Titel: Maisstrohpapier.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1860, Band 155/Miszelle 9 (S. 397–399)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj155/mi155mi05_9

Maisstrohpapier.

Die Papierfabrication, eine der wichtigsten und im fortwährenden Steigen begriffene Industrie, hat eine unangenehme und ihr Bestehen zugleich gefährdende Seite in der Nothwendigkeit der Verarbeitung und des Bezuges der Lumpen, eines Artikels, dessen Vorhandenseyn keineswegs mit dem Bedarf gleichen Schritt hält.

Man hat daher schon lange nach Surrogaten gesucht, bisher aber keine gefunden, welche wirklichen und nachhaltigen Ersatz der Lumpen gewähren könnten, indem |398| einige dieser Stoffe, wie z.B. Kartoffelkraut, als Viehfutter dienen, andere, wie die Strohgattungen u. dgl., andere Verwendung haben, darum im Vergleich zur Ausbeute an Faserstoffen zu theuer sind, oder wie die Trestern der Rüden aus den Zucker-Rüben-Fabriken zu schwer wiegen, um weiten Transport zu ertragen, der Holzfaser und anderer Surrogate, deren Bearbeitung zu theuer ist und dennoch kein haltbares Zeug gibt, nicht zu gedenken.

Es war daher eine äußerst glückliche Idee, das Maisstroh in Absicht auf den darin enthaltenen Faserstoff einer Untersuchung zu unterziehen, denn es hat dasselbe mit Ausnahme der Blätter, die hier und da als ein schlechtes Viehfutter benützt werden, gar keinen Werth. Bereits im 17. Jahrhundert bestand in Rievi eine Papierfabrik, welche ein treffliches Product geliefert haben soll und einen ausgebreiteten Ruf genoß. Wahrscheinlich ist aber das Verfahren mit dem Besitzer zu Grabe gegangen, da vielfältige Versuche, das Hinderniß der Papiererzeugung aus diesem Material, den Kieselerdegehalt und den in den Blättern enthaltenen Harzgehalt zu neutralisiren, fruchtlos geblieben.

In ganz neuester Zeit ist es einem ehemaligen Schreiblehrer Moritz Diamant gelungen, dieses Problem zu lösen und auf eine billige Weise Halbstoffe und Papier aus den Stengeln und Blättern des Maisstrohes herzustellen, welche nicht nur den Papieren aus Lumpen vollkommen gleichstehen, sondern dieselben noch in vieler Beziehung übertreffen. Die nachstehende extractive Mittheilung aus einem im vorigen Jahrgange in Rudel's Centralblatt für deutsche Papierfabrication S. 184“ enthaltenen Aufsatze möge die Wichtigkeit dieser Sache, welche bestimmt ist, eine für Producenten und Consumenten gleich wichtige Umwälzung in der Papierfabrication herbeizuführen, in helleres Licht stellen. Es heißt dort: „In neuester Zeit hat Diamant sich die Aufgabe gestellt und richtig gelöst, die Maisfaser für die Papierfabrication zu verwenden. Die von Diamant im Großen ausgeführten Versuche geschahen in der k. k. Aerarial-Papierfabrik zu Schlögelmühle bei Gloggnitz. Obgleich dieselbe durchaus nicht für Strohpapier eingerichtet und Diamant nur die vorhandenen Einrichtungen für Hadern benutzen konnte, so muß man anerkennen, daß die Resultate äußerst überraschend waren. Die Weiße und Reinheit des Papiers läßt in Rücksicht der verwendeten Apparate nichts zu wünschen übrig. Wenn man bedenkt, daß das Maisstroh ein ganz reines Naturproduct ist, das weder mit Fett, Schweiß, Sand, Knoten und andern Verunreinigungen, die in jedem Hader unausweichlich vorkommen müssen, behaftet ist, so ist auf die Reinheit des Papiers leicht zu schließen.

Die im gewöhnlichen Haderpapier vorkommenden und sehr lästigen Knöpfe, die ein allgemeiner Uebelstand sowohl im Drucken als Schreiben sind, können hier gar nicht vorkommen, und der sogenannte Knotenfänger, worüber sich sämmtliche Papierfabriken bisher immer beklagten, weil keiner ganz entsprach, kann beim Maisstroh ganz entbehrt werden. Dem praktischen Papierfabrikanten ist es bekannt, wie zeitraubend und mühsam das Reinigen und Stellen der Knotenfänger ist. Jedem Schreiber und Zeichner ist das lästige Abfasern beim Schreiben und Zeichnen bekannt; dieses Abfasern ist größtentheils Folge des Baumwollenzusatzes und der, mit Ausnahme einiger englischen Papierfabriken, allgemein eingeführten vegetabilischen Leimung, die dem Papiere keine compacte Oberfläche bietet; die englischen Papierfabriken müssen in Folge der großen Benutzung der Baumwolllumpen diesem Uebelstande durch die Leimung mit animalischem Leim abhelfen. Diamant hat nachgewiesen, daß er aus dem Maisstroh mit dem vierten Theil der gewöhnlichen Leimung nicht nur ein vollkommen gut geleimtes Schreib- und Zeichnenpapier erhält, sondern der Schreiber wird, selbst mit der schärfsten Stahlfeder, nie in die Lage kommen, seine Feder von einer Faser befreien zu müssen Die Dauerhaftigkeit und Qualität ist ganz analog dem besten Handpapiere mit animalischem Leim. Ein Versuch hinsichtlich der Spannkraft dieses Papieres wurde gemacht und es ergab sich, daß bei einer Belastung von 337 Pfd. ein Bogen Zeichnenpapier noch immer nicht auseinanderriß.

Es wäre somit durch die Erfindung Diamant's die große Frage gelöst, dem Publicum ein dauerhaftes und unverwüstliches Documenten-Papier zu liefern, das dem Zahne der Zeit ebenso zu widerstehen vermag, wie es bis jetzt nur bei dem geschöpften sogenannten Handpapier der Fall ist. Das Handpapier aber hat den Uebelstand, daß es nie die Gleichheit und Glätte der Oberfläche hat, wie das Maschinenpapier, |399| während das Maisstrohpapier alle guten Eigenschaften des Maschinen- und gleichzeitig die des Handpapiers in sich vereiniget.

Einen weiteren höchst wichtigen Vortheil bietet die Erzeugung des Maisstrohpapiers dem Papierfabrikanten durch die Ersparniß von ungefähr 20 Pferdekräften bei einer Maschine, also beinahe mehr als den dritten Theil der Kraft. Diese Ersparniß gründet sich auf die Entbehrung der Halb-Zeug-Holländer, des Staubers, des Hadernschneiders etc.; und in Folge dessen fallen auch die Anschaffungs- und Erhaltungskosten der genannten Apparate weg. Diamant erhält auf chemischem Wege sein Halbzeug aus dem von ihm construirten Macerirkessel, ohne die geringste mechanische Kraft aufgewendet zu haben. Der Proceß ist höchst einfach und mit sehr geringem Zeit- und Kostenaufwand verbunden. Es ist factisch in der letzten Probe nachgewiesen worden, daß die Anlagskosten einer Maisstroh-Papierfabrik geringer seyn müssen als die bei Hadern; deßgleichen verhält es sich mit den Regiekosten; selbst das Gewichtsverhältniß zwischen Stroh und Papier war 1858 ein weit günstigeres, als das Jahr vorher; der Grund liegt in dem größeren Maaßstabe, nach welchem die letzte Probe vorgenommen wurde. Voriges Jahr ergaben 12 Ctr. Stroh 400 Pfd. Papier, 1858 ergaben 55 Ctr. Stroh 21 Ctr. Papier, mithin statt 33 1/3, 36 1/4 Proc. Es ist mit Gewißheit anzunehmen, daß im Laufe der Fabrication erst noch weitere vortheilhafte Erfahrungen gemacht werden.

Höchst geeignet wäre dieses Papier für Banknoten, erstlich seiner außerordentlichen Festigkeit wegen, ferner der besondern Eigenthümlichkeit halber des Angriffs, die dieses Papier ausschließlich besitzt.“

Der Reichsgraf Carl Octavio zu Lippe-Weißenfeld acquirirte das Verfahren und das österreichische Patent von dem Erfinder, und ließ damit zahlreiche Versuche anstellen, die sämmtlich folgendes Resultat ergaben:

1) Aus dem Maisstroh lassen sich auf eine einfache Weise alle Sorten Papier darstellen, welche mit den aus Lumpen bereiteten nicht nur die vollkommenste Aehnlichkeit haben, sondern dieselben in mancher Hinsicht übertreffen; denn

2) bedarf das Zeug durch den natürlichen Gehalt an Pflanzenleim als Packpapier gar keine und als Schreibpapier nur eine sehr schwache Leimung,

3) und läßt sich das Zeug außerordentlich leicht und schnell bleichen und ist beim Packpapier dasselbe gar nicht nöthig;

4) besitzt das Maisstrohpapier eine größere Festigkeit als das Papier aus Lumpen, ohne im geringsten die Sprödigkeit des gewöhnlichen Strohpapieres zu theilen, und dürfte besonders durch diese Eigenschaft das Packpapier aus Maisstroh jenem aus Lumpen weit vorzuziehen seyn;

5) unterliegt es überhaupt nach den im Großen angestellten Versuchen keinem Zweifel, daß die Papierfabrication aus Maiostroh – natürlich bei gehörigen Quantitäten Rohmaterial – bedeutend billiger kommt, als die aus Lumpen.“

Demnach steht es jetzt als unzweifelhafte Thatsache fest, daß die Gewinnung des Papierstoffes aus dem Maisstroh, da, wo das Rohmaterial in großen Massen vorhanden und billig zu beziehen ist, ein äußerst lucratives Unternehmen seyn muß.

Sicherem Vernehmen nach wird eben jetzt in Pesth für Rechnung des kaiserl. Aerars eine große Fabrik für Darstellung des Papierstoffes aus Maisstroh für die kaiserl. Papierfabriken errichtet, deren Betriebssetzung übrigens von der Vereinbarung mit dem obenerwähnten Patentinhaber abhängt. Derzeit wird Maispapier in der Schweiz nach obiger Methode angefertigt; ein größeres Unternehmen zur Gewinnung von Halbzeug aus Maisstroh in den Küstenländern des Mittelmeeres wird vorbereitet. (Breslauer Gewerbeblatt, 1860, Nr. 4.)

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