Titel: Methode die Stärke und Dauerhaftigkeit von Rädern und Schienen für Eisenbahnen zu prüfen; vom Ingenieur Liernur in Mobile.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1860, Band 155/Miszelle 2 (S. 313–314)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj155/mi155mi04_2

Methode die Stärke und Dauerhaftigkeit von Rädern und Schienen für Eisenbahnen zu prüfen; vom Ingenieur Liernur in Mobile.

Der Civilingenieur Charles T. Liernur in Mobile hat eine besondere Methode der Prüfung von Eisenbahnschienen und Wagenrädern vorgeschlagen, welche in Nachstehendem näher beschrieben werden soll. Den Eisenbahningenieuren ist es wohl bekannt, wie schwierig es ist, die Beschaffenheit von Schienen und Rädern bei der Ablieferung zu prüfen, und daß man bei dem Mangel an sicheren Anhaltspunkten hiefür häufig vorzieht, von den Fabrikanten eine Garantie auf eine gewisse Zeitdauer für das von ihnen gelieferte Material zu bedingen. Ist aber die Garantiezeit nicht eine ziemlich lange, so ist auch dieses Auskunftsmittel nicht sicher und genug. Nun zeigt die Erfahrung, daß die Schienen nicht durch bloße Abnutzung, sondern hauptsächlich auch durch Abblättern zu Grunde gehen. Dieses Lostrennen der den |314| Kopf der Schiene bildenden Fasern ist eine Folge des fortwährenden Hämmerns, Quetschens und Schleifens, welchen die Schiene bei dem gewöhnlichen Gebrauch ausgesetzt ist. Das Hämmern geschieht bei Einsenkungen in den Geleisen über welche das Rad hinwegspringt, das Quetschen durch den Druck, namentlich der Triebräder, das Abschleifen durch die Zickzackbewegung der Räder, indem durch die Seitenbewegung die Fasern losgetrennt werden, welche durch das Hämmern etc. losgedrückt sind. Deßhalb blättern Schienen auf schlecht gerichteten Geleisen schneller ab; auch sind ausgelaufene Radreifen den Schienen sehr nachtheilig.

Eine zuverlässige Probe setzt voraus, daß die in der Praxis in Wirkung kommenden Kräfte ganz in gleicher Weise bei den Versuchen in Anwendung kommen. Zu diesem Zwecke wird vorgeschlagen, ein kreisförmiges Geleise aus 4 oder mehr Schienen mit einem Durchmesser von 20–30 Fuß herzustellen. Auf dieses Geleise kommt ein Wagen mit 4, 6 oder 8 Rädern, dessen sämmtliche Achsen gegen den Mittelpunkt des Kreises gerichtet sind, wo eine aufrechte drehbare Säule sich befindet, mit welcher der Wagen in Verbindung steht. Die Räder sind von der Größe und Form der gewöhnlichen, wie sie auf der Bahn in Verwendung kommen, deren Schienen geprüft werden sollen, und der Wagen wird so belastet, daß das Gewicht der größten Belastung der Räder bei dem wirklichen Betrieb der Bahn gleichkommt. Die Verbindung der Säule im Centrum mit dem Wagen muß der Art seyn, daß mit der Umdrehung der ersteren die Fortbewegung des letzteren stattfindet. Die Umdrehung der Säule wird durch eine in der Nähe befindliche stehende Dampfmaschine mittelst Riemenrollen bewerkstelligt. Die Geschwindigkeit des Wagens ist die durchschnittliche von derjenigen auf der Bahn selbst.

Die Probirung der Schienen mittelst dieser Vorrichtung geschieht wie folgt. Wenn beispielsweise der durchschnittliche Bahnverkehr in acht täglichen Zügen hin und her (4 in jeder Richtung) und je 15 achträderigen Wagen besteht, so wird jede Schiene täglich von 480 Rädern passirt; wenn der Versuchswagen auf dem Kreisgeleise 8 Räder hat, so entsprechen 60 Umläufe des Wagens der täglichen Inanspruchnahme der Schienen auf der wirklichen Bahn. Hat die Zirkelbahn einen Umfang von 60 Fuß und ist die durchschnittliche Geschwindigkeit auf der fraglichen Bahn 20 engl. Meilen pro Stunde = 1800 Fuß in der Minute, so muß dem entsprechend der Versuchswagen 30 Umdrehungen in der Minute vollbringen, und es werden also in 2 Minuten die Schienen der Zirkelbahn ebenso sehr abgenutzt werden, wie die Schienen der eigentlichen Bahn in einem Tag. In diesem Verhältniß entspricht ferner eine Versuchsstunde 30 Tagen; 12 Stunden und 10 Minuten einem Jahr wirklichen Betriebs: mit anderen Worten: der während eines Tages von 12 Stunden und 10 Minuten fortgesetzte Versuch gibt die Wirkung eines ganzjährigen Gebrauchs der Schiene, wenn in der Bahn liegend. Eine Schiene also, welche nach 6 Tagen und 4 Stunden und 6 Minuten der Probe anfangen würde abzublättern, müßte dieses nach 6 Jahren, 4 Monaten und 3 Tagen gewöhnlicher Benützung thun. Um bei diesen Versuchen den verschiedenen Einwirkungen des Hämmerns, Eindrückens und Abschleifens Rechnung zu tragen, sollten 1 oder 2 Schienen der Zirkelbahn Einbiegungen und Abweichungen von der wirklichen Kreisform erhalten. Auf diese Art können alle Verschiedenheiten der Bahn nachgeahmt und die Dauer und der entsprechende Werth von Schienen und Rädern mit Genauigkeit bestimmt werden. Die Vor- oder Nachtheile der verschiedenen Formen des Schienenkopfs, von massiven oder hohlen, schweren oder leichten Schienen, der verschiedenen Schienenbefestigungsmittel, dann der verschiedenen Räderconstructionen, ließen sich auf diese Weise ebenfalls ermitteln.

Der Urheber dieses Vorschlags verlangte, um einen ersten Versuch anzustellen, den Beistand aller amerikanischen Eisenbahngesellschaften in der Weise, daß jede nach Maaßgabe der Bahnlänge zu den Kosten eines Versuchsapparats, welche etwa. 3000 Dollars betragen mögen, beisteuert; ein Comité sott dann die von dem Erfinder geleiteten Versuche überwachen. – Wir wissen nicht, ob diese Aufforderung einen Erfolg hatte und die Versuche wirklich zur Ausführung kommen werden. (Eisenbahnzeitung, 1859, Nr. 49)

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