Titel: Die künstliche Austernzucht.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1859, Band 154/Miszelle 7 (S. 319–320)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj154/mi154mi04_7

Die künstliche Austernzucht.

Wenn Austern auch nicht geradewegs gesponnen und gewoben wie Garn oder gegossen und gewalzt wie Eisen werden, so hat doch die künstliche Beförderung der Erzeugung solche Formen angenommen, daß man wohl von einer Manufactur reden kann. Der Austernfang ist ein wichtiger Erwerbszweig an den Küsten des atlantischen Meeres, und England, Frankreich, Belgien und Deutschland betheiligen sich gleicherweise dabei, so sehr sie es vermögen. Bekanntlich hat man in Frankreich den Gegenstand der nachhelfenden Befruchtung der Fische in den Strömen sehr ernsthaft ins Auge gefaßt (worüber wir des Mehreren im polytechn. Journal) zu verschiedenen Malen veröffentlicht haben. Diese Nachhülfe dehnt man jetzt auch auf Austernbänke aus. Man hat dazu einen Theil der Bay von St. Brieux gewählt, einen Platz, der von Natur dazu geschaffen scheint und auf eine Ausdehnung von 12,000 Hektaren (zu 2 Acker) der Austernzucht alle Vortheile bietet, denn der Boden ist feiner Sand, wenig gemischt mit Schlick oder Klei. Die Fluth, welche dort von N. W. zu S. W. und umgekehrt steigt und fällt, mit einer Geschwindigkeit von 3 engl. Meilen in der Stunde, erneuert das Wasser fortwährend und führt allen unreinen |320| Niederschlag ab und faßt, indem es sich gegen die Felsen bricht, alle wünschenswerthen belebenden Eigenschaften in sich. Die Auslegung der Brutaustern geschah im März und schloß mit April dieses Jahres, während welcher Zeit 3 Millionen Austern ausgelegt wurden, die zum Theil aus der See, zum Theil von den Bänken von Cancale und Treguler genommen wurden. Man legte sie in 10 längwegs laufende Bänke, die zusammen eine Oberfläche von 1000 Hektaren ausmachen. Die Lage dieser Bank hat man im vorweg auf einer Karte ausgemessen und schwimmende Flaggen Behufs der Zurechtfindung der Schiffe ausgesteckt. Damit die Auslegung der Austern mit gehöriger Regelmäßigkeit geschehe und die weiblichen Austern nicht verletzt werden dadurch, daß man sie zu dick aufeinander legt, bedient man sich zweier Dampfer, welche die mit den Austern beladenen Boote nachschleppen und sich innerhalb der ausgemarkten Stellen von einem Ende zum andern bewegen und dabei das Aussetzen von Austern vor sich gehen lassen und wenn sie an einem Ende angekommen sind, auf demselben Wege zurückkehren und das Aussetzboot fortziehen, so daß das Setzen genau so bewirkt wird als wenn man Pflugfurchen auf dem Felde zieht. Nach geschehener Aussetzung oder Auslegung tritt sofort auch die Nothwendigkeit auf rings um die Bänke und oben darüber Vorrichtungen anzubringen daß der Laich sich gehörig sammle und auf einem und demselben Platz verbleibe. Ein Mittel, was man zu diesem Ende anwendet, besteht darin, daß man die Bank mit alten Austernschalen bedeckt, damit nicht ein einziges Samenkorn irgend wohin falle, wo es sich nicht zu befruchten vermag. Das zweite Mittel ist die Legung von Faschinen von einem Ende der Bank zum andern, die man an der Wurzel mit Steinen belastet und an der Spitze fest macht, ähnlich wie Spaliere. Die Faschinen stehen 18–20 Zoll über der Bank und verhindern dadurch, daß der Laich von der Fluth mit fortgerissen werde. Gelegt werden die Faschinen durch Männer in Taucherkleidung. Da die Stricke, mit denen die Faschinen vor der Hand befestigt wurden, wahrscheinlich sich bald abnutzen werden, so wird man später dünne eiserne verzinkte Ketten dazu anwenden, welche in Werkstätten des Staats gefertigt werden.

Die Bänke und Faschinenhecken sind ganz genau auf der Karte verzeichnet, so daß es thunlich ist sie nach der Reihe aufzunehmen, gerade wie ein Bauer seine Aepfel Baum für Baum pflückt.

Der Bericht der Commission für jene künstliche Austernzucht führt an, daß kaum 6 Monate seit der Vollendung der Anlage verflossen seyen, und das Ergebniß derselben bereits die kühnsten Erwartungen übertreffe. Die Austernbänke von Cancale und Granville selbst in ihrem gedeihlichsten Zustande und ihren besten Tagen hätten nie eine solche Masse Austern geliefert. Die Faschinenzweige sitzen gehäuft voll Austern gleich wie Blüthen, die im Frühling einen Baum ganz bedecken. Man könnte die Faschinen in der That für versteinert halten. Eine dieser Faschinen hat man nach Paris geschafft und an derselben 20,000 junge Austern gezählt. Sie sind bereits größer als 1 Zoll im Durchmesser und die Faschine nimmt mehr Platz im Wasser ein als eine Garbe auf dem Felde. Die Austern, wenn sie vollkommen ausgewachsen wären, würden einen Preis von 16 Francs das Tausend haben. Die Bay von St. Brieux kann demnach dermaleinst eine wahre Schatzkammer werden. (Deutsche Gewerbezeitung, 1859, Heft 7.)

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