imprägnirt, so nimmt man sie von den Pflanzen ab, legt sie auf ein Bret und backt sie, um das trockne Präparat der Märkte herzustellen, in einem Ofen zu Tode.

Die Cochenille gedeiht am besten im Süden Teneriffa's, wo die Pflanzer zwei Ernten im Jahre machen. Im Norden haben sie nur eine und sind genöthigt jedes Jahr frische Insecten aus dem Süden zu kaufen, da diese den strengen Winter nicht überleben. In früherer Zeit pflegten die Bewohner des Südens nach Norden zu kommen und ihre nördlichen Brüder um Abnahme anzuflehen, denn obgleich sie Reben pflanzten, kam die Frucht in so trockenem Boden selten zur Reife. Jetzt ist der Süden der reichere Bezirk geworden und dieß verdankt er der Cochenille und ihrer Kraft Farbe zu bereiten aus dem sonst nutzlosen Cactus – einer Pflanze, die auf weit trockenerem Grund als der Weinstock wächst und blüht. Unglücksfälle werden hin und wieder eintreten, so kann z.B. ein schwerer Regenschauer die Insecten von den glatten Cactusblättern abspülen, wodurch ein großer Theil des Ertrages verloren geht. Auch sind die Thierchen, obschon sie eine hohe Temperatur und ziemlich trockne Luft lieben, doch äußerst empfindlich gegen die Sonnenstrahlen. (Zeitschrift für die gesammte Naturwissenschaft, Bd. XIII S. 411.)

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