Titel: Agave, ein Surrogat für Roßhaare.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1860, Band 157/Miszelle 12 (S. 80)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj157/mi157mi01_12

Agave, ein Surrogat für Roßhaare.

Ueber dieses neue Polstermaterial, das aus der bekannten Aloë, Agave americana, in Mexico gewonnen wird, bringen die „neuesten Erfindungen“ folgende Untersuchungen des Prof. Kletzinsky. Diese Pflanzenfaser ist der verschiedensten Färbungen fähig und im ungekräuselten Zustande auch für andere Zwecke, als: Bürsten, Besen, Crinolinen etc. vollkommen tauglich. Die Länge der Faser ist 24–30 Zoll. Agave soll weit dauerhafter als Haar und, als Pflanzensubstanz, den Insecten, Unreinigkeit und Ansteckung bei weitem nicht so, ja fast gänzlich unzugänglich seyn. Die mit diesem Stoffe vorgenommenen Versuche bestätigen in vollem Maaße die Angaben des Londoner Berichtes. Die Agave, die ich untersuchte, stellte unter dem Mikroskope schwarzgefärbte, derbe Fasern von Cellulose dar, deren Rindensubstanz sich genau, als ligninreicher, von der centralen, blasseren Marksubstanz unterscheiden ließ, welche letztere namentlich durch Schwefelsäure und Jodlösung rasch und tief gebläut wurde. Die Fasern hatten eine so bedeutende Zähigkeit, daß 10 der dünnsten Agavefasern bei 14 Pfund Belastung noch nicht rissen, während 11 der dicksten Roßhaare von gleicher Länge mit der Agave bereits bei 7pfündiger Belastung plötzlich entzwei gerissen waren. Die gewählte Anzahl der Fäden stand eben im umgekehrten Verhältnisse der Dicke, da dieselbe bei der Agave zu der des Roßhaares sich verhielt wie 11 : 10. Dreißig Fäden der Agave wogen im Mittel 17; 30 Fäden des Roßhaares von gleicher Länge im Mittel 16 Centigramme. Das specifische Gewicht beider ist nicht sehr verschieden und schwankt um 1007 herum, wenn Wasser = 1000 ist. 25 Gramme Agave wurden zu einem lockeren Ballen geformt, der gleich hoch war mit einem 25 Gramme schweren Ballen von Roßhaar. Beide Ballen wurden nacheinander leise belastet mit einer horizontal aufgesetzten Platte von 321 Grammen Gewicht: der Agaveballen behauptete unter dieser Belastung 75 Millimeter Höhe, während der Roßhaarballen 85 Millimeter hoch blieb; hierauf wurde die Platte nacheinander auf jeden der Ballen aus Leibeskräften niedergedrückt; nach Aufhören des Druckes erreichte die Agave die Höhe von 45, das Roßhaar aber die Höhe von 50 Millimetern. Obwohl dieser rohe Versuch über den Elasticitätsmodul beider Stoffe keinerlei absolute Bezifferung desselben gestattet, so eignet er sich doch sehr gut zu einem relativen Vergleich derselben, welcher ergibt, daß die Elasticität der Agave allerdings, aber nur unbedeutend geringer sey als die des Roßhaares, ungefähr im Verhältniß wie 88 : 100, und daß diese Differenz bei zunehmendem Druck noch geringer werde. Im Mittel wird man nicht irren, wenn man der Agave die Elasticität 9 zuerkennt, wenn das Roßhaar die Elasticität 10 hat. (Breslauer Gewerbeblatt.)

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