Titel: Die neue Aera der Stahlerzeugung.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1860, Band 158/Miszelle 2 (S. 234–235)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj158/mi158mi03_2

Die neue Aera der Stahlerzeugung.

In den letzten zwei oder drei Jahren sind zahlreiche Theorien in Bezug auf Erzeugung von Stahl und anderen Producten, welche dem Stahle ähnlich sind, aufgestellt, und obwohl jede verschiedene Mängel zu haben scheint, die noch abgestellt werden müssen, so hat ihre praktische Ausführung doch schon den Nutzen gehabt, daß man mehr als früher seine Aufmerksamkeit auf die eigentliche chemische Constitution des Stahls gerichtet hat. Bessemer's Proceß verdankt seinen Erfolg der Chemie und die Processe von Birks, Clay, Saunderson, Mushet, Spence, die allerdings zum Theil sich als unbrauchbar erwiesen haben oder nicht weiter verfolgt wurden, gründen sich auf die nämliche Wissenschaft. Ungeachtet des beständigen Spottes, daß ihre Methoden werthlos seyen, sind Bessemer, Mushet, Clay und Spence unermüdlich in ihren Arbeiten gewesen, und ihre Erfolge fangen jetzt an bemerkbar zu werden, indem Bessemer seine Producte schon auf dem Markte hat und Spence nicht allein durchaus günstigen Erfolg erzielt hat, sondern auch glücklich genug gewesen ist, seinen neuen Producten so ausgedehnte Anwendung zu sichern, daß die Lieferung eben nur den Nachfragen genügt. Die Preise sind – wenigstens von dem Bessemer'schen Fabricat – jedoch nicht ganz so niedrig, wie man gewöhnlich glaubt, immer jedoch noch 30 bis 40 Proc. geringer als gewöhnlich. Was Spence's Product betrifft, so glaubt man, daß er es zu einem so niedrigen Preise auf den Markt bringen werde, daß der Gebrauch von Schmiedeeisen – mit wenigen Ausnahmen – aufhören müsse.

Alle Stahlfabrikanten der neueren Schule haben bei der Behandlung von brittischem Kohksroheisen mit einer Schwierigkeit zu kämpfen gehabt, die fast unüberwindlich scheint: die Anwesenheit von Schwefel und Phosphor hat jeden Erfolg, wenn er auch ganz sicher schien, vereitelt. So z.B. hat sich der Uchatius'sche Proceß, welcher bei Holzkohleneisen so herrliche Resultate gab, daß er einen der erfahrensten Hüttenbesitzer in Südwales dahin brachte, die Erfindung für eine bedeutende Summe zu kaufen, als vollkommen unbrauchbar erwiesen und ist, wie wir glauben, jetzt längst aufgegeben, obwohl es keinem Zweifel unterliegt, daß er für jede Art Eisen sehr anwendbar seyn würde, wenn man den Schwefel und Phosphor entfernen könnte. Es wird daher eine Erfindung, deren alleiniger Zweck die Entfernung der erwähnten Bestandtheile ist, Manchen von Nutzen seyn, deren Erfindungen jetzt todt liegen.

Von einer solchen Erfindung berichtet das Mechanics, Magazine als bei der Damascusstahl- und Eisencompagnie in New-York in Anwendung stehend. Im Mining Journal, welchem überhaupt diese Bemerkungen entnommen sind, ist angezeigt, daß einem Hrn. Farrar für diese Erfindung ein vorläufiger Schutz bewilligt sey, und darüber Folgendes bemerkt: Die Damascuscompagnie macht jetzt nach dieser Methode täglich 3 bis 6 Tonnen besten Gußstahl zu einem Preise von nicht über |235| 28 Pfd. St. pro Tonne. Aus einem Puddeleisen, welches sie direct aus den Erzen erzeugt, und bei Anthracitfeuerung macht sie einen Stahl, der zum besten Maschinenstahl, zu Sägen etc. hinreichend gut ist. Das Eisen kostet nicht mehr als 8 Pfd. St. pro Tonne, und, wenn es nach dieser Methode verarbeitet ist, – 20 Pfd. St. Durch Farrar's Erfindung werden wir statt des langwierigen Cementationsprocesses Eisen binnen 3 Stunden in Stahl verwandeln können. Aus Roheisen, ganz ähnlich dem, was er bisher angewendet hat, erzeugt der Erfinder ein vorzüglicheres, gleichmäßigeres, zähes und dehnbares Eisen und von einem gegebenen Quantum Eisen dieselbe Menge Stahl, indem beim Schmelzen gar kein Verlust stattfindet. Die Entfernung des Schwefels und Phosphors ist aber bei Weitem das Wichtigste an der Erfindung und diese wird dem Erfinder bedeutenden Nutzen bringen. Wenn sie so vollkommen ist, wie angegeben wird, so ist sie unschätzbar in ihrer Anwendung auf Uchatius', Bessemer's und eine Reihe anderer Processe, zu welchen ein auch nur Spuren der schädlichen Substanzen enthaltendes Eisen – wie das englische – immer gänzlich unbrauchbar ist. (Mining Journal, Nr. 1250; berg- und hüttenmännische Zeitung, 1860, Nr. 4.)

In der Revue universelle des mines, 1860, t. VII p. 520 wird über Farrar's Verfahren zur Gußstahlerzeugung Folgendes mitgetheilt:

„Die Methode ist sehr einfach. Das Puddeleisen wird in Stücke von 2 bis 3 Zoll Länge zerschlagen, und in einem Graphittiegel mit Salmiak, Blutlaugensalz und Braunstein beschickt. Die chemischen Reactionen welche zwischen diesen Substanzen während des Schmelzens stattfinden, scheiden den Schwefel und den Phosphor aus. Man wendet 1 Pfund Blutlaugensalz und 2 Pfund Salmiak auf 20 Ctr. Puddeleisen an; der Werth dieser Substanzen ist verschwindend klein gegen denjenigen des erhaltenen Products.

Nach Farrar soll der Salmiak den Zweck haben, das Eisen, welches man zur Schweißhitze bringt, in teigartigen Zustand zu versetzen, wornach das Blutlaugensalz seine Wirkung ausübt und die Cementation hervorbringt, auf welche unmittelbar das Schmelzen des so gebildeten Stahls folgt.

Abgesehen von der Richtigkeit dieser Theorie, ist es auffallend, welche Rolle hier der Stickstoff zur Umwandlung des Eisens in Stahl spielt, und das praktische Resultat bestätigt hier die Versuche von Saunderson, aus welchen man schließen muß, daß der Stahl kein bloßes Kohlenstoff-Eisen, sondern wirklich ein Kohlenstickstoff-Eisen ist.“

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