Titel: Verbrennung des Theers in den Gasanstalten der deutschen Continental-Gasgesellschaft zu Dessau.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1859, Band 154/Miszelle 8 (S. 443–444)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj154/mi154mi06_8
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Verbrennung des Theers in den Gasanstalten der deutschen Continental-Gasgesellschaft zu Dessau.

Die Geschäftsstockungen der letzten Zeit haben für die Gasanstalten die unangenehme Nachwirkung gehabt, daß die Theervorräthe sich täglich vergrößern und selbst zu den billigsten Preisen kein Absatz mehr zu erzielen ist.

Mit Rücksicht hierauf und von der Ueberzeugung geleitet, daß erst eine vollständige Reducirung aller Theerlager eingetreten seyn muß, ehe an eine Hebung des Preises wieder gedacht werden kann, ist die deutsche Continental-Gasgesellschaft auf den Anstalten, wo sich große Vorräthe gehäuft hatten, zur Verbrennung des Theers behufs Unterfeuerung der Retorten übergegangen, und zwar mit außerordentlichem Erfolge. Alle Schwierigkeiten, die sich früher der Anwendung zu diesem Zweck entgegenstellten, z.B. häufiges Verstopfen der Zuleitungen, unvollständige Verbrennung, belästigender Rauch u.s.w., sind vollständig beseitigt. Mit 1 bis 1 1/8 Cntr. Theer werden 1 preuß. Tonne (= 1 1/2 Cntr.) Kohks ersetzt. Wenn also die Tonne Kohks mit 25 Sgr. abzusetzen ist, verwerthet sich der Theer zur Unterfeuerung mit netto 22 bis 25 Sgr. pro Cntr., ein Preis, der im Handel fast nirgends mehr erzielt werden kann, da in den letzten Zeiten sogar zu 10 bis 12 1/2 Sgr. pro Centner große Quantitäten, ohne Käufer zu finden, ausgeboten werden.

Die Vorrichtung zum Verbrennen des Theers ist höchst einfach und läßt sich an jedem Ofen anbringen.

Oben auf den Ofen placirt man ein kleines blechernes oder gußeisernes Theerreservoir, das von Zeit zu Zeit nachgefüllt wird. In dem Reservoir befinden sich ein oder zwei falsche Böden mit Löchern von etwa 1/8 Zoll Durchmesser, um Unreinigkeiten zurückzuhalten. Vom Boden des Reservoirs geht senkrecht ein Rohr, welches am untern Ende in einen seitwärts angebrachten kleinen Hahn ausläuft. Dieser Hahn regulirt die Theermenge, welche zur Verbrennung gelangen soll. Ein Eisendraht, den man durchsteckt, dient dazu, von Zeit zu Zeit die Oeffnung zu reinigen und das Ansetzen dicken Theers zu verhindern.

Aus diesem Hahn fließt der Theer in eine schiefliegende offene Rinne. In diese Rinne wird gleichzeitig ein feiner Strahl Wasser, etwa wie eine Stricknadel dick, durch einen Spitzhahn zugeführt; der Theer wird dadurch verdünnt und Verstopfungen des unteren Zuleitungsrohres verhindert, in welches der mit Wasser verdünnte Theer nunmehr durch einen Trichter gelangt. Dieses Zuleitungsrohr ist von Schmiedeeisen und hat etwa 1 1/3 Fuß Länge und 5/4 Zoll innere Weite. Es ist vorn und hinten offen, damit man leicht mit einem Stock durchfahren und dasselbe reinigen kann. Es ist oberhalb der Feuerthüre. in schräger Richtung nach dem Feuer zu etwa 25° einfallend, angebracht und steht außerhalb des Gemäuers so weit vor, daß man an seiner oberen Fläche den schon erwähnten Trichter für die Ausnahme des Theers anbringen könne. Im Feuerraum mündet dieses Rohr über einer Charmottesteinplatte, welche gleich vorn in gleicher Höhe mit der Oberkante der Feuerthüre angebracht ist. Diese Platte befindet sich stets durch die auf dem Roste verbrennenden Kohks in Weißglühhitze und zersetzt sofort den darauf tröpfelnden Theer, welcher nun in Dampfform über dem Feuer hinzieht und dabei vollständig verbrennt, 1/2 bis 1 Tonne Kohks genügen pro 24 Stunden als Zusatz zur Theerverbrennung; ist der Ofen in voller Gluth, so kann man zeitweise auch mit Theer allein heizen. Mit 1/2 bis 1 Tonne Kohks und 4 bis 4 1/2 Cntr. Theer kann man sehr gut 16 bis 18000 Kubikfuß Gas pro 24 Stunden erzeugen. Der Arbeiter hat nichts weiter zu thun, als den Theerzufluß dem gewünschten Hitzegrade entsprechend zu reguliren und Achtung zu geben, damit in den Hähnen und Zuleitungsröhren keine Verstopfungen eintreten.

Es wird die große ökonomische Wichtigkeit dieser Verbrennungsmethode allen Gasfabrikanten, die ihren Theer nicht abzusetzen vermögen, einleuchtend seyn, und bemerken wir schließlich, daß auf den von der deutschen Continental-Gasgesellschaft betriebenen Gasanstalten zu Gotha und Erfurt die Verbrennung des Theers stets in Anwendung ist und die Besichtigung der Einrichtungen jedem, der sich dafür interessirt, ohne Weiteres gestattet wird. (Journal für Gasbeleuchtung, 1859, Nr. 9.)

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