Titel: Beleuchtung einiger gegen die Anlage einer Gerberei und die möglicher Weise dadurch erfolgende Verunreinigung des Flußwassers erhobener Proteste; von Dr. N. Gräger in Mühlhausen in Thüringen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1860, Band 157/Miszelle 16 (S. 158–160)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj157/mi157mi02_16

Beleuchtung einiger gegen die Anlage einer Gerberei und die möglicher Weise dadurch erfolgende Verunreinigung des Flußwassers erhobener Proteste; von Dr. N. Gräger in Mühlhausen in Thüringen.

Bei Gelegenheit einiger, von verschiedener Seite gegen die Anlage einer Ledergerberei erhobener Proteste hatte ich Veranlassung, die Gründe, auf welche sich diese Proteste glaubten stützen zu dürfen, einer genauen Erörterung und Prüfung zu unterwerfen. Mit Thatsachen für den speciellen Fall ließ sich den Protesten deßhalb nicht beikommen, weil die neue Anlage noch nicht existirte, um deren Einfluß auf den Betrieb anderer, an demselben Bache (der Unstrut) unterhalb gelegener Gewerbe beurtheilen und nachweisen zu können. Auch war vorauszusehen, daß die Untersuchung des Wassers oberhalb der beiden einzigen Färbereien an diesem Bache, und zum andern unterhalb dieser Anlagen, nachdem er deren Abgänge aufgenommen hatte, zu keinem Resultate geführt haben würde, weil die Menge des Wassers, welches durch den Bach fließt (stündlich beinahe oder über 8 Millionen Pfunde), gegen die Abhänge zu bedeutend ist, als daß letztere eine merkliche Störung in der Zusammensetzung sollten hervorbringen können. Mehr Aussicht auf die Gewinnung eines positiven Resultates gewährten die Verhältnisse der inneren Stadt.

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Die Stadt Mühlhausen wird nämlich von einem Bache durchflossen, der stündlich etwa nur 3 Millionen Pfund Wasser liefert, und bestimmt ist, oder doch dazu benutzt wird, alle möglichen Abgänge aus den Haushaltungen und Gewerben aufzunehmen. Diese Gewerbe sind sehr mannichfaltig und zahlreich: Gerbereien, Färbereien, Wollwäschereien, Seifensiedereien, Schlächtereien u.s.w., über hundert einzelne Etablissements. Die innere Stadt zählt gegen 11,000 Einwohner. Was die Natur der Stoffe anlangt, die in den genannten Gewerben Anwendung finden, und daher, wenigstens zum Theil, in den Bach übergehen, so sind dieß hauptsächlich Schwefelsäure-Salze, namentlich Alaun, Kupfervitriol und Eisenvitriol; in weit geringerem Maaße werden Chlorverbindungen gebraucht; ebenfalls beschränkt ist die Anwendung von Bleizucker (essigsaurem Bleioxyd); aus den Haushaltungen dagegen ist es vorzugsweise Kochsalz, welches dem Bache übergeben wird. Man kann also unter diesen Verhältnissen schon von vornherein auf eine Verunreinigung des Wassers durch Schwefelsäure, Chlorwasserstoffsäure, vielleicht durch die eben genannten Metallsalze schließen.

Es war nun Sache der chemischen Analyse, nachzuweisen, in wiefern und in welchem Umfange eine Veränderung in der Zusammensetzung des Wassers während seines Laufes durch die Stadt eingetreten war. Diese Arbeit war keineswegs eine schwierige, weil die Zusammensetzung des Wassers, bevor es in die Stadt einmündet, mit großer Genauigkeit mir bekannt war. Eine ebenso genaue Analyse des Wassers nach seinem Austritt mußte folglich das gesuchte Resultat finden lassen.

Ich will aus den früheren Analysen, die sich auf die Zusammensetzung des Wassers an seinen Quellen beziehen, nur die Bestandtheile ihrer Menge nach aufführen, auf die es mir wesentlich ankommt, und deren Bestimmung eine große Schärfe erlaubt. Ich fand in 1 Million Pfund dieses Wassers:

180,0 Pfund Chlor,
294,1 Schwefelsäure,
504,0 kohlensauren Kalk,
1199,0 als feste Bestandtheile im Ganzen.

Die Analyse des Wassers nach Beendigung seines Laufs durch die Stadt ergab in 1 Million Pfund:

180,0 Pfund Chlor,
295,6 Schwefelsäure,
490,0 kohlensauren Kalk,
1191,1 als Gesammtmenge der festen Bestandtheile.

Im Ganzen betrachtet, würde man unbedenklich die Behauptung aufstellen können, daß, wenn das Wasser, bevor es die Stadt erreicht, für das Bedürfniß der verschiedensten Gewerbe brauchbar war, es auch noch in demselben Maaße nach seinem Austritte aus der Stadt für dieselben brauchbar seyn müsse, denn seine Zusammensetzung hat sich auf seinem Wege durch die Stadt so wenig geändert, daß man kaum eine Veränderung erblicken würde, wenn sie nicht gerade in dem Sinne erfolgt wäre, wie sie die Verhältnisse erwarten ließen.

Interessanter dagegen ist die Vergleichung der verschiedenen Mengen der Stoffe vor und nach dem Laufe des Wassers durch die Stadt. Die Menge des Chlors ist dieselbe geblieben, und man darf sich hierüber nicht wundern, wenn man bedenkt, einerseits, daß in den Werkstätten nur wenig Chlorverbindungen Anwendung finden, andererseits das als Kochsalz verbrauchte Chlornatrium meistens seinen Weg in den Viehstall und aus diesem auf den Dünger findet. Die Schwefelsäure zeigt sich um 1 1/2 Pfd. vermehrt, was, auf 12 Stunden berechnet à 3 Millionen Pfund Wasser, eine tägliche Zufuhr von 54 Pfund beträgt. Es ist natürlich, daß diese Schwefelsäure nicht im freien Zustande vorhanden, sondern entweder mit Kali, Natron oder Kalk verbunden ist, ganz so wie die im natürlichen Wasser enthaltene Schwefelsäure, von welcher sie etwa den zweihundertsten Theil ausmacht.

Der kohlensaure Kalk zeigt gegen das unvermischte Wasser eine Abnahme von 14 Pfund auf 1 Million Pfund Wasser, also auf 3 Millionen Pfund Wasser bezogen, eine tägliche Verminderung (à 12 Stunden) von 504 Pfund. Dieser im natürlichen Wasser als Kohlensäure-Salz vorhandene Kalk hat offenbar theils zur Zersetzung der schwefelsauren Salze gedient, theils ist er, unter Verlust der freien Kohlensäure des Wassers, als unlöslicher kohlensaurer Kalk niedergefallen. Er ist das eigentliche Reinigungsmittel, |160| der Wiederhersteller der Brauchbarkeit des Wassers; er fällt nicht allein Eisen-, sondern auch Blei-, Kupfer- und Zinnsalze, Phosphorsäure und Arsensäure, von welchen Körpern sich in dem filtrirten Wasser auch nicht die kleinste Spur findet.

Was die Gesammtmenge der festen Bestandtheile in dem Wasser nach seinem Durchgange durch die Stadt betrifft, so sollte dieselbe um den Betrag des abgeschiedenen Kalks geringer, also nur 1185,0 Pfund seyn; es ist aber zu berücksichtigen, daß ein Theil desselben durch Kali und Natron ersetzt worden ist.

Aus Allem ergibt sich folglich, daß, da das Wasser des Straßenbachs, trotz einer großen und mannigfaltigen Gewerbsthätigkeit, die ihm ihre sämmtlichen Abgänge zuweist, für eine fernere Benutzung in denselben Industriezweigen nicht unbrauchbar geworden ist, auch das Unstrutwasser, welches in Betreff seines Gehalts an kohlensaurem Kalke mit dem Wasser in der Stadt sehr nahe übereinkommt, durch die Anlage von nur einer Gerberei nicht unbrauchbar werden kann. Am anschaulichsten stellt sich das Verhältniß in der Formel dar:

A = B/C

wo A die Größe einer eintretenden Veränderung, B den Umfang des Gewerbebetriebs an dem Wasserbache, und C die Wassermasse dieses Baches bezeichnen. (Böttger's polytechnisches Notizblatt, 1860, Nr. 8.)

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