Titel: Ueber die künstliche Weinsteinsäure.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1859, Band 154/Miszelle 9 (S. 235–236)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj154/mi154mi03_9

Ueber die künstliche Weinsteinsäure.

In der Sitzung vom 5. September theilte Hr. Pelouze der Akademie der Wissenschaften in Paris Hrn. v. Liebig's kürzlich gemachte Entdeckung der künstlichen Erzeugung der Weinsteinsäure aus Gummi und Zucker mit, und der berühmte Senior der Physiker, Biot. knüpfte hieran die Bemerkung: wie wichtig eine genauere Erforschung der optischen Eigenschaften der künstlich dargestellten Weinsteinsäure sey, um durch sie die Identität oder die nicht minder bemerkenswerte Nichtidentität mit der in der Natur, z.B. in dem Saft der Weintrauben, vorkommenden Weinsteinsäure festzusetzen, und er schlug zu diesem Zweck eine Reihe damit vorzunehmender Versuche vor; diese Versuche sind nun von Dr. Bohn in München ausgeführt worden, und es hat sich herausgestellt daß eine Lösung der künstlichen Säure, welche Hr. v. Liebig dargestellt hatte, die Polarisationsebene der durchfallenden Lichtstrahlen nach rechts ablenkt, und daß diese Drehung durch Zusatz einer Spur Borsäure ganz wie bei der natürlichen Weinsteinsäure vermehrt wird.

Die Identität der natürlichen Weinsteinsäure mit der künstlich dargestellten, und zugleich eine der interessantesten Beziehungen der in dem organischen Proceß in der Pflanze erzeugten Producte ist damit festgestellt. Die unreifen Weintrauben enthalten z.B. Weinsteinsäure die nach und nach verschwindet, an ihrer Stelle enthalten die reifen Trauben Zucker (ein Kohlehydrat), und da man durch den Oxydationsproceß aus Kohlehydraten Weinsteinsäure erzeugen kann, so scheint kaum ein Zweifel zu bestehen, daß in dem entgegengesetzten organischen Proceß im Pflanzenleib aus der Weinsteinsäure der Zucker entsteht. Den Elementen nach kann man die Weinsteinsäure betrachten als Oxalsäure, welche halb in ein Kohlehydrat übergegangen ist. Es ist wohl nicht zu bezweifeln, daß ganz bestimmte und ähnliche Beziehungen, zwischen der Citronsäure (in dem Citronensaft, den Johannisbeeren, dem Saft der Kartoffelknollen etc.), der Aepfelsäure (in den Aepfeln und den meisten Früchten, in dem Saft der Vogelbeeren, der Ananas etc.) und den in den Pflanzentheilen, deren nie fehlende Bestandtheile diese Säuren sind, vorkommenden stickstofffreien Producten, dem Stärkmehl, Pektin etc. bestehen. Es hat sich nun durch Versuche in dem chemischen Laboratorium der k. Akademie der Wissenschaften in München neuerlichst ergeben, daß die Aepfelsäure durch einen einfachen Oxydationsproceß (beim Erwärmen mit Braunstein) Aldehyd, und die Citronsäure unter denselben Umständen Aceton, zwei höchst unerwartete Resultate, liefern; die Aepfelsäure läßt sich aber ihren Elementen nach als Oxalsäure gepaart mit Aldehyd, und die Pyrocitronsäure |236| oder Citraconsäure als eine mit Aceton gepaarte Oxalsäure betrachten. Diese Thatsachen, weiter verfolgt, dürften vielleicht geeignet seyn den Weg zur Erkenntniß vieler physiologischen Vorgänge zu bahnen, die uns bis jetzt vollkommen dunkel und unverständlich geblieben sind. (Beilage zur Allgemeinen Zeitung vom 10. November 1859.)

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