Titel: Neue wichtige Verwendung des Kautschuks.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1860, Band 157/Miszelle 9 (S. 466–468)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj157/mi157mi06_9

Neue wichtige Verwendung des Kautschuks.

In dem Once a Week vom 25. August 1860 macht Hr. C. Keen die höchst interessante Mittheilung, daß man in England die Eigenschaft des Kautschuks sich auszudehnen und zusammenzuziehen zu einer praktischen und werthvollen Erfindung benutzt hat, indem man von Drucktypen, Holzstichen, Lithographien u. dgl. beliebig vergrößerte und verkleinerte Abdrücke nehmen und dann weiter vervielfältigen kann.73) Eine Gesellschaft unter dem Namen: Electro-Printing-Block Company hat sich das in Nachstehendem beschriebene Verfahren patentiren lassen.

Dehnt man ein Stück Kautschuk nach allen Seiten gleichmäßig aus, so daß die darauf gezeichneten Linien beim Ausdehnen ihre relative Entfernung von einander beibehalten, so wird eine mathematisch-correcte Vergrößerung der Originalzeichnung entstehen. Man benutzt dazu ein Blatt vulcanisirten Kautschuk, dessen Oberfläche präparirt ist, um lithographische Dinte aufzunehmen, und welches auf einem beweglichen, vermittelst feiner Schrauben ausziehbaren Rahmenwerk von Stahl, befestigt ist. Auf diese präparirte |467| Oberfläche werden rechtwinkelige Linien, um als Maaß zu dienen, gezogen und das zu vergrößernde Bild in der gewöhnlichen Weise darauf gedrückt.

Nehmen wir an, dasselbe soll viermal vergrößert werden, so wird das Rahmenwerk vermittelst der Schrauben so lange ausgezogen, bis jede Seitenlinie des Quadrats genau zweimal so groß ist als im ausgedehnten Zustande. Dann kommt das Ganze auf den lithographischen Stein, wird gedruckt, und von diesem Umdruck werden die Copien in der gewöhnlichen Weise abgezogen. Soll das Bild typisch dargestellt werden, so muß der vergrößerte Druck natürlich auf Platten gemacht werden, deren Drucklinien wie die eines Holzschnitts vorstehen. Dieß geschieht, indem man das Bild mit präparirter Dinte auf eine Metallplatte druckt, die Platte dann in geeigneter Flüssigkeit der Einwirkung des galvanischen Stroms aussetzt, welche das Metall an allen nicht von der Dinte geschützten Stellen gleichmäßig fortnimmt.

Will man eine verkleinerte Copie einer Zeichnung haben, so ist das Verfahren dabei umgekehrt, d.h. das vulcanisirte Kautschukblatt wird im Rahmen vor dem Bedrucken ausgedehnt, dann läßt man es sich zusammenziehen und hat nun das verkleinerte Bild auf seiner Oberfläche.

Die drei dem Once a Week beigegebenen Abbildungen zeigen zuerst einen Originalholzschnitt, welcher viele Figuren in schraffirter Manier enthält, und 12,5 Centimer lang und 7,5 Centimet. breit ist; derselbe ist einmal mittelst des angegebenen Verfahrens auf 20 Centimeter und 11,5 Centimeter vergrößert, und dann auf 9,25 Centimeter und 5,5 Centimeter verkleinert dargestellt. Beide letzteren Holzschnitte geben genau und sehr deutlich das Original bis auf die kleinsten Fehler wieder. Einer menschlichen sehr geschickten Hand würde es selbst bei unbeschränktem Zeitaufwande schwer werden, gleiche Facsimile zu liefern, und niemals in so kurzer Zeit und für einen so geringen Preis.

Besonders wichtig dürfte diese Erfindung zur Vergrößerung oder Verkleinerung von Karten und Plänen seyn, die auf gewöhnlichem Wege mit enormen Kosten verknüpft sind. In England z.B. ist die Landesvermessung in dem sehr kleinen Maaßstabe von einem Zoll auf die engl. Meile ausgeführt worden, während in verhältnißmäßig sehr viel ärmeren Ländern, z.B. in Spanien, der enorme Maaßstab drei und sechzig Zoll pro engl. Meile beträgt, und die Regierungskarten von Frankreich und Schweden gleich groß sind. Daher ist auch jetzt in England das Verlangen nach einer Vergrößerung im fünf und zwanzig Zoll Maaßstab pro engl. Meile allgemein. Wäre die Vermessung gleich in diesem Maaßstabe ausgeführt worden, so hätte man mittelst des neuen Verfahrens alle Verhältnisse mit der größten Genauigkeit auf den kleinsten Maaßstab zurückführen können. Das Publicum könnte auf diesem Wege Taschen-Facsimile-Copien der gigantischen Karte von England und Schottland (im fünf und zwanzig Zoll Maaßstab) haben, während dieselbe jetzt nach Hrn. Peto's Berechnung größer als die London Docks wäre, und man, um die Karte einer einzigen Grafschaft zu besichtigen, auf eine Leiter steigen müßte.

Die neue Kunst ist für alle Stiche, Radirungen und Holzschnitte geeignet, und kann außerdem mit dem größten Vortheil zur Reproduction von Typen selbst in vergrößertem oder verkleinertem Maaßstabe dienen. Dieß ist in England für alle Bibelgesellschaften von großer Wichtigkeit, da enorme Summen verausgabt werden, um dieß Werk in allen Größen herzustellen. Die Klarheit und Schönheit, mit welcher eine Seite Typen reducirt werden kann, ist erstaunlich.

Aber, könnte man fragen, welchen Vortheil bietet dieß Verfahren vor dem gewöhnlichen Umsetzen der Seite? Zwei sehr bedeutende – Schnelligkeit und Billigkeit. Nehmen wir z.B. an, daß eine Royal octavo University Bibel auf halb Octav reducirt werden sollte, so würden die Kosten des Umsatzes der Typen 800 Pfd. St., und das Correcturlesen allein wenigstens weitere 300 Pfd. Sterl. kosten. Die genannte Gesellschaft dagegen würde eine identische Copie für 120 Pfd. St. herstellen, und die Kosten für Correcturlesen fielen, da die Copie Facsimile ist, natürlich fort. Bei den Bibeln in mehreren Sprachen, wo viel Randnoten vorhanden und verschiedene Typen angewendet sind, wäre der Vortheil des Kautschuk-Verfahrens natürlich noch bedeutender. Jede Gesellschaft also, welche eine bestimmte Bibel besitzt, kann so die verschiedensten Ausgaben veranstalten, von den großlettrigen, für schwache Augen alter Leute geeignet, bis zu jenen Diamant-Ausgaben, die ein Mikroskop um sie zu lesen bedingen.

Eine andere Seite dieser neuen Erfindung dürfte sie den Verlegern sehr werthvoll machen. Es geschieht oft, wenn die neue Auflage eines Werkes gedruckt werden soll, daß |468| einige der Original-Stöcke oder Stereotyp-Abdrücke fehlen. Bisher mußten nun neue Zeichnungen und Drucke gemacht werden, während jetzt einfach die gedruckte Seite aus dem alten Buche genommen und damit der fehlende Stock hergestellt wird. Dieß fand wirklich bei dem wohlbekannten Werke Bell on the Hand statt, dessen fehlende Stöcke von alten gedruckten Blättern hergestellt wurden.

Noch weiß man nicht, wie viel Jahrhunderte vergehen können, ehe die Dinte alter Bücher zu trocken wird, um durch das neue Verfahren übertragen werden zu können.

Sicher aber ist, daß sie noch nach ein Paar hundert Jahren Abdrücke liefert, so daß wir die ältesten Foliocopien Shakespeare's durch das Medium von einigen Kautschukblättern in bequemer Größe genau wiedergeben können.

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Eine Vorrichtung, um Zeichnungen von Mustern, architektonischen Verzierungen, Ansichten etc. durch Anwendung einer vulcanisirten Kautschukplatte zu vergrößern oder zu verkleinern, und durch Umdruck zu copiren und zu vervielfältigen, wurde zuerst von den Fabrikanten Cellerin und Devillers zu Mülhausen im Elsaß construirt und war in einem ausgeführten und in Thätigkeit erhaltenen Exemplare in der Industrieausstellung zu Paris im Jahre 1855 vertreten; den Erfindern wurde dafür die silberne Medaille zuerkannt. Man s. die Beschreibung dieser Vorrichtung im polytechn. Journal Bd. CXLVI S. 348. A. d. Red.

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