Titel: Ein Mittel gegen eingeathmetes Chlor; von Prof. Dr. Bolley.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1860, Band 155/Miszelle 5 (S. 158–159)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj155/mi155mi02_5

Ein Mittel gegen eingeathmetes Chlor; von Prof. Dr. Bolley.

Bei Gelegenheit einer Reihe von Versuchen über Herstellung des sogenannten Anilinviolett mittelst Chromsäure oder Chlorwasser machte ich die Beobachtung, daß ganz kleine Mengen des Anilin hinreichen, einer ziemlich großen Portion starken Chlorwassers den Geruch zu benehmen. Obschon es sich zuweilen zutrug, daß ich in einer Atmosphäre arbeiten mußte, in welcher nicht unbeträchtliche Mengen von Chlor vertheilt waren, fühlte ich mich doch nie dadurch belästigt; ja es war mir selbst der Chlorgeruch, welchen jeder in das Zimmer Hereintretende sogleich bemerkte, gar nicht aufgefallen. Ich bemerkte auch, daß der von mir abgesonderte Nasenschleim blauviolett gefärbt war. Die beim wiederholten Riechen an der Anilinflüssigkeit aufgenommene geringe Menge dieser etwas flüchtigen organischen Base war also hinreichend, um diese beiden Wirkungen hervorzubringen. Es lag nun nahe zu versuchen, ob man wohl die unangenehmen Wirkungen des eingeathmeten Chlors durch nachfolgendes Einathmen von Anilin aufzuheben im Stande sey. So viel ist ganz gewiß, daß die scharfreizende Geruchsempfindung und das Kratzen im Schlunde, welches sich beim Einathmen geringerer Chlormengen sofort bemerklich macht, schnell verschwinden. Versuche mit stärkeren Dosen Chlor habe ich natürlich unterlassen anzustellen. Ich habe aber seit der Zeit, da ich diese Beobachtung machte, wiederholt den Praktikanten in meinem Laboratorium, die mit Chlorentwickelung zu thun hatten, das Gegenmittel empfohlen, und mir von einem jeden bestätigen lassen, daß es ganz treffliche Dienste leiste. Es reicht hin, von der Lösung des Anilin in Wasser auf ein Taschentuch zu träufeln und daran zuweilen zu riechen. Die Löslichkeit des Anilin in Wasser ist zwar gering, doch hat das Anilinwasser noch ziemlich starken Geruch, und man entgeht vielleicht den möglichen schädlichen Wirkungen, die das Einathmen stärkerer Dosen von Anilin hervorbringen könnte, wenn man dasselbe in der verdünnten Lösung anwendet. Namentlich wenn man sich gegen das Einathmen des Chlors durch einen vor die Nasenöffnung gebundenen und mit Anilin befeuchteten Schwamm schützen will, ist dringend zu empfehlen das Anilin verdünnt anzuwenden, damit es, fein vertheilt auf der ganzen Oberfläche des Schwammes, sicherer wirke ohne allzu lästig oder gar gefährlich zu werden. Ich weiß nicht, ob Erfahrungen über die Wirkungen des Anilin beim Einathmen gemacht sind, bin aber geneigt zu glauben, daß Quantitäten, wie die im vorliegenden Falle in Frage kommenden, keine Nachtheile mit sich führen.

Es liegt allzuweit ab von meiner Richtung, die Sache weiter zu verfolgen; doch steht mir klar vor Augen, daß sie der näheren Ergründung und Erweiterung wohl werth wäre, zumal da wir meines Wissens gegen eingeathmetes Chlor weder neutralisirende |159| noch absorbirende Mittel haben, die einigermaßen Befriedigendes leisten. Daß Weingeistdämpfe, die wohl das häufigst empfohlene Mittel sind, sehr wenig nützen, habe ich oft genug erfahren. (Zeitschrift für Hygiene u.s.w. Bd. I S. 170.)

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