Titel: Ueber das Schiffsziehen auf Canälen mittelst Dampf.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1859, Band 154/Miszelle 2 (S. 315–316)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj154/mi154mi04_2

Ueber das Schiffsziehen auf Canälen mittelst Dampf.

Das System des Schiffsziehens, welches durch den Ingenieur F. Bouquié vorgeschlagen worden ist, hat zum Zwecke, die Zugpferde durch kleine Locomobilen zu ersetzen, welche auf dem Verdecke der Boote aufgestellt werden und ihre Bewegung auf ein Rad übertragen, dessen Zahne in die Glieder einer unter Wasser ausgespannten Kette eingreifen. Der Bewegungsapparat steht auf einer beweglichen Unterlage, so daß er bei der Ankunft entfernt und auf ein abgehendes Boot übertragen werden kann. Die Rückfahrt kann mit derselben Kette erfolgen, wobei natürlich die abwärts fahrenden Boote die Kette verlassen müssen, sobald ihnen ein aufwärts gehendes Boot begegnet.

Diese Methode der Beförderung bietet den Vortheil, sich auf jede Art von Kähnen anwenden zu lassen, ohne einen besondern Remorqueur zu erfordern. Während bei |316| der Anwendung des letzteren an jeder Schleuße die sämmtlichen angehängten Kähne so lange warten müssen, bis auch der letzte durchpassirt ist, fällt dieser Zeitverlust bei der neuen Methode ganz weg. Man erspart ferner das ganze todte Gewicht des Remorqueurs, man vermeidet den Kraftverlust, der durch das Senken der Ziehtaue entsteht, und kann endlich eine verhältnißmäßig schwache Kette anwenden, da die daran angreifende Kraft diejenige von 4 Pferden nicht übersteigt. Auch die Generalkosten des Transportes werden durch die häufigeren Reisen vermindert, und Hr. Bouquié meint, daß durch seine Methode den Canälen die Concurenz mit den Eisenbahnen wesentlich erleichtert werden wird. Vor diesen haben die Canäle viele Vortheile, besonders in Beziehung auf das zu bewegende todte Gewicht, auf den zu überwindenden Widerstand, das aufzuwendende Capital, die Unterhaltungskosten etc. Einige Zahlen werden dieß beweisen.

Um 400 Tonnen Kohlen (à 1000 Kilogr.) auf der Eisenbahn zu befördern, braucht man 40 Waggons, die leer (à 4200 Kilogr.)

wiegen 168000 Kilogr.
eine Locomotive und Tender 63000 „
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Summe 231000 Kilogr.

Das todte Gewicht zweier Kähne, die zusammen 400,000 Kilogr. Kohlen fassen, beträgt nur 120,000 Kilogr., indem man dabei gleichzeitig das Leer-Zurückfahren einrechnet, was wir bei der Eisenbahn nicht angenommen haben.

Auf einer Eisenbahn, deren mittlere Steigung 1 : 500 ist, beträgt die zur Bewegung von 1000 Kilogr., mit einer Geschwindigkeit von 1 Meter per Secunde, nöthige Kraft 7 Kilogr., was sechsmal soviel, als bei der Schifffahrt erforderlich ist. Was die aufzuwendende Capitalanlage anbelangt, sind die Vortheile noch viel bedeutender; die Canäle kosten per Kilometer, mit dem Materiale, ungefähr 150,000 Frc., während die Kosten von 1 Kilometer Eisenbahn zwischen 3–400,000 Frc. schwanken. Die Unterhaltungskosten der Eisenbahnen sind bedeutend; man muß ohne Unterlaß repariren und erneuern, sowohl was den Bahnkörper, als was das rollende Material anbelangt, während von einer Abnutzung der Canäle kaum die Rede ist. Der Beweis für die unzweifelhaften Ersparnisse beim Transporte schwerer Massen auf den Wasserwegen liegt darin, daß der Canaltransport trotz der großen Opfer, welche von Seiten der Eisenbahnen gebracht sind, überhaupt noch besteht, obwohl er bisher auch die Hülfe der Dampfkraft hat entbehren müssen – eine Kraft, deren jetzt ermöglichte Anwendung der Kahnschifferei und damit der ganzen Transportindustrie einen nicht geahnten Aufschwung geben muß.

Die Zahlen des Hrn. Bouquié sind durch praktische Erfahrungen bestätigt worden. Seine Methode ist gegenwärtig auf der Seine zwischen Paris und Conflans eingerichtet, und es bleibt nur noch übrig, die 303 Kilometer zwischen Conflans und Mons, und die 164 Kilometer zwischen la Fère und Charleroi ebenso herzustellen. Da das Seilziehen nach dieser Methode das Wasser nicht aufrührt, kann man die Geschwindigkeit der Kähne leicht aus 4 Kilometer per Stunde steigern, und wenn die Fahrt täglich 12 Stunden dauert und an jeder Schleußt 15 Minuten verloren werden, kann man von Charleroi und Mons (den Hauptkohlenplätzen) nach Paris in 9 Tagen kommen. Unter diesen Umständen und mit Zugrundelegung der schon erhaltenen Resultate, berechnet Hr. Bouquié, daß die Fracht per Tonne von Charleroi und Mons nach Paris nur 6,79 Frc., gegen die früheren 10,29 Frc. kosten wird.

Durch die erzielte größere Geschwindigkeit läßt sich die Zahl der nöthigen Fahrzeuge wesentlich vermindern. Statt 3000, wie jetzt, würden 900 genügen, um den gegenwärtigen Kohlenverkehr von Charleroi etc. nach Paris zu vermitteln.

Es würden kosten:

900 Fahrzeuge à 6000 Frc. 5,400000 Frc.
400 Locomobilen à 5000 Frc. 2,000000 „
451 Kilometer Kette à 2000 Frc. 902000 „
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Das nöthige Capital zusammen 8,302000 Frc.,

eine gegen die Wichtigkeit der Anlage verschwindende Summe. (Moniteur des int. mat., 1859 S. 241; Wochenschrift des schlesischen Vereins für Berg- und Hüttenwesen, Nr. 43.)

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