Titel: Professor Kommerell's Gerbversuche.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1860, Band 155/Miszelle 8 (S. 77–78)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj155/mi155mi01_8

Professor Kommerell's Gerbversuche.

Es ist zweifelsohne eine schöne Sache um die Wiederholung von wissenschaftlichen Fortschritten und Neuigkeiten von Seiten der Gewerbvereine, um die Mitglieder darüber aufzuklären und einzuführen. Leider geschieht dieß zuweilen mit großer Oberflächlichkeit.

So schreibt Hr. Prof. Kommerell im Gewerbeblatt aus Württemberg, 1859 Nr. 50. über die Schnellgerbmethode des Dr. Knapp (als Ergebniß eines Versuchs mit frisch enthaartem Kalbfell):

„Nachdem die Haut zuerst mit Eisenchloridlösung, nachher mit Seifenlösung behandelt worden, bekam sie zwar die Farbe des lohgaren Leders, fühlte sich auch so fettig an, wie es die Gerber wünschen, zeigte sich aber als brüchig. Der Grund des Mißlingens wird darin gesucht, daß das Eisenchlorid immer freie Säure enthält, welche, obgleich in ziemlicher Menge Soda zugesetzt worden, nicht leicht zu entfernen sey. Ein zweiter Versuch unterblieb.“

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Ich gehöre nicht zu den Erfindern von Schnellgerbmethoden im Sinn des Hrn. K., und habe nirgends eine solche angegeben. Aus dem ganzen Zusammenhang meiner Schrift geht hervor, daß ich nur darauf hinweisen wollte, inwiefern die Haut auch nach andern Principien, als die der gewöhnlichen Gerberei, in Leder umgewandelt werden kann, so z.B. mit Eisenchlorid- und Seifebädern. Am wenigsten habe ich diese wissenschaftliche Thatsache als eine Schnellgerbmethode proclamirt und überhaupt es gar nicht übernommen, das wissenschaftliche Princip zu einer praktischen Methode zu erweitern, weil ich weiß daß dazu sehr vieles, insbesondere die Mitwirkung intelligenter Gerber gehört, welche mir seiner Zeit nicht zu Gebote stand. Ob die Praktiker jenes Princip zu einer Gerbmethode, ob zu einer langsamen oder schnellen ausbilden werden, ruht auch im Schöße der Zukunft.

Wenn Hr. K. einige Begriffe davon hätte, was zu einer praktischen Methode, zumal in der Gerberei, gehört, so hatte er gewußt, daß für den Erfolg eine Menge von Nebenumständen entscheidend sind, daß es u.a. von Temperatur, Zeit, Concentration der Lösungen, von ihrer Reihenfolge, vom Trocknen, von der Behandlung beim Trocknen, von Stollen u.a. D. m. abhängt, ob ein Leder brüchig wird oder nicht. Bei Hrn. K's. Versuch ist von allen diesen Lappalien nicht die Rede, überhaupt von keiner Manipulation und den daraus fließenden Bedingungen; Hr. K. hat ja alles gethan, er hat Seife, Eisenchlorid und Haut in seinen Töpfen; es unterliegt keinem Zweifel, er würde ein gewöhnliches weißgares Leder eben so brüchig zur Welt gebracht haben.21) Aus meiner Abhandlung sowie von den umsichtigen Schülern der Ecole centrale zu Paris, welche die Angaben derselben sorgfältig wiederholt und bestätigt gefunden haben, hätte Hr. K. lernen können, daß Ledermachen mehr, weit mehr als ein bloßes chemisches Experiment, weit mehr als eine bloße Präcipitation eines Salzes durch ein anderes ist; er hätte lernen können, daß das Mißlingen seines Experiments und jene wunderbare freie Säure, welche weder von Soda noch Seife neutralisirt wird, nichts ist als seine Unerfahrenheit und Oberflächlichkeit.

Fr. Knapp.

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Hr. Prof. Knapp übersandte uns Lederproben, sowohl von Hautschnitzeln welche mit wässeriger Lösung von salzsaurem Eisenoxyd (mit Soda oder Aetznatron präparirt), als von solchen welche mit salzsaurer Thonerdelösung sowie mit salzsaurer Chromoxydlösuug imprägnirt und hernach in Seifenlösung ausgegerbt worden waren; dieselben liefern den Beweis, daß man mit den hierbei entstehenden unlöslichen Seifen nicht nur Kalbs-, sondern sogar Rindshaut im Stande ist ohne Narbenbruch gar zu bringen.

Die Redaction.

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