Titel: Zur Geschichte des Meter-Maaßsystems.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1860, Band 157/Miszelle 1 (S. 460–462)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj157/mi157mi06_1

Zur Geschichte des Meter-Maaßsystems.

Der Major Lingon (Belgier) hat so eben eine sehr interessante Broschüre über die nöthige Allgemeinheit von Maaß, Gewicht und Münze in der ganzen Welt erscheinen lassen, aus der wir Nachfolgendes entnehmen: Der Wunsch, in Frankreich ein gleichmäßiges und geregeltes Maaßsystem einzuführen, wurde zuerst im Jahre 1788 auf eine officielle Weise ausgesprochen, indem man ihn zu dieser Zeit in den Eingaben einiger Wahlkreise an die Notablenversammlung ausgesprochen findet. Die Geister waren damals bereit, alle irgendwie auftauchenden nützlichen Verbesserungen mit Enthusiasmus aufzunehmen, und überdem haftete dem unzusammenhängenden Maaß- und Gewichtssysteme der Makel an, daß die herrschende Verwirrung zum größten Theile das Werk jener verabscheuten Feudalwirthschaft war, die aus Laune oder Gewinnsucht auf tausend verschiedene Weise das den Arabern durch Karl den Großen entnommene regelmäßige System verändert hatte.

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Diese Vereinigung von Umständen brachte die Nationalversammlung dahin, auf Antrag von Talleyrand den Beschluß zu fassen: „Der König möge an Se. Britannische Majestät das Ersuchen richten, das englische Parlament aufzufordern, mit der französischen Nationalversammlung behufs der Feststellung einer natürlichen Maaß- und Gewichtseinheit in Verbindung zu treten, damit unter der Autorität beider Nationen die Commissarien der Akademie der Wissenschaften sich mit einer gleichen Anzahl von der kgl. Gesellschaft in London erwählter Gelehrten an einem für passend erachteten Orte vereinigten, um die Pendellänge zu bestimmen und daraus eine unveränderliche Grundlage für alle Maaße und Gewichte abzuleiten.“

Dieser Beschluß der Nationalversammlung, der am 8. Mai 1790 gefaßt, wurde am 22. August desselben Jahres bestätigt, indessen verhinderten die Zwistigkeiten, welche bald darauf zwischen beiden Nationen ausbrachen, die Verwirklichung des Projects. Die französische Akademie ernannte darauf, um dasselbe zu prüfen, eine Commission, die aus Borda, Lagrange, Laplace, Monge und Condorcet zusammengesetzt war. Ohne sich genau in den Grenzen des Vorschlags zu halten, discutirten die ebengenannten Gelehrten die Gründe, welche zu Gunsten der vorgeschlagenen drei Fundamentaleinheiten, des Secundenpendels, des Aequatorbogens und des Meridianbogens sprachen.

Ihr Bericht vom 19. März 1791 sprach sich für den Meridianbogen aus, und sie schlugen als Normaleinheit den Meter, d.h. den zehnmillionsten Theil des Erdquadranten, der Distanz vom Pole bis zum Aequator, vor.

Als Gewichtseinheit proponirte die Commission den tausendsten Theil eines Kubikmeters destillirten Wassers, das im leeren Raume und bei der Temperatur seiner höchsten Dichtigkeit gewogen werden sollte.

Endlich verlangte die Commission, daß die Zehnttheilung, die unserem Zahlensysteme entspricht, ausschließlich für das neue Maaß- und Gewichtssystem verwendet werden sollte.

Das war der zu erreichende Zweck. Als Mittel der Ausführung schlug die Commission vor: 1) den Meridianbogen zwischen Dünkirchen und Barcelona zu messen und die Breitengrade beider Städte auf das Genaueste zu bestimmen; 2) die Zahl der Schwingungen zu beobachten (auf dem 45. Breitengrade), welche ein Pendel von der Länge des 10/10000000 Erdquadranten (des Meters) im leeren Raume, im Niveau des Meeres und bei der Temperatur des schmelzenden Eises in einem mittleren Tage machen würde. Man würde so eine zweite Einheit von großer Wichtigkeit erlangt haben, mit Hülfe welcher man später den Meter leicht wiederfinden konnte, falls das Normalmaaß desselben sich veränderte oder verloren gegangen wäre.

Der Vorschlag der Commission wurde durch die Akademie der Nationalversammlung übergeben, die denselben am 26. März 1791 annahm, welcher Beschluß durch die kgl. Sanction vom 31. desselben Monats zum Gesetz erhoben wurde. Die Akademie wurde hierdurch beauftragt, neue Commissarien zu erwählen, die sich mit der Ausführung des Vorgeschlagenen ohne Verzug beschäftigen sollten. Dieß geschah, und die Mechaniker Fortin und Lenoir wurden mit der Anfertigung der nöthigen Instrumente beauftragt. Borda und Cassini beschäftigten sich in den Jahren 1792 und 1793 mit Experimenten über die Länge des Secundenpendels und die Ausdehnung des Kupfers und Platins. Die Astronomen Mechain und Delambre, mit dem Auftrage, den Meridianbogen zu messen, betraut, gingen Ende Juni 1792 ans Werk.

In Mitten dieser stürmischen Zeiten konnten nur Männer, die der Wissenschaft so ergeben waren, ein Unternehmen ausführen, das von allen Seiten mit Störungen und Gefahren bedroht war. Ihre Signalstangen, welche das Mißtrauen der Bevölkerung erregten, wurden mehreremale umgeworfen und ihre Arbeiten dadurch verhindert; sie selbst wurden verhaftet und eingekerkert, ja mit dem Tode bedroht, und doch wurde während zweier Jahre ihre Ausdauer und Begeisterung nicht im Mindesten gebrochen. Zu Ende dieses Zeitraums wurde die Gewichts- und Maaß-Commission vollständig desorganisirt; ihre ausgezeichneten Mitglieder, Borda, Lavoisier, Laplace, Coulomb, Brisson und Delambre, wurden durch den berüchtigten Wohlfahrtsausschuß abgesetzt, weil, wie der Beschluß lautete, „der Ausschuß nicht genug Vertrauen zu ihren republikanischen Tugenden und zu ihrem Königshasse habe,“ Lavoisier sogar hingerichtet.

Das große Unternehmen, während 1 1/2 Jahren unterbrochen, wurde erst in der Mitte des Jahres 1795 in Folge des Gesetzes vom 18. Germinal, Jahr III der Republik, wieder aufgenommen.

Erst gegen Ende November 1798 war die Meridianbogenmessung vollendet. Nach dem Wunsche der französischen Akademie hatte die Regierung die verbündeten oder |462| neutralen Mächte aufgefordert, nach Paris Gelehrte zu senden, um im Verein mit der Commission der Akademie das metrische System festzustellen. Die fremden Deputirten kamen im Monat October 1798 nach Paris. Eine Unter-Commission wurde mit der Revision der astronomischen und geodätischen Arbeiten und mit der definitiven Feststellung des Meters beauftragt. Indem dieselbe die Abplattung der Erde zu 1/334 annahm, berechnete sie die Länge des Viertel-Meridianbogens auf 5,130,740 Toisen. Diese Toise ist diejenige, welche man mit dem Namen Toise de Perou oder de l'Académie bezeichnet, und die sich z.B. in den früheren Humboldt'schen Schriften noch allgemein angewendet findet.

Hiernach hat der Normalmeter eine Länge von 0,513074 Toisen, oder 3 Fuß 11,2096 Linien des alten französischen Maaßes. Er ist von Platin und bei 0° regulirt.

Unglücklicher Weise ist heute zu Tage nachgewiesen, daß in der Berechnung des Meridianbogens ein Rechnungsfehler mit untergelaufen ist, und Mechain hatte außerdem erkannt, leider ohne es der Commission zuzugestehen, daß die für Barcelona gefundene Breite nicht ganz genau war. Nach den letzten Arbeiten unseres berühmten Landmannes Bessel beträgt der mittlere Abstand vom Pol bis zum Aequator 10,000,855 Meters, so daß der gesetzliche Meter um 8–9/100 Millimeter gegen den wahren Meter zu kurz ist.

Bei der nicht ganz regelmäßigen Form der Erde ist überhaupt eine absolut genaue Feststellung des Viertel-Meridianbogens unmöglich, wenn man nicht auf einen ganz bestimmten Meridian zurückgehen will.

Nachdem die Länge des Meters, die Grundlage des ganzen Systems festgestellt, war es leicht, davon die übrigen Einheiten abzuleiten. (Moniteur des Int. mater., 1860 p. 178; Breslauer Gewerbeblatt, 1860, Nr. 14.)

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