Titel: Der nordatlantische Telegraph.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1861, Band 159/Miszelle 2 (S. 154–156)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj159/mi159mi02_2

Der nordatlantische Telegraph.

Die große Wichtigkeit einer telegrafischen Verbindung zwischen Amerika und Europa, besonders zwischen den Vereinigten Staaten, Canada und England, ist schon lange anerkannt, und die Möglichkeit einer solchen Verbindung ist durch die bekannte Legung des atlantischen Telegraphentaues wenigstens für kurze Zeit festgestellt worden. Der Hauptgrund, weßhalb dieses Unternehmen, die Linie von Valentia in Irland nach New-Fundland, gescheitert, ist bis jetzt noch nicht zur Evidenz nachgewiesen, indessen erscheint es wahrscheinlich, daß es besonders die Verzögerung des elektrischen Stromes ist, wodurch der Austausch verständlicher Zeichen unmöglich gemacht wurde.26) In einer Leitung von circa 110 deutschen Meilen ist es möglich, für je 1/3 Secunde ein Zeichen zu geben, indem in dieser Zeit nicht allein der Strom von einem Ende der Leitung zum andern gelangt (was in unendlich kurzer Zeit geschieht), sondern dieser kurze Zeitraum auch genügt um die im isolirten Drahte angesammelte Elektricität verschwinden |155| zu lassen. Bei circa 220 Meilen braucht man dazu eine Secunde, bei 440 Meilen 9 Secunden. Es verhält sich der völlig isolirte Draht dabei gleich einer ungeheuren Leydner Flasche, deren innere Belegung der Draht, deren äußere das umgebende Wasser bildet, während sich die Gutta-percha-Hülle mit dem Glase der Leydner Flasche vergleichen läßt.

Wenn es vielleicht nicht unmöglich erscheint, auch diese Schwierigkeit durch Verbesserung der Zeichen gebenden und empfangenden Instrumente zu überwinden, so ist doch vorderhand dazu noch keine Aussicht vorhanden, und die Welt wartet noch immer vergebens auf das verbindende Glied zwischen den beiden Welttheilen.

Der bisher gehegte und in Ausführung gebrachte Plan einer directen submarinen Verbindung zwischen beiden Continenten ist trotz aller ungeheuren Anstrengung definitiv als gescheitert zu betrachten. Um so mehr ist es anzuerkennen, daß die Versuche der Durchführung dieses großartigen Gedankens noch nicht aufgegeben sind. Oberst Th. Schaffner aus den Vereinigten Staaten hat schon seit längerer Zeit das Publicum für die von ihm projectirte nördliche Route zu gewinnen versucht, ein Plan, der nur auf die detaillirte Untersuchung dieser Route wartet, um in Angriff genommen zu werden. Mit Rücksicht auf die oben berührte Verzögerung des Stromes hat Hr. Schaffner eine Route proponirt, die, abgesehen von allen etwaigen sonstigen Unzuträglichkeiten, jedenfalls den ungemeinen Vortheil einer größeren Anzahl Stationen und kürzerer submarinen Leitungen darbietet. Die ganze Länge des unterseeischen Drahtes beträgt circa 380 Meilen, und diese theilt sich durch die gewählten Stationen in mehrere Abtheilungen, von denen die längste höchstens 133 Meilen lang ist.

Die europäische Leitung geht von der Nordspitze Schottlands aus, zuerst nach Thors Hafen, der Hauptstadt der Faröerinseln; von dort aus geht der Draht nach dem Westermanshafen, der möglichst nach Westen gelegen ist, und von dort nach Reykjavik, der Hauptstadt von Island. Von dort wird die elektrische Verbindung mit der Südspitze von Grönland hergestellt, etwas südlich vom 61. Grade nördlicher Breite. Durch den District von Julianshaab, der die südlichste Spitze von Grönland einnimmt, wird der Draht über Land geleitet und von der westlichen Küste aus endlich unterseeisch nach Hamiltons-Bucht auf der Küste von Labrador. Die Distanz von Schottland bis nach den Faröerinseln beträgt circa 50 Meilen, von dort nach Island etwa 66 Meilen, von Island nach Grönland 132 Meilen und ebensoviel von dort bis zur Küste von Labrador.

Durch Oberst Schaffner sind auf der projectirten Linie schon Tiefenmessungen ausgeführt worden, und hofft man, daß der Draht auf der ganzen Länge der gewählten Linie ein Bett von Sand und Schlamm vorfinden wird, das zu seiner Aufnahme durchaus geeignet ist. Unterirdische Strömungen fehlen, und würde der einmal gelegte Draht durch den Sand, der sich von aufthauenden Eisbergen ablöst, bald bedeckt und so noch mehr gesichert werden.

Von Nord-Schottland bis Island ist die See nirgends tiefer als 1000 Faden 6 Fuß). Von dort bis Grönland senkt sich der Meeresboden allmählich bis aus eine Tiefe von circa 1540 Faden, um dann sich wieder ebenso allmählich zu erheben. Die größte Tiefe zwischen Grönland und Labrador übersteigt immer noch nicht 2000 Faden – immerhin eine ganz anständige Tiefe.

Die größte Tiefe befindet sich nahezu an derselben Stelle, wo die große von Spitzbergen kommende Meeresströmung fließt.

Die Einwendungen gegen diese Route sind besonders von den Gefahren hergenommen, die der Leitung angeblich durch Eisberge drohten; Oberst Schaffner will von seinen Beobachtungen an der Küste von Grönland und Labrador die Ueberzeugung abgeleitet haben, daß diese Befürchtungen jedenfalls unbegründet sind. Die Küste bietet tiefe Einschnitte genug dar, in denen das Kabel sicher vor Eisbergen gelegt werden könnte, bis es zu Tiefen gelangt, wohin selbst die größten Eisberge nicht reichen. In dieser Meinung wird derselbe durch die Zeugnisse der angefehensten Noropolfahrer unterstützt. Der berühmte Sir Eduard Belcher sagt: „In Beziehung auf die Größe der Eisberge unter dem Wasser und auf die Tiefe, bis zu welcher sie hinabreichen, ist nur wenig bekannt, doch reichen sie über dem Wasserspiegel nur 20–40, höchstens 80 Fuß empor, und der größte Eisberg übersteigt nur äußerst selten eine Höhe von 110 Fuß.“ Da nun has spec. Gewicht des Eises 0,950, das des Meerwassers bei 0°, 1026 beträgt, so würde ein gerades Eisprisma, das 0,1 Q.-Meter im Durchmesser und 10 Meter Länge, demnach 1000 Liter Volumen hätte, 950 Kilogramme wiegen, oder 925 Liter Meerwasser verdrängen, also 0,75 Meter über dem Wasser zeigen, während 9,25 Meter untergetaucht blieben; der höchste Eisberg würde daher nur circa 2000 Fuß tief gehen können, während |156| das Telegraphentau in einer Tiefe von circa 6000 Fuß und darüber läge, und daher unmöglich beschädigt werden konnte.

Durch die verhältnißmäßig kurzen Stationen erhält man die Möglichkeit, die einzelnen Theile des Kabels ohne besondere Schwierigkeiten von den verschiedenen Telegraphentau-Fabriken beziehen zu können. Die ungemein großen Schwierigkeiten, die das Verladen des früheren atlantischen Kabels machte, wo die zwei stärksten Kriegsschiffe der englischen und amerikanischen Marine kaum ausreichten um die Last aufzunehmen, fallen vollständig weg. Sollte eine der Abtheilungen der Telegraphenlinie versagen, so ist der Verlust ein viel geringerer und ein Ersatz leicht zu beschaffen. Die Verzögerung des Stromes ist natürlich in den verhältnißmäßig kurzen Leitungen ohne Bedeutung.

Die Leiter dieses neuen Unternehmens erbaten durch eine Deputation bei Lord Palmerston die Uebernahme der nöthigen definitiven Sondirungen durch die englische Regierung, und ist in der That das Kriegsschiff „Bulldog“ unter dem Commando des berühmten Entdeckers der Franklin'schen Ueberreste, Sir Leopold F. M'Clintock, zu dieser Untersuchung abgesendet worden. Das Schiff, das dieser tüchtige Seemann früher commandirte, und in dem er seine bekannte Nordpolreise unternommen hat, die kleine Yacht „Fox,“ ist von der englischen Regierung der Eigenthümerin, Lady Franklin, abgekauft worden, und wird in kürzester Frist unter dem Commando des Capitän Allan Young absegeln, um die Landungsplätze und Küsten zu untersuchen. Auf diesem Schiffe gehen auch erfahrene Männer ab, um die Ueberlandsroute festzustellen.

Die Concession zu diesem Unternehmen von Seiten der dänischen Regierung hat Oberst Schaffner schon im Jahre 1854 erworben und seit dieser Zeit sich auf das eifrigste für das Unternehmen bemüht. Um die physikalischen Verhältnisse, die auf die Legung des Taues Einfluß haben könnten, kennen zu lernen, miethete er ein kleines Fahrzeug von etwa 200 Tonnen, und segelte Ende August des Jahres 1859 mit seiner Familie und einigen Freunden von Boston zu dieser Untersuchung ab. Diese vorläufige Recognoscirung ergab wichtige und erfreuliche Resultate. Die Möglichkeit der Verbindung, besonders zwischen Labrador und Grönland, ward überzeugend festgestellt; das Klima wurde zwar kalt, aber immerhin erträglich gefunden, so daß die Gesellschaft z.B. an der Küste von Labrador unter einfachen Hütten von Baumzweigen im Freien campiren konnte. Das Ergebniß der M'Clintock'schen Untersuchungen ist indessen abzuwarten, ehe eine definitive Ansicht über das ganze Unternehmen ausgesprochen werden kann. (Breslauer Gewerbeblatt, 1860, Nr. 19.)

|154|

Bekanntlich wird von deutschen Gelehrten angenommen, daß es hauptsächlich das Eindringen des Wassers durch die isolirte Hülle sey, welches, bedingt durch den ungeheuren Druck der darauf lastenden Wassersäule, kaum zu vermeiden sey, und allmählich eine derartige Ableitung und Schwächung des Stromes durch Nebenschließungen hervorbringe, daß eine Uebertragung verständlicher Zeichen dadurch unmöglich werde.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: