Titel: Schlesischer Traß.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1860, Band 157/Miszelle 3 (S. 394–396)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj157/mi157mi05_3

Schlesischer Traß.

Die „Breslauer Zeitung“ vom 3. und 13. Juli d. J. enthält nachfolgende für die Baugewerke sehr wichtige Nachricht:

Eine für Schlesien und das ganze östliche Deutschland sehr wichtige Entdeckung ist die Auffindung eines mächtigen Traßlagers in Niederschlesien. Der Traß, ein vulcanisches Product, wahrscheinlich vulcanische Asche, die mit Wasser vermengt sich abgelagert hat, findet sich bekanntlich am Rhein, in der Nähe von Andernach, wo er im Bohlthale, am Laacher-See, in zahlreichen Brüchen gewonnen wird, um theils dort gemahlen, theils im rohen Zustande rheinauf- und rheinabwärts, bis nach Basel und Holland verschifft zu werden. Derselbe bildet im feinzertheilten Zustande mit gebranntem und gelöschtem Kalk und Sand innig vermischt, einen im Wasser allmählich sehr fest werdenden hydraulischen Mörtel, der besonders zu den Wasserbauten in Holland, so wie zur wasserdichten Ausmauerung der Grubenschächte, endlich zu Betonschüttungen in unglaublicher Menge |395| verbraucht wird und den hydraulichen Cement im ganzen Flußgebiete des Rheins durch seine Billigkeit und Güte fast vollständig verdrängt hat. Wenn der Traßmörtel auch nicht ganz so rasch erhärtet, als z.B. der Portland-Cement, so holt er letzteren doch im Wasser in Bezug auf die Härte vollständig ein. Das langsamere Erhärten bietet gerade bei diesen Bauten den Vortheil, daß das Mauerwerk Zeit zum Setzen gewinnt und daher nicht so leicht Risse entstehen. Auch an der Luft erhärtet der Traßmörtel rasch, darf indessen natürlich nicht im directen Sonnenbrande allzurasch austrocknen, da das Festwerden dieser Art Mörtel gerade von dem allmählichen Binden des Wassers abzuleiten ist. – In Schlesien nun, etwa 1 Stunde von Jauer, hatte sich bei der Braunkohlengrube „schwarze Minna“ zum Bedauern der Gewerkschaft herausgestellt, daß die Braunkohle nur nesterweise vorkam und vielfach durch ein lockeres basaltisches Gestein durchbrochen und verworfen wurde, das zahlreiche interessante Blätterabdrücke zeigte. Da der sehr bedeutende Wasserandrang den Betrieb der Grube schwierig und bei alleiniger Gewinnung der Braunkohle unrentabel machte, so muß es als ein sehr günstiger Umstand für die Gewerkschaft angesehen werden, daß sich gerade diese vulcanischen Bimssteinmassen als ein sehr brauchbarer Traß herausgestellt haben. Derselbe lagert, wie Bohrtabellen nachweisen, die ihn in den seltensten Fällen durchsunken haben, in einer Mächtigkeit von 2–12 Lachtern, etwa 20 Lachter unter Tage, so daß also selbst durch die ausgedehnteste Förderung dieses Lager sobald nicht erschöpft seyn wird. Im Fundschachte, auf dem die Maschine steht, wurden circa 2 1/2 Lachter darin abgeteuft, und die dabei gewonnenen Mengen dienten zu Versuchen erst im kleinen, dann im größeren Maaßstabe, die jetzt noch fortgesetzt werden. Bassins, die damit oft nur in einer Stärke von 3 Zoll gemauert, haben sich für Wasser so gut wie undurchdringlich erwiesen, und hat der Traßmörtel sehr rasch eine ungemeine Härte erlangt. Versuche, damit freistehende Halbbögen, sogar eine horizontale Brücke zu mauern, sind ebenfalls im Gange, müssen indessen jedenfalls noch länger der Erhärtung überlassen bleiben. Auch hat man damit Versuche zum Abputz feuchter Kellerwohnungen gemacht, die im Vergleich mit Portland-Cement dem letzteren nichts nachgeben. Wer sich für diese Experimente interessirt, kann sie beim Baue des neuen Stadthauses, noch bequemer aber auf dem Kärgerhofe (Nikolai-Vorstadt) in Augenschein nehmen. Wie wir hören, ist eine Gesellschaft in der Bildung begriffen, die den Traß in Breslau mahlen und von hier aus versenden wird. Sie würde mit der Gruben-Gewerkschaft nur durch einen Contract der Traßlieferung in Verbindung stehen. Die Domicilirung dieser Traßmühlen-Gesellschaft in Breslau erscheint deßhalb vortheilhaft, weil der Consum und die Versendung von hier jedenfalls vorwiegen wird, und der ungemahlene Traß sich jedenfalls billiger hierher legt, als man den an Ort und Selle gemahlenen hertransportiren könnte.

Was den Preis des gemahlenen Traß anbelangt, so dürfte sich derselbe nach den angestellten Calculationen nur auf die Hälfte des Cementpreises stellen, und wird sich derselbe daher bald ein ausgedehntes Feld der Verwendung erobern. Jedenfalls spricht noch der Umstand, daß der Traß, so lange er nicht mit Kalk vermengt ist, durch Feuchtwerden keinen Schaden erleidet, sehr zu seinen Gunsten. Vielleicht findet sich nächstens Gelegenheit, über den Erfolg der Versuche von sachverständiger Seite ein Urtheil zu vernehmen.

Am 10. d. M. hatten sich auf dem Kärgerhofe die Mitglieder des Vorstandes, sowie einige Gewerke der schwarzen Minna vereinigt, während gleichzeitig die Herren Stadt-Baurath von Roux, Baumeister Dickhuth und Dr. Schwarz sich zur Abnahme der Probe eingefunden hatten. Nachdem unter der Leitung derselben die Versuche beendet, gab Hr. Stadt-Baurath v. Roux nachfolgendes Gutachten ab:

„Es wird vorausgeschickt, daß der Cementmörtel aus einer Mischung pulverisirter Traßerde, Kalk und scharfem Mauersand besteht, die hier in gleichem Massenverhältniß gemischt waren; der Kalk, oberschlesischer Weißkalk in gelöschtem Zustande. (Das Mischungsverhältniß richtet sich zumeist nach der Beschaffenheit des Kalkes, ob dieser mehr oder weniger hydraulisch ist; derselbe kann im gelöschten, auch im ungelöschten, pulverisirten Zustande beigesetzt werden; der gelöschte Kalk hat den Vorzug der vollständigeren Auflösung und innigeren Verbindung.)

Es war mit dem genannten Cementmörtel zwischen zwei Widerlagspfeilern ein 2 Ziegeln breiter, 1/2 Ziegel starker Bogen rollschichtartig horizontal gewölbt, der im Lichten eine Weite von 5' 4'' in der Leibung und oben im äußersten Fugenschnitt eine Länge von 5' 4 1/2'' hatte. Dieser Fugenschnitt war nur an den Widerlagern vorhanden, in der |396| Mitte ging derselbe in die verticale Lage über. Das Mauerwerk stand drei Wochen und wurde im Scheitel nach und nach mit 5 Ctrn. belastet; erst bei dieser Belastung zeigten sich kleine Risse in der Oberfläche an den beiden Widerlagsfugen, in der Leibung zwischen dem Schlußstein und den Widerlagern auf jeder Seite ein kleiner Riß in einer verschiedenen Fuge. Die Belastung wurde auf dem Bogen gelassen, bis eine Erweiterung der Fugen nicht mehr bemerkbar war, erst dann wurde dieselbe abgenommen, und hiernächst war ein bedeutendes Zurücktreten des Bogens in seine frühere Lage bemerkbar, denn die Fugen schlossen sich wieder.

Ein zweiter Bogen, im Halbkreis 3 1/4' weit, hatte die Stärke eines Klinkers von 10'' Höhe und 10'' Breite. Der Bogen war nicht geschlossen, sondern die letzten Schlußsteine fehlten; in der Mitte stand ein lose eingesetzter Keil und die Lehrbogen waren entfernt. Nach Fortnahme des Holzkeiles wurde die obere Kante der einen Bogenseite mit einem Centnergewicht belastet, was ohne bemerkbare Folgen blieb. – Demnächst fanden sich einige aus Ziegeln mit diesem Cementmörtel gemauerte Klötze vor, die ohne Ablösung einzelner Theilung willkürlich geworfen werden konnten.

Endlich auch noch 2 Wasserkasten von 2' im Quadrat und ppr. 2' Hohe in den Wänden, Boden und Wände aus Ziegel in Cementmörtel gemauert; bei dem einen hatten die Wände 6'' oder eine halbe Ziegelstärke, bei dem anderen waren sie nur 2 1/2'' oder aus hochkantigen Ziegeln zusammengesetzt. Das Mauerwerk dieser Kasten war ppr. 14 Tage alt und wurden die Kasten einige Stunden nach ihrer Vollendung mit Wasser gefüllt; der Cementmörtel war hart und der Kasten mit den 6'' starken Wänden vollständig wasserdicht und ohne bemerkbare Feuchtigkeit in seiner Außenfläche, ebenso war auch der Kasten mit den 2 1/2'' starken Wänden wasserdicht; nur die Außenfläche war feucht, weil die Ziegeln durchschwitzten.

Es ergibt sich hieraus, daß dieser Cementmörtel für die praktische Verwendung wohl empfohlen werden kann und ebenso bindungsfähig und fest ist, wie die gewöhnlichen Cemente, wenn er auch nicht so schnell erhärtet, wie diese, weßhalb er für Hochbauten sich mehr für die Verwendung empfiehlt. In welcher Weise er sich zur Bereitung von Beton eignet, soll noch untersucht werden. Daß er binnen wenigen Wochen für Hochbau einen sehr festen Putz gibt, haben Versuche an anderen Orten gezeigt.“

Nach diesen Resultaten dürfte wohl kein Zweifel daran übrig bleiben, daß dieser Traß sich als ein vollkommen genügendes Ersatzmittel des theuern hydraulischen Mörtels bewähren dürfte. Hervorzuheben ist endlich noch, daß unser hochverehrter Geheime Rath Prof. Dr. Göppert derjenige gewesen ist, der die gedachte Grubengesellschaft auf diesen werthvollen Fund hingewiesen hat, ein neuer Beweis, wie viel das praktische Leben der Wissenschaft verdankt.

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