Titel: Ueber den norwegischen Fisch-Guano.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1860, Band 155/Miszelle 10 (S. 238–240)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj155/mi155mi03_10

Ueber den norwegischen Fisch-Guano.

Bereits im Jahre 1855 vereinigten sich mehrere intelligente Männer in Norwegen zur Begründung einer Gesellschaft unter dem Namen Det norske Fisk-Guano-Selskab |239| mit einem Capital von 100,000 norwegischen Species (1 Species = 1 1/2 Rthlr.), um auf Anregung des Hofraths und Professors Dr. A. Stöckhardt in Tharand und anderer anerkannten Chemiker, die großen Massen bisher nicht benutzter Abfälle, die beim Fang und bei der Zubereitung des Stockfisches sich ergeben, im allseitigen Interesse nutzbar zu machen.

Die durch ihre großartigen Fischereien berühmten Lofoten-Inseln, circa 300 Meilen nördlich von Christiania gelegen, boten die beste Gelegenheit hierzu dar. Die dort alljährlich gefangenen Millionen von Fischen liefern durch die sich bildenden Abfälle der Dorsche oder Stockfische, namentlich die Köpfe und Rücken, und durch die Wrockfische, Hunderttausende von Centnern, die bisher wieder ins Wasser geworfen wurden und so verloren gingen. Wie groß die Masse dieses Materials ist, wird aus der Angabe erhellen, daß die Zahl der jährlich zu verarbeitenden Fischköpfe, Rücken u.s.w. bis auf zwanzig Millionen steigt und das Quantum des daraus zu gewinnenden Guanos auf 50,000 Cntr. geschätzt wird. Es ist indessen die Absicht der Gesellschaft später directen Fischfang für die Fabrik zu betreiben, um die ungeheuren Massen von andern Fischen, welche dort mit größter Leichtigkeit gefangen werden können und bisher zu keinem andern Zwecke verwendet werden konnten, nutzbar zu machen, so daß dadurch später noch viel größere Quantitäten von Düngpräparaten dieser Art geliefert werden können. Nachdem der Plan der Ausbeutung dieses Materials einmal gesaßt war, galt es zuerst Menschen zu diesem Behufe für das ganze Jahr auf jene unwirthlichen Inseln anzusiedeln und zwar in der dazu am geeignetsten Lage. Demnächst mußten Maschinen erfunden, gebaut und eingerichtet werden, welche das zähe Material, mit dem man es zu thun hat, nachdem es durch den fortwährend dort herrschenden Sturm getrocknet worden, in geeigneter Weise und mit möglichster Schnelligkeit verarbeiten; die Fischer mußten ins Interesse gezogen werden, um von ihrer alten hergebrachten Gewohnheit zu lassen und die Abfälle zu sammeln; Wasserkräfte mußten nutzbar gemacht, Fabrik- und andere Gebäude und Anlagen erbaut, ein tüchtiger Dirigent gefunden, Zu- und Abfuhr in gehöriger Weise organisirt und noch viele andere Schwierigkeiten überwunden werden. Doch dieß Alles schreckte die Gesellschaft nicht zurück, sie bewährte eine rühmliche Ausdauer, scheute keine Opfer an Zeit und Geld und erreichte dadurch endlich im vergangenen Jahre das lang ersehnte Ziel – ein gleichförmiges Product zu billigen Preisen herzustellen und regelmäßig große Massen liefern zu können.

Dem seit dem Beginn der Unternehmung der Fisch-Guano-Gesellschaft in Christiania dafür thätig gewesenen Hrn. Emil Meinert in Leipzig wurde ausschließlich der Verkauf des Fisch-Guanos, welcher bedeutend billiger zu stehen kommt als peruanischer Guano, für Deutschland übertragen.

Anleitung zum Gebrauche des Fisch-Guanos; von Professor A. Stöckhardt.

Ueber die Wirkung des norwegischen Fisch-Guanos geben die im „Chemischen Ackersmann“ 1857, S. 151 bis 169 mitgetheilten, in Sachseu, Preußen, Mecklenburg, Holstein und Bayern angestellten gemeinschaftlichen Culturversuche specielle Auskunft. Aus der Durchschnitts-Berechnung der hierbei erzielten Mehrerträge ergaben sich, im Vergleich mit den durch guten Peru-Guano erlangten Mehrerträgen, folgende Verhältnisse:

Es wurden im ersten Sommer producirt:

Durch 1 Pfd. Fisch-Guano bei Cerealien (Sommerweizen, Gerste, Hafer) im Mittel
von 25 Versuchen 6,1 Pfd. Trockenmasse.
Durch 1 Pfd. Peru Guano bei Cerealien im Mittel von
23 Versuchen

6,3 „ „
Durch 1 Pfd. Fisch-Guano bei Hackfrüchten (Kartoffeln
und Runkelrüben) im Mittel von 17 Versuchen
15,6 Pfd. frische Wurzeln und Knollen.
Durch 1 Pfd. Peru-Guano bei Hackfrüchten im Mittel
von 17 Versuchen 17,3 „ „

„ „ „
|240|

Die gesammten Zahlen aller Versuche wurden als dafür sprechend angesehen: daß die praktische Leistung des norwegischen Fisch-Guanos als Frühjahrsdünger der des Peru-Guanos bei gleichem Gewicht gleich zu setzen sey.

Betreffs der Anwendung auf Winterung und der von ihm zu erwartenden Nachwirkung ergaben in Tharand 1858 und 1859 angestellte vergleichende Versuche von 1 Quadratruthe:

1858. 1859.
Düngungper Morgen berechnet. Winterroggen;
Trockenmasse.
Nachwirkung
auf Kartoffeln,
Knollen.
Ohne Düngung 6 Pfd. 16 1/2 Pfd.
1 Ctr. Fisch-Guano 14 1/2 „ 24 1/8 „
1 Ctr. Peru-Guano 17 3/4 „ 28 „
2 Ctr. Fisch-Guano 21 1/2 „ 30 1/3 „
2 Ctr. Peru-Guano 18 „ 34 „

Mit dem zu diesen Versuchen verwendeten Fisch-Guano verglichen, hat die jetzt und künftighin vorkommende Sorte der Lofoten-Fabrik zwar ungefähr 1/5 weniger Stickstoff, dafür aber gegen 3 1/2 mal so viel Phosphorsäure. Die Gesammtwirkung derselben dürfte daher gegen die der ersteren nicht zurückstehen.

Ueber die Anwendung des Fisch-Guanos gilt im Wesentlichen dasselbe wie über die des Peru-Guanos, nur ist hier das zu tiefe Unterbringen nicht anzurathen, da die zwei Hauptbestandtheile desselben, Fischfleisch und Fischgräten (dieselben, aus denen der Peru-Guano entstanden ist), erst eine Umänderung durch Verwesung und Lösung erfahren müssen, ehe sie von den Pflanzenwurzeln aufgenommen werden können – eine Umänderung, zu deren Verlaufe der Zutritt der atmosphärischen Luft nöthig ist. Wenn es thunlich, wird es gut seyn, ihn 1–2 Wochen vor der Saat auszustreuen und leicht einzueggen.

Zur Ganzdüngung sind, wie vom Peru-Guano, 2 Ctr. per Morgen zu rechnen, bei sehr leichten Bodenarten werden aber ohne Zweifel schon Mengen von 1–1 1/2 Ctr. eine befriedigende Wirkung hervorbringen. Bei den Winterfrüchten, wo ihm eine längere Verwesungszeit dargeboten ist, ist eine sichere Wirkung zwar von ihm allein zu erwarten, man wird aber in dem Falle, wo man ihn gemeinschaftlich mit Stallmist zu verwenden beabsichtigt, wohl daran thun, ihn einige Zeit vorher mit dem letzteren zu vermengen und mit ihm der Gährung zu überlassen. Bei Sommerfrüchten erhöht man die Sicherheit in gleicher Weise, oder wenn man ihm etwas Peru-Guano (1/4 bis 1/3) beimischt, welche im Falle eines trocknen Frühjahres, die jungen Pflanzen in ihrer ersten Wachsthumszeit vor dem Darben schützen. Auch als Compostmaterial ist er zu empfehlen, da er im Stande ist, einem Ferment gleich, andere, schwerer zersetzbare Substanzen, z.B. torfige, zu einer rascheren Zersetzung anzutreiben. Zusatz von Kalk ist hier, wie bei frischem Fisch-Guano überhaupt nicht schädlich, vielmehr nützlich. Der gleichmäßigen Vertheilung wegen, und um das Verstäuben der pulvrigen Theile zu verhindern, kann auch hier, wie bei dem Peru-Guano, eine vorgängige Vermischung mit frischer, humoser Erde anempfohlen werden. Zur flüssigen Düngung eignet er sich zwar nicht, da er nicht löslich ist, er wird aber, wo man etwa die Jauche zu verstärken wünscht, diesen Zweck erfüllen, wenn man ihn vorher einige Zeit mit dieser stehen und vergähren läßt.

Tharand, im Januar 1860.

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