Titel: Persoz, über die Erzeugung der Fuchsinsäure mittelst Anilin.
Autor: Persoz,
Luynes,
Salvetat,
Fundstelle: 1861, Band 159, Nr. LVII. (S. 221–224)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj159/ar159057

LVII. Ueber die Erzeugung der Fuchsinsäure mittelst Anilin; von Persoz, de Luynes und Salvetat.

Aus den Comptes rendus, October 1860, t. LI p. 538.

Bechamp stellt in seiner Abhandlung über die Erzeugung des Fuchsins (polytechn. Journal Bd. CLVI S. 309) als Grundsatz auf, daß sich hierzu nur die Sauerstoffsalze mit reducirbarer Basis eignen, oder andere Verbindungen, welche direct oder indirect Sauerstoff liefern können, und daß diese Verbindungen durch das Anilin bei dessen Siedepunkt reducirt werden. Zur Begründung dieser Ansicht führt er an, daß bei der Darstellung des Fuchsins mittelst Zinnchlorid, sich Zinnchlorür nach folgender Gleichung bildet:

3 C¹²H⁷N + 2 Cl²Sn + HO = 2 Cl H, Cl Sn, C¹²H⁷N + C¹²H⁶NO.

Mit dieser Ansicht sind aber eine Menge von Thatsachen nicht vereinbar, unter anderen folgende:

1) Die Fuchsinsäure, denn dieser Farbstoff ist eine wahre Säure, entsteht aus wasserfreiem Anilin und wasserfreiem Zinnchlorid ohne Mitwirkung des Aeq. Wasser, welches Bechamp in seiner Gleichung hat.

2) Es entsteht dabei kein Zinnchlorür. Um dieß zu beweisen, genügt es, das rohe Product der Reaction in Alkohol zu lösen und mit einem großen Ueberschuß von flüssigem Ammoniak zu behandeln, welches die überschüssige Säure wegnimmt und das Fuchsin löst, während unlösliches Zinnoxyd zurückbleibt. Wird dieses gesammelt und mit Wasser, |222| dann mit Alkohol gewaschen, und in Salzsäure gelöst, so zeigt die von allem Farbstoff freie Lösung alle Eigenschaften der Zinnoxydsalze und wird auch von Schwefelwasserstoff gelb gefällt.

3) Ferner gibt selbst schwefelsaures Zinnoxydul mit überschüssigem Anilin erhitzt, Fuchsinsäure mit allen ihren bekannten Eigenschaften. Das schwefelsaure Zinnoxydul zu diesem Versuche wurde dargestellt, durch Einwirkung von gleichen Aequivalenten von Salzsäure und Schwefelsäure auf Zinn und Verdampfen der Flüssigkeit zur Trockne, wobei es als weißes, sehr hygroskopisches Pulver zurückbleibt.

Bechamp führt zur Begründung seiner Ansicht ferner an in einer zweiten Abhandlung (Comptes rendus t. LI p. 356), daß sich bei Einwirkung der Arsensäure auf Anilin ein saures Arseniat bildet und daß dieses Salz dann selbst bei 190–200° C. Wasser, arsenige Säure und eine Quantität freies oder durch die Producte seiner Zersetzung repräsentirtes Fuchsin liefert, die der Menge der entstandenen arsenigen Säure proportional sey.

Wir waren nicht so glücklich, diese Reduction nachweisen zu können und konnten kaum Spuren von arseniger Säure auffinden. Um die Oxydationsstufe des Arseniks nach der Bildung von Fuchsin nachzuweisen, haben wir uns zunächst reines Anilin dargestellt, da, wie Perkin gezeigt hat, das unter dem Namen Anilin im Handel vorkommende Product ein Gemisch von Anilin, Cumidin, Xylidin, Toluidin ist, die alle fähig sind gefärbte Producte zu liefern.

Wir brachten in einen kleinen gläsernen Destillirapparat, der mit Vorlage versehen war, eine gewisse Menge englisches Anilin, leiteten in dieses einen Strom von reinem und trocknem Chlorwasserstoffgas und erhitzten dabei bis zu dem Punkte, wo das durch die Säure entstandene Product sich verflüchtigte. Wenn ungefähr 3/4 des Anilins in Form von chlorwasserstoffsaurem Salz auf diese Weise abdestillirt waren, blieb in der Retorte ein Product von grünlich gelber Farbe, welches durchscheinend, klebrig war und zu seiner Verflüchtigung eine viel höhere Temperatur brauchte. Das flüchtigere salzsaure Anilin wurde mit Kalk destillirt, und gab eine ölige Flüssigkeit, die nach nochmaliger Destillation farblos war und gegen 100° C. ins Kochen kam.

Dieses Product haben wir als Anilin betrachtet und davon 10 Grm. mit 12 Grm. reiner Arsensäure, die zuvor in 12 Grm. Wasser gelöst worden war, von der gewöhnlichen Temperatur bis 100, 120, 160 und 180° erhitzt; nach Verlauf von sieben Stunden war es in Fuchsin umgewandelt, bis auf 2 Grm. Anilin, die überdestilirten und der Wirkung der Arsensäure entgingen.

|223|

Der in der Retorte gebliebene Rückstand wurde mit lauwarmem Kalkwasser behandelt, worin sich alles Fuchsin löste, welches durch Harz und Spuren von Indisin (das von Perkin entdeckte Anilinviolett) gefärbt war, die durch Behandlung desselben mit Alkohol und Aether entfernt wurden. Will man das Kalkfalz vor seiner Analyse auf vortheilhaftere Weise reinigen, so löst man es in schwacher Salzsäure, welche etwas Farbstoff zurückläßt, filtrirt und fällt mit Ammoniak. Der eine oder andere dieser kalkhaltigen Niederschläge in Salzsäure gelöst, gibt mit Schwefelwasserstoff erst nach einiger Zeit eine gelblichweiße Trübung, welche das Arsensulfid charakterisirt; hat man aber die salzsaure Lösung zuvor mit 3 oder 4 Volumen einer gesättigten Lösung von schwefliger Säure behandelt, und durch Kochen den Ueberschuß derselben entfernt, so fällt durch Schwefelwasserstoff sogleich das Schwefelarsen AsS³.

Nach diesen Thatsachen betrachten wir die Fuchsinsäure nicht als ein Oxydationsproduct.

Die Reaction, nach welcher es entsteht, ist nicht dieselbe, wie die, durch welche sich das Indisin bildet.

Hinsichtlich des Indisin (Anilinviolett) bemerken wir, daß seine Menge nur 4 Proc. vom Gewichte des angewendeten Anilins beträgt, daher es vielleicht nur ein Nebenproduct der Oxydation des käuflichen Anilins mittelst verschiedener Oxydationsmittel ist.

Nachschrift.

Entdeckung des Fuchsins. – In Beziehung auf vorstehende Mittheilungen erwähnt Köchlin (Comptes rendus t. LI p. 599) in einem Briefe an die Pariser Akademie, daß Prof. A. W. Hofmann der Entdecker des Anilinroth ist, wie aus seiner Mittheilung Comptes rendus t. XLVII p. 492 (Journal für praktische Chemie Bd. LXXVII S. 190) hervorgeht, wo er die Wirkung des Zweifach-Chlorkohlenstoffs auf Anilin beschreibt.

Einige Monate später habe dann Verguin in Lyon diese rothe Farbe in der Färberei angewendet, indem er zu ihrer Darstellung sich statt des Chlorkohlenstoffs eines Chlorür des Zinns bediente. Er kam so auf das Verfahren, welches das Haus Gebrüder Renard benutzt.

Verfahren zur Darstellung des Anilinroths von Renard und Franc in Paris. – Dieses Verfahren wurde am 8. April 1859 in Frankreich patentirt; nach Armengaud's Génie industriel, Januar 1861, S. 9 lautet die Patentbeschreibung:

„Um das Fuchsin zu erhalten, erhitzen wir ein Gemisch von Anilin und wasserfreiem Zinnchlorid zum Sieden und unterhalten das Sieden |224| 15–20 Minuten lang. Das Gemisch wird zuerst gelb, dann röthlich und endlich schön roth; in dünnen Schichten betrachtet, erscheint es schwarz. Nachdem diese Umwandlung eingetreten ist, gießt man es, während es noch flüssig ist, in Wasser, und erhitzt das Ganze zum Kochen; man nimmt es dann vom Feuer und läßt es kurze Zeit ruhig stehen, damit die unauflöslichen Substanzen sich absetzen, dann filtrirt man es heiß; den Rückstand erschöpft man durch wiederholtes Auskochen mit Wasser.“

„Die filtrirte Flüssigkeit enthält den Farbstoff aufgelöst. Um ihn abzuscheiden, benutzt man seine Unauflöslichkeit in Salzlösungen, indem man der Flüssigkeit Kochsalz, oder neutrales weinsaures Kali, neutrales weinsaures Natron etc. in fester Form zufügt; das Salz löst sich auf und der Farbstoff setzt sich im festen Zustande ab; man sondert ihn durch Decantiren oder Filtriren ab.“

„Um ihn zu verwenden, löst man ihn in Wasser auf, und färbt mit diesem Bade, ohne Beizen, oder indem man die gewöhnlichen sauren oder salzigen Beizen anwendet, jedoch mit Ausnahme der Mineralsäuren, welche die Farbe verändern.“

„Man erhält auch eine rothe Farbe, wenn man andere wasserfreie Chlormetalle auf das Anilin einwirken läßt, insbesondere Quecksilberchlorid, Eisenchlorid, Kupferchlorür.“

Die Redaction.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: