Titel: Die grüne Farbe von Kleiderstoffen und Blattblumen; von Dr. Ziurek.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1860, Band 155/Miszelle 8 (S. 464–466)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj155/mi155mi06_8
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Die grüne Farbe von Kleiderstoffen und Blattblumen; von Dr. Ziurek.

Von mehrfacher Seite, unter Anderen von Hrn. Professor Mitscherlich ist mir der Wunsch ausgedrückt worden, die Behörden und das Publicum auf die Schädlichkeit der grünen Tarlatankleider und der künstlichen grünen Blattblumen aufmerksam zu machen. Ich habe dieß gethan. Das hiesige Polizeipräsidium hatte diese Angelegenheit bereits in Erwägung genommen, eine die Fabrication und den Verkauf der genannten Stoffe inhibirende Verordnung aber aus dem Grunde nicht erlassen, weil eine solche, so lange nicht auch außerhalb Berlins die Fabrication und der Debit arsenikhaltiger Kleiderstoffe und Blumen verboten ist, ziemlich wirkungslos bleiben würde. Es hat sich die genannte Behörde vielmehr auf den Erlaß einer, das Publicum vor dem Gebrauche warnenden Bekanntmachung beschränkt und hat geglaubt, daß dieselbe von nicht geringerer Wirkung seyn dürfte als eine den Verkauf und die Fabrication unter Strafe stellende Verordnung.

Ob ein Grund zu einer derartigen Warnung überhaupt vorliegt, möge aus folgenden Thatsachen erhellen:

36 Quadratzoll des grünen gefärbten Tarlatans wiegen 0,682 Gramme, von der Farbe und Appretur befreit wiegen sie 0,305 Grm.; die auf 36 Quadratzoll befindliche Farbe beträgt also 0,377 Gramme oder 55,28 Proc. des Gewichtes der 36 Quadratzoll des grünen Tarlatans. 1 Quadratzoll Tarlatan wiegt 0,0189 Gramme, darin sind 0,01045 Gramme Farbe und in dieser 0,0021 Arsenik (arsenige Säure). Zu einem Kleide – bei sehr mäßigen Ansprüchen an die Weite desselben – sind erforderlich 20 Ellen des 2 1/2 Elle breit liegenden Stoffes = 28880 Quadratzoll. Ein solches Kleid wiegt 544,32 Gramme, und sind darin 300,9 Gramme Farbe, in dieser 60,5 Gramme Arsenik.

Daraus geht hervor, daß ein solches Kleid, wenn auch nicht so reich an Arsenik, wie dieß in einem Zeitungsberichte gesagt ist, doch ein bedeutendes Quantum davon enthält. Um zu erfahren, wie fest auf derartigen Kleidern die Farbe, welche nach ihrer Natur auf dieselben nur durch Bindemittel befestigt werden kann, haftet, oder vielmehr, wie viel von der Farbe bei den mannichfachen Fahrnissen und Anstrengungen, die ein solches Kleid mit der Trägerin auf einem Balle zu bestehen hat, verloren geht, habe ich folgenden Versuch gemacht. Eine nach dem Reigen unserer jetzigen Tänze hüpfende Dame macht bei 3/4 oder 2/4 Tact in der Minute durchschnittlich 126 Sprünge. Angenommen, daß sie an einem ganzen Ballabend nur 1/2 Stunde sich in wirklicher Action befände, womit die meisten Damen gewiß nicht zufrieden wären, so ergäbe dieß 3680 Sprünge, resp. Erschütterungen, die sie und das Kleid zu bestehen hätte. Dem entsprechend habe ich ein Stück Tarlatan gewogen, – es wog 2,622 Gramme und es dann eine Stunde lang, in der Minute 60 Hin- und Herbewegungen, also 3500 Schwingungen machen lassen. Nach dieser Zeit wog es 2,525 Grm., es hatte demnach verloren 0,097 Grm. Dieselbe Behandlung, auf ein Kleid am Ballabend angewendet, würde dieses 20,136 Grm. Farbe, worin 4,04 Grm. arsenige Säure sich befinden, verlieren.

Wenn daher in keinem Falle das Tragen derartiger grüner Stoffe zu rechtfertigen ist, so ist man in der Furcht vor der Schädlichkeit der grünen Farbe auch wieder zu weit gegangen. Es ist dieß eine, die gesammte Damenwelt bewegende Frage. Seitens dieser hält man alle grünen Kleiderstoffe für giftig und entsagt, wiewohl ungern, denselben. Ich kann die besorgte Damenwelt einigermaßen beruhigen. Ich habe eine größere Anzahl grüner, wollener und leinener Stoffe untersucht und dieselben ohne jede Spur von Arsenik gefunden. Besonders zeichnen sich durch Dauerhaftigkeit die von dem Mülhauser Hause Dollfuß durch Hoflieferanten Gerson bezogenen Stoffe aus. In Rücksicht auf die eben erörterten Verhältnisse glaube ich, daß ein leichtes und sicheres, für Jeden unfehlbares Feststellen des Arsenikgehalts in Tapeten und Kleiderstoffen willkommen seyn darf und kann ich dieß, schon früher von der technischen Deputation für Gewerbe empfohlene Verfahren als ein solches anführen:

Man schneidet von grünen Tapeten etc. einen daumenbreiten fingerlangen Streifen ab zertheilt diesen in kleine Stückchen und thut dieselben in ein Glas. Ist eine Farbe zu prüfen, so nimmt man davon ein erbsengroßes Stück. Auf die zerschnittene Tapete oder die Farbe schüttet man 1–2 Theelöffel voll Salmiakgeist, |466| welcher sich alsbald schön blau färbt. Nach etwa 3–5 Minuten, je nachdem die Farbe hell- oder dunkelgrün, setzt man einen halben Theelöffel voll Salzsäure hinzu, wodurch die blaue Flüssigkeit hellgrün wird und ein dicker weißer Rauch sich entwickelt. Ein wenig Salzsäure zu viel schadet nicht, wohl aber zu wenig; die Flüssigkeit darf nach dem Zusatz der Salzsäure nicht mehr blau oder bläulich aussehen. Hierauf bringt man eine völlig blanke Kupfermünze in die Flüssigkeit. Fünf Minuten nachher nimmt man sie heraus, und ist sie dann völlig roth geblieben und etwas matt geworden, hat sich kein farbiger Ueberzug auf ihr gebildet, so ist in der Farbe kein Arsenik enthalten. Im entgegengesetzten Falle ist die Münze mit einem bräunlich schwarzen Ueberzuge bedeckt, welcher an der Oberfläche einen stahlartigen Schimmer zeigt und den Arsenikgehalt andeutet. (Vorgetragen in der polytechnischen Gesellschaft zu Berlin den 1. März. – Aus dem polytechnischen Intelligenzblatt, 1860, Nr. 10.)

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