Titel: Geschwindigkeitsmesser für Eisenbahnen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1860, Band 155/Miszelle 1 (S. 391–393)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj155/mi155mi05_1

Geschwindigkeitsmesser für Eisenbahnen.

Der Civil-Ingenieur Charles T. Liernur in Mobile (Alabama)71) hat ein interessante Instrument erfunden und Patentiren lassen, welches er Railway speed indicator and register nennt. Er hat die Beschreibung hievon in einer kleinen Broschüre veröffentlicht, welcher wir folgende Angaben entlehnen.

|392|

Europäische Ingenieurs haben längst das Bedürfniß einer Vorrichtung erkannt, mittelst welcher die bei den Eisenbahnfahrten eingehaltene Geschwindigkeit controlirt werden kann. Schon 1842 war ein von Chaussenot erfundener Geschwindigkeitsanzeiger in Frankreich und Belgien in Gebrauch; er bestand aus einem Regulator ähnlich wie bei den stehenden Dampfmaschinen, welcher von einer der Wagenachsen in Umdrehung gesetzt wurde; die durch die Centrifugalkraft nach Maaßgabe der Geschwindigkeit steigenden und fallenden Kugeln machten einen Zeiger auf und ab gehen an einer Scala, welcher die Geschwindigkeit angab. Ein zweiter Zeiger war der Art angebracht, daß er nur auf-, nicht abwärts bewegt werden konnte und welcher daher die größte vorgekommene Fahrgeschwindigkeit anzeigte; dieser wurde Accusateur genannt. Dieses Instrument erwies sich nutzlos, weil die Kugeln bei jeder Unregelmäßigkeit der Bahn in Folge des Stoßes in die Höhe gingen und eine unrichtige Geschwindigkeit anzeigten, dann aber auch, weil es von keinem Werth ist, die größte erlangte Schnelligkeit zu kennen, wenn man nicht zugleich den Ort weiß, wo dieselbe stattgefunden. Eine ähnliche Vorrichtung eines Hrn. Ricardo wurde im J. 1857 gezeigt, sie ist im Artizan beschrieben.

Die Geschwindigkeit auf Eisenbahnen muß nach Zeit und Ort eine verschiedene seyn; ein gewisses Maaß der Geschwindigkeit kann auf einer Strecke der Bahn vollkommen sicher, auf einer andern sehr gefährlich seyn. Es ist beispielsweise nöthig die Geschwindigkeit zu mäßigen beim Fahren über Weichen, Brücken, scharfe Curven, geneigte Ebenen; für einen durchgehenden Zug ist es gefährlich mit großer Schnelligkeit an in Seitengeleisen stehenden Zügen vorbeizufahren; schwere Güterzüge sollen auf Gefällen nicht zu rasch hinabfahren, weil es dann nicht möglich ist dieselben im Nothfalle früh genug zum Stehen zu bringen. Jede unnöthig große Geschwindigkeit ist auch schon aus ökonomischen Rücksichten zu vermeiden, indem die Betriebskosten mit der Geschwindigkeit wachsen.

Es geht daraus die Nothwendigkeit hervor, ein Mittel zu besitzen, um das Maaß der Schnelligkeit zu ermitteln, womit über alle Theile einer Bahn gefahren wird, da es keinen Werth hat. Sicherheitsmaaßregeln vorzuschreiben, wenn man kein Mittel besitzt, deren Einhaltung zu controliren.

Das Instrument des Herrn Liernur ist dazu bestimmt, eine genaue Aufzeichnung der auf allen Theilen der Bahn eingehaltenen Geschwindigkeiten zu liefern. Es befindet sich am Ende des Wagens zunächst der Thür den Passagieren vor Augen (es ist hier von amerikanischen agen mit Eingängen an beiden Schmalseiten die Rede); der untere Theil kann als Sitz benützt werden, so daß kein Sitzplatz verloren geht, der obere Theil steht aufrecht gegen die Wand, von welcher er um etwa 3 1/2 Zoll vorspringt; im untern bankartigen Theil ist der eigentliche Apparat eingeschlossen, welcher einem Zeiger und Schreibstift die Bewegung ertheilt, im oberen aufrechten Theil befindet sich vorn eine Thür, welche mit einem Schlüssel verschließbar ist. In dieser Thür ist eine schmale Glasscheibe, hinter welcher eine Scala sich befindet an der ein Zeiger auf- und abgeht; die Grade der Scala deuten die Geschwindigkeit des Zugs in englischen Meilen pro Stunde an. Unmittelbar hinter der Scala oder dem Inder ist ein Zifferblatt oder eine Scheibe, welche eine Umdrehung bei durchlaufenen 50, 100, 150 oder andern beliebigen Anzahl Meilen macht (je nach der Länge der Fahrt). An dem Zifferblatt ist mittelst Federn eine Papierscheibe fest gehalten, auf welcher durch radiale Linien die Eintheilung der Bahn in Meilen, durch concentrische Kreise die Geschwindigkeit in Meilen und Fünftelmeilen (pro Stunde) angegeben ist. Der äußerste Kreis deutet 0 Geschwindigkeit, der innerste (kleinste) die größte vorkommende Geschwindigkeit, etwa 60 miles pro Stunde an. Der Zeiger, welcher am Inder auf und ab sich bewegt, führt einen Bleistift mit, welcher an dem Register auf der Papierscheibe, die sich, wie oben bemerkt, unmittelbar hinter dem Inder befindet, Zeichen macht, die sich als krumme Linien darstellen, indem, während der Stift nach dem Maaß der Geschwindigkeit steigt und fällt, die Scheibe langsam mit der Fortbewegung des Zugs sich umdreht.

Die krumme Linie auf der Papierscheibe zeigt in Profilform die Geschwindigkeit des Bahnzugs auf jedem Theil der Bahnlinie. Der äußere Kreis enthält neben der Eintheilung nach Meilen die mit Nummern bezeichneten Stationen. Damit das Register für die Hin- und Rückfahrt zu benutzen ist, sind die Meilenzahlen nach rechts und links zu zählen; der Apparat selbst ist, ohne daß eine Verstellung nöthig. für beide Fahrrichtungen zu gebrauchen.

|393|

Die mechanische Vorrichtung durch welche der Stift seine Bewegung erhält, ist einfach und unfehlbar, sie kann nur in Unordnung gerathen, wenn der Wagen in welchem der Apparat angebracht, zerstört wird. Stöße, horizontale oder verticale, verursachen keine Störung oder Unregelmäßigkeit; wenn selbst der Wagen aus den Schienen kommt und über die Schwellen hinweg geht zeigen Zeiger und Register genau und regelmäßig die Geschwindigkeit an, mit welcher der Wagen den rauhen Weg zurücklegt. Die einzige Veranlassung zu einer Unterbrechung könnte der Bruch des Riemens geben, welcher die Bewegung der Radachse auf das Instrument überträgt) um diesen und überhaupt die baldige Abnützung des Riemens zu vermeiden, sind unterhalb des Wagenkastens Streckrollen mit Federn angebracht, welche den Riemen in der nöthigen Spannung erhalten.

Der Erfinder liefert den Apparat fertig zur Anbringung an einen beliebigen Wagen für den Preis von 125 bis 135 Dollars je nach der äußern Vollendung. Bei der Bestellung ist bloß anzugeben: der Abstand der vordersten Wagenachse von der Stirne und dem Boden des Wagenkastens, der innern Seite des Rades und der Seitenwand des Kastens, endlich der Durchmesser von Rad und Achse, letztere nahe am Rad. Der Erfinder liefert auch die vollständigen Arbeitszeichnungen in dem Fall, wenn man den Apparat in eigener Werkstätte herstellen will und verlangt dann 50 Dollars für einen und 25 Dollars für jeden weiteren Apparat.

Ein nach demselben Princip construirter Apparat für Locomotiven, jedoch bloß mit Scala und Zeiger wird für 50 Doll. geliefert; derselbe ist in einem flachen Kistchen von 12 Zoll im Quadrat und 8 Zoll Tiefe eingeschlossen und zur rechten Seite der Maschine an dem Schutzdach vor dem Stand des Führers anzubringen. Die Bewegung wird dem Apparat von einer der Triebachsen der Maschine mitgetheilt. Der Zeiger, welcher auf und ab geht, zeigt auch hier die Geschwindigkeit der Maschine in miles pro Stunde an, und der Führer ist so stets in Kenntniß derselben.

Was die Richtigkeit und Anfertigung des Inderes und Registers betrifft, so wird bemerkt, daß bei gehöriger Spannung des Transmissionsriemens und der geringen Inanspruchnahme desselben ein Schleifen des Riemens während der Fahrt nicht vorkommen wird; dieselbe Anzahl Radumdrehungen wird daher stets, ohne Rücksicht auf die Geschwindigkeit, derselben durchlaufenen Bahnlänge entsprechen. Hat das Rad beispielsweise an der Lauffläche 33 Zoll Durchmesser, so geben 611,16 Umdrehungen eine engl. Meile. Wenn das Rad bei Unebenheiten der Bahn und großer Geschwindigkeit Sprunge macht, so hört dabei das Rad nicht auf sich umzudrehen. Die Eintheilung der Scala geschieht am besten durch wirkliche Versuche, ebenso die Eintheilung und Rubricirung des Registers. Man verfährt hiebei am einfachsten wie folgt: auf einer ebenen Straße der Bahn wird eine Meile abgemessen und durch Pfähle an beiden Enden bezeichnet. Man läßt dann mit verschiedener möglichst gleichmäßiger Schnelligkeit darüber fahren und berechnet nach der Fahrzeit in Secunden die Geschwindigkeit in miles pro Stunde. Wenn bei 6–8 solchen Fahrten jedesmal der Stand des Zeigers an der Scala bezeichnet wird, so kann man durch Zwischeneintheilung der Abstände die Scala vollends darnach ergänzen. Die Entfernungspunkte an der Kreislinie des Registers wird man finden, wenn man ein weißes Blatt Papier an der drehbaren Kreisscheibe befestigt und den Wagen, in welchem der Apparat angebracht ist, in einem beliebigen regelmäßigen Zug mitlaufen läßt. Auf jeder Station wird der Stand des Registers mit Beziehung auf den Stift markirt. Da die Entfernung der Stationen von einander genau bekannt, so läßt sich die Zwischeneintheilung nach Meilen hiernach genau vornehmen. Die Kreislinien für die Angabe der Geschwindigkeit werden nach der auf der Scala befindlichen Gradeintheilung beschrieben. Ist ein Bogen auf diese Art mit Linien, Ziffern etc. versehen, so wird für den Gebrauch die entsprechende Zahl lithographischer Abdrücke gemacht. Metallisch präparirtes Papier und Metall-Bleistifte sind vorzuziehen. (Eisenbahnzeitung, 1859, Nr. 48.)

|391|

So viel uns bekannt. Schwiegersohn des Pfarrers Fresenius in Frankfurt a. M. und als tüchtiger, gebildeter Ingenieur in den Vereinigten Staaten geschätzt.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: