Titel: Amerikanische Straßen-Eisenbahnen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1860, Band 157/Miszelle 1 (S. 234)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj157/mi157mi03_1

Amerikanische Straßen-Eisenbahnen.

Der Betrieb von Straßen-Eisenbahnen mit Pferden stört bei geeigneter Construction der Gleise den sonstigen Verkehr nicht. Bei den in vielen amerikanischen Städten sehr in Aufnahme gekommenen Straßen-Eisenbahnen ist die neueste Schienenform eine 8 Zoll breite, 1/2 bis 3/8 Zoll dicke Platte, an der äußeren Kante mit einem Ansatz von 1 Zoll Höhe und 1 3/4 Zoll Breite versehen. Die Schiene liegt auf Langschwellen, welche in der Kiesbettung des Pflasters ruhen. Das Pflaster ist an der äußern Seite der Bahn bündig mit dem Ansatz, zwischen den Schienen dagegen mit den Platten. Die Wagen haben vier kleine Räder von etwa 2 Fuß Durchmesser, welche auf den vorspringenden Theilen der Schienen laufen, so daß die Manischen eben die Platten freilassen. Während die Räder der Eisenbahnwagen nicht leicht entgleisen können, fahren gewöhnliche Fuhrwerke ohne Schwierigkeit über die Schienen hin und her und benutzen in vielen Fällen den flachen Theil derselben, weil sich auf denselben natürlich besser fahren läßt als auf dem Pflaster.

Begegnen sich ein Bahnwagen und ein gewöhnliches Fuhrwerk, so kann das letztere leicht ausweichen, während es leicht einen Vorsprung gewinnt, wenn die schwereren Bahnwagen nachfolgen.

Bei neueren Bahnwagen läßt man die Räder meistens auf den am Wagengestell befestigten Achsen laufen, wobei weniger Zugkraft erforderlich seyn soll, wie bei fest mit der Achse verbundenen Rädern. Der Boden der Wagen liegt nur 12 Zoll über der Schiene; an jedem Ende ist querüber eine schmale Plattform, nach Außen durch ein eisernes Geländer geschützt, auf welche die Passagiere von beiden Seiten treten können. Die Thüren sind an den schmalen Seiten angebracht, wie bei einem gewöhnlichen Omnibus. Die Plattform, welche den Pferden zugekehrt ist, wird stets von dem Pferdeführer eingenommen, welcher nicht sitzt, sondern steht, neben sich den Griff einer starken Bremse. Die Passagiere benutzen die gegenüberliegende Plattform. Der Wagen hält so oft erforderlich und ist mit einem der Längenrichtung des Wagens folgenden Glockenzug ausgerüstet, mit welchem der Conducteur, (welcher das Fahrgeld während des Fahrens einsammelt) und jeder Passagier dem Pferdeführer das Zeichen zum Anhalten geben kann. Viele Passagiere Pflegen indeß während des Fahrens ein- und auszusteigen.

Bei einer Geschwindigkeit von fast 2 deutschen Meilen in der Stunde kann der Wagen durch Anwendung der Bremse auf 50 Fuß Entfernung zum Stehen gebracht werden, bei geringer Geschwindigkeit schon auf die Entfernung einer halben Wagenlänge. Die Wagen sind 7 Fuß hoch und in der Regel für 24 Personen, mitunter aber auch für mehr eingerichtet. Oben auf dem Wagen sind keine Sitze angebracht. Bei gewöhnlichen Steigungsverhältnissen wird mit einer Geschwindigkeit von 1 1/2 deutschen Meilen in der Stunde gefahren.

Die Wagen für den Personenverkehr fahren in den größern Städten Tag und Nacht; zu bestimmten Zeiten werden auch Güter befördert. In breiten Straßen sind zur Hin- und Rückfahrt, zwei Gleise nebeneinander angelegt, in schmalen Straßen wird nur ein Gleis gelegt und in die benachbarte parallel laufende Straße das Gleis für den Verkehr in entgegengesetzter Richtung.

Die Frequenz dieser Bahnen ist ungeheuer. Im Jahre 1858 benutzten die in New-York und Broklyn angelegten Bahnen nicht weniger wie 34,000,000 Passagiere.

Auch für London würde sich die Anlage von Pferdebahnen, welche schon seit längerer Zeit projectirt sind, aus, naheliegenden Gründen empfehlen, indeß haben bis jetzt die Oertlichkeiten und eingewurzeltes Vorurtheil der Ausführung unübersteigbare Hindernisse in den Weg gelegt. (Nach dem Engineer durch die Zeitschrift des hannoverschen Architecten- und Ingenieurvereins, 1860, Bd. VI S. 142.)

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