Titel: Ueber die Zusammensetzung des Stahls, nach Christopher Binks in London.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1860, Band 155/Miszelle 3 (S. 156–157)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj155/mi155mi02_3

Ueber die Zusammensetzung des Stahls, nach Christopher Binks in London.

Nach Binks ist man in den englischen Stahlwerken von der Unzureichendheit der jetzigen Erklärung der chemischen Beschaffenheit des Stahls überzeugt und einer der erfahrensten Stahlfabrikanten, Saunderson hat experimentell festzustellen versucht, daß die Entziehung von 1/5 Proc. des Kohlenstoffs aus einem 5 Proc. Kohlenstoff haltenden Gußeisen, nicht nothwendig letzteres in Stahl umzuwandeln vermöge und daß durch die gänzliche Entziehung des Kohlenstoffs nicht nothwendigerweise Schmiedeeisen entstehe, kurz daß die jetzige Theorie der Stahlbildung, nach welcher Stahl eine Verbindung von Schmiedeeisen mit ungefähr 1 Proc. Kohlenstoff, Schmiedeeisen aber Eisen ohne Kohlenstoff oder Eisen mit weniger Kohlenstoff, als zur Bildung von Stahl erforderlich ist, seyn soll, irrig seyn müsse. Saunderson legte bei seinen Versuchen schwache, bis zur Rothglühhitze erhitzte Stäbchen von Schmiedeeisen in ein Porzellanrohr und bestrich oder bestreute dieselben mit dem Stoffe, welchen er auf das Eisen wirken lassen wollte, oder ließ das Reagens in Gasform darüber hinstreichen. Bei den Versuchen |157| mit Holzkohle nahm man frisch gebrannte und pulverisirte, ausgeglühte Kohle von Buchsbaumholz, füllte sie rasch in das Rohr, schob das Eisenstäbchen ein und verschloß das Rohr an beiden Enden. Wollte man Luft zutreten lassen, so legte man das Rohr horizontal und ließe es an den Enden offen, so daß die Luft langsam durch die Kohle an das glühende Eisen treten konnte. Das Eisen wurde in helle Rothglühhitze versetzt, wie beim Verstählen oder Cementiren. Die Versuche ergaben:

1) Daß Schmiedeeisen sich, wenn es bloß der Einwirkung von Kohle ausgesetzt wird nicht in Stahl verwandelt. Ein kleines Stäbchen Schmiedeeisen, welches, im Porzellanrohre eingeschlossen 12 Stunden lang in Rothglühhitze erhalten wurde, zeigte beim Ablöschen weder eine stahlartige Oberfläche, noch die bekannten verschiedenen Anlauffarben bei verschiedener Temperatur.

2) Fand dagegen Luftzutritt statt, in der Art, daß Kohle im Ueberfluß vorhanden war, so verwandelte das Schmiedeeisen sich oberflächlich in Stahl und würde ohne Zweifel bei längerer Dauer des Processes ganz in Stahl übergegangen seyn.

3) Stickstoff erzeugt keinen Stahl.

4) Eben so wenig Kohlenoxydgas.

5) Auch die Kohlenwasserstoffverbindungen sind ohne Einfluß, mag man ölbildendes Gas durch das Rohr streichen lassen oder das Schmiedeeisenstäbchen in ein stickstofffreies Oel tauchen.

6) Dagegen geben ölbildendes Gas mit Ammoniak gemischt und Cyan Stahl, auch verstählt sich das Eisen durch Ablöschen in einem stickstoffhaltigen Oele.

7) Eisencyankalium erzeugt Stahl

8) Cyankalium bildet ebenfalls Stahl, woraus hervorgeht, daß der Eisengehalt des Cyaneisenkaliums nicht das stahlbildende Reagens seyn kann.

9) Kali oder Kaliumdämpfe sind ohne Einfluß auf die Beschaffenheit des Schmiedeeisens.

10)) Eben so wenig bildet sich unter dem Einflusse von Ammoniak oder salpetersaurem Ammoniak Stahl aus reinem Schmiedeeisen.

11) Dagegen wirkt Ammoniak oder Chlorammonium verstählend, wenn das Eisen viel Kohlenstoff enthält.

Hieraus erkennt man, daß die Stahlbildung stets eintritt bei gleichzeitiger Gegenwart von Stickstoff und Kohlenstoff. Sollte das bei ausgedehnteren Versuchen sich weiter bestätigen so bleibt noch die Frage, ob diese beiden Elemente mit dem Eisen Verbindungen eingehen und darin bleiben, oder ob das Stickgas bloß zur Einleitung der Verbindung zwischen dem Eisen und Kohlenstoffe erforderlich ist. (Hartmann's berg- und hüttenmännische Zeitung. 1859, Nr. 22.)

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