Titel: Einheitliches Maaßsystem für Deutschland.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1860, Band 158/Miszelle 1 (S. 72–74)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj158/mi158mi01_1

Einheitliches Maaßsystem für Deutschland.

Unter dem Titel: „Einheitliches Maaßsystem für Deutschland. Bearbeitet vom Vorstande des Architekten- und Ingenieur-Vereins für das Königreich Hannover“ hat die kgl. hannoversche Generaldirection der Eisenbahnen und Telegraphen aus Anlaß der Verhandlungen über den Antrag auf Einführung eines einheitlichen Maaßes bei den deutschen Eisenbahnen eine als Manuscript gedruckte Denkschrift überreicht, welche in drei Abschnitten: 1) die Einleitung und Begründung des Entwurfs, 2) den Entwurf eines einheitlichen Maaßsystems für Deutschland, 3) Vergleichungs-Tabellen zum Entwurfe enthält.

Der Entwurf selbst lautet (mit Hinweglassung der beigefügten Reductionen auf hannoversches Maaß) wie folgt.

Das neue System muß auf alle Anwendungen des Maaßes sich erstrecken, der Vorschlag also folgende drei Haupt-Abtheilungen umfassen: I. Längenmaaße, II. Flächenmaaße, III. Raummaaße, für welche letztere wieder drei Haupt-Unterabtheilungen sich ergeben, nämlich: A. Raummaaße für feste Körper, B. Hohmaaße für flüssige Körper, C. Hohlmaaße für trockene Körper.

Das neue System wird auf das französische metrische System begründet.

I. Längenmaaße.

Die Grundeinheit ist der gesetzlich zu 443,296 Pariser Linien bestimmte französische Meter, für Deutschland „Stab“ genannt und in 100 „Cent“ getheilt (1 Cent = 1 Centimeter). Der Cent wird in 10 „Strich“ getheilt (1 Strich = 1 Millimeter), so daß 1 Stab = 100 Cent = 1000 Strich ist.

Bezeichnung. A. In der Rede: a) die Namen werden indeclinabel gebraucht; b) wenn neben Stab allein Cent vorkommen, so werden solche nicht ausdrücklich genannt; es heißt z.B. „Drei Stab fünfzehn“ immer: „Drei Stab fünfzehn Cent;“ c) für den gemeinen Gebrauch in der Technik wird es bequem seyn, den Cent dyadisch zu untertheilen und z.B. zu sagen „Drei Stab fünfzehn ein Halb;“ d) wo größere Genauigkeit nothwendig ist, oder die kleinsten Maaße vorherrschend sind, werden dieselben ausschließlich in Strich oder in Stab und Strich angegeben, z.B. „Sieben und fünfzig Strich“ oder „Ein Stab Siebenzehn Strich.“

B. In der Schrift: a) Stab wird durch ein rechts oben neben die betreffende Ziffer gesetztes s bezeichnet, z.B. 47s; b) Cent und Strich erscheinen in der Regel als |73| Decimalbrüche des Stab, erfordern also in solchen Fällen eine besondere Bezeichnung nicht, z.B. 47, s 176; c) wo eine solche ausnahmsweise nothwendig oder wünschenswerth erscheint, mag man die Buchstaben c und st in gleicher Weise rechts oben neben die Ziffer setzen, z.B. 7c (richtig 0,s 07) oder 21st (richtig 0,s021); auch wird man zweckmäßig eines Strichs als Bezeichnung sich bedienen, also 0,s021 = 21st oder 21'; d) der Decimalbruch wird im ganzen neuen System durch ein Komma unter den ausgesetzten Buchstaben bezeichnet.

Neben dem Stab und seinen Unterabtheilungen werden nachfolgende Vielfache in besonderen Fächern als weitere Einheiten gebraucht:

1. Wegmaaße. Die Ruthe = 5 Stab. Die Wegstunde = 1000 Ruthen = 5000 Stab.

2. Feldmaaße. Die Ruthe = 5 Stab, wird in 100 Theile getheilt. Die Kette des Feldmessers ist lang = 5 Ruthen oder 25 Stab, und bekommt zwei Glieder auf den Stab, so daß sie im Ganzen 50theilig ist und 0,s50 direct ablesen läßt.

3. Werkmaaß. Der Stab, der Cent, der Strich treten an die Stelle der bisherigen Fuß, Zoll und Linien.

4. Bergwerksmaaß. Das Lachter = 2 Stab. Dasselbe wird dreimal untertheilt.

5. Ellenmaaß. An die Stelle der Elle tritt der Stab. Derselbe wird für diesen Zweck dyadisch getheilt, und zwar in 1/2, 1/4, 1/8 und 1/16.

II. Flächenmaaße.

1. In der Technik. Der Quadratstab, der Quadratcent, der Quadratstrich treten an die Stelle von Quadratfuß, Quadratzoll und Quadratlinien. In der Regel jedoch werden die kleineren Flächentheile durch Decimalbruch des Quadratstab ausgedrückt.

Bezeichnung. Dieselbe geschieht nach Analogie der Bezeichnung beim Längenmaaß durch Vorsetzen eines q oder allenfalls eines □ vor die betreffenden Buchstaben, z.B. 13,qs 172, 0,qs 0007 oder 7qc oder 7□c, 0,qs 000008 oder 8qst oder 8 □st oder 8 □'.

2. Landmaaße. Der Quadratstab, die Quadratruthe zu 25qs, der Morgen zu 100 Quadratruthen oder 2500qs, die Quadratstunde = 10,000 Morgen = 1,000,000 □ Ruthen oder 25,000,000 □ Stab.

In der Regel werden die Landmaaße entweder allein in Quadratstab und Decimalbruch desselben oder allein in Morgen und Decimalbruch desselben und endlich allein in Quadratstunden und Decimalbruch derselben ausgedrückt.

Die Bezeichnung geschieht, wie oben für die technischen Maaße angegeben, z.B. 0,mrg 66 oder 66qr.

III. Raummaaße.

A. Für feste Körper. 1) In der Technik. Der Kubikstab, der Kubikcent, der Kubikstrich treten an die Stelle der Kubikfuß (zugleich auch der Kasten, Schacht- und Faden- oder Steinruthen), Kubikzoll und Linien. In der Regel jedoch werden die kleineren Raummaaße durch Decimalbruch des Kubikstab ausgedrückt, Kubikcent und Strich also nur ausnahmsweise gebraucht.

Bezeichnung, nach Analogie der obigen, z.B. 14,cs 128, 0,cs 000007 oder 7cc, 0,000000008 oder 8cst oder 8c '.

2) Für Holz. a) für Brennholz. Die Klafter = 4 Kubikstab (= 4cs).

ein Prisma von 2s Breite, 2s Höhe bei 1s Scheitlänge
oder 2s 1s „ „ 2s

b) Bau-, Nutz- und Werkholz. Das Scheit, gleich 1/100 Kubikstab (0,cs 01) ein Prisma mit quadratischer Grundfläche von 0,s 10 Seite bei 1,s 0 Länge. Der Kubikstab = 100 Scheit.

Für Bau-, Werk- und Nutzholz wird das Scheit an Stelle des jetzigen Kubikfuß und der Kubikstab für größere Massen als Einheit gebraucht. Kleinere Massen treten als Decimalbruch des Scheit resp. Kubikstab auf.

B. Hohlmaaße für flüssige Körper. Für alle Hohlmaaße ist die Grundeinheit die Maaß = 1/1000 Kubikstab (= 0,cs 001), ein Würfel von 10 Cent (0,s 1) Seite, gleich dem französischen Liter.

|74|

Unterabtheilungen der Maaß sind der Schoppen = 1/2 Maaß, das Ort = 1/2 Schoppen oder 1/4 Maaß.

Größere Nebeneinheiten sind: der Eimer = 50 Maaß, die Ohm = 3 Eimer oder 150 Maaß, das Oxhoft = 1 1/2 Ohm. Also 1 Ohm = 3 Eimer = 150 Maaß = 300 Schoppen = 600 Ort. 1 Oxhoft = 1 1/2 Ohm = 4 1/2 Eimer = 225 Maaß = 450 Schoppen = 900 Ort.

C. Hohlmaaße für trockene Körper. Die Grundeinheit ist auch hier wieder die Maaß = 0,cs 001 = 1 Liter. Für kleinere Quantitäten wird die Maaß in Halbe und in Viertel getheilt.

Größere Nebeneinheiten sind der Metzen = 10 Maaß, der Scheffel = 10 Metzen = 100 Maaß.

Da der Scheffel, als Gemäß zu groß, nicht wohl zu handhaben ist, so dient als Gemäß das Faß = 1/2 Scheffel oder 5 Metzen. Die Reihe der Maaße ist also 1 Scheffel (2 Faß à 5 Metzen) = 10 Metzen = 100 Maaß. –

In der Einleitung und Begründung des Entwurfs heißt es am Schlüsse: „Schließlich ist noch die vielfach aufgeworfene Frage: ob es bei Einführung eines neuen Maaßsystems zweckmäßig sey, zur Schonung der Volksgewohnheiten, so wie zur Erleichterung des Ueberganges, interimistisch ein quasi Vermittelungssystem, z.B. ein auf einen der metrischen Fuße basirtes System anzunehmen? zur Erörterung zu bringen. Dieselbe ist kurz mit Nein zu beantworten. Der Uebergang zu dem neuen, definitiv anzunehmenden Systeme ist an und für sich, – gleichviel auf welcher Basis aufgebaut, wenn dasselbe nur wirklich tüchtig – durchaus nicht schwieriger als der zu einem interimistischen und hinwieder von diesem zu dem definitiven. Alle Schwierigkeiten, welche ein solcher Systemwechsel stets nothwendig nach sich zieht, würden durch eine Maaßregel der angedeuteten Art also verdoppelt. Hinzu käme dann noch der durch das neue System herbeigeführte Wirrwarr, um die Zustände für Jahre der Uebergangsperiode viel schlimmer als je zu machen! Ueberdem ist eine solche Maaßregel ganz überflüssig. Der Stand der Bildung des deutschen Volkes in seiner überwiegenden Mehrzahl ist der Art, daß dasselbe Dinge wie die hier fraglichen zu fassen sehr wohl im Stande ist. Kommt nun noch hinzu, daß das Streben nach dem Bessern ein Grundzug des deutschen Charakters und daß das Interesse an derartigen Dingen zur Zeit lebhaft genug ist, so wird man zu dem Schlusse gelangen: daß eine solche Neuerung mit Voraussicht eines verhältnißmäßig raschen und vollständigen Erfolges, unbekümmert um die derselben entgegenstehenden Schwierigkeiten, unternommen werden kann. Vorausgesetzt wird dabei natürlich: daß die Einführung des neuen Systems durch die Schule und Presse gründlich vorbereitet, durch die in allen deutschen Ländern durchweg tüchtig organisirte Staatsverwaltung mit Umsicht eingeleitet, nachhaltig mit Fleiß, aber zugleich human überwacht und die Durchführung der ganzen Maaßregel namentlich nicht überstürzt wird. Greift man die Sache auf diesem Wege an, so wird das deutsche Volk der Segnungen eines einheitlichen Maaßsystems bald und sicher sich erfreuen können.“ (Eisenbahnzeitung, 1860, Nr. 38.)

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: