Titel: Ueber die Fabrication von Steingeschirr in Hörr bei Coblenz; von Prof. C. H. Schmidt in Stuttgart.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1861, Band 159/Miszelle 4 (S. 156–158)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj159/mi159mi02_4

Ueber die Fabrication von Steingeschirr in Hörr bei Coblenz; von Prof. C. H. Schmidt in Stuttgart.

Der Hauptort für Fabrication des in ganz Deutschland bekannten Coblenzer oder rheinischen Steingeschirres ist das auf dem rechten Rheinufer, 2 1/2 Stunden von Coblenz |157| gelegene Dorf Hörr, in welchem diese Fabrication von der aus 28 Meistern bestehenden sogenannten Kannebäckerzunft und noch zwei oder drei andern der Zunft nicht angehörenden Meistern betrieben wird. In jeder dieser 30 Werkstätten arbeiten zwei oder drei Gesellen an den Scheiben; außerdem ist noch ein Arbeiter mit Zubereitung des Thons beschäftigt, und zwei Frauenzimmer versehen das Geschirr mit den bekannten blauen Streifen, Blumen, Guirlanden u.s.w.

Die zur Anwendung kommenden Scheiben weichen von den gewöhnlichen Hafnerscheiben dadurch ab, daß die bei den letzteren angewandte, mit den Füßen getriebene massive Schwungscheibe durch ein Speichenrad ersetzt ist, welches beim Beginn der Arbeit durch einen zwischen die Speichen eingeführten Pfahl in Umdrehung gesetzt wird. Während der in der ersten Zeitperiode vorhandenen großen Umdrehungsgeschwindigkeit wird das Aufdrehen, während der späterhin eintretenden langsameren Bewegung die Faconirung und Vollendung des zu fertigenden Gegenstandes bewirkt.

Der Brennofen hat eine horizontale, rechteckige Sohle von 28–30 Fuß Länge und 6–8 Fuß Breite, welche in 7–8 Fuß Höhe von einem Tonnengewölbe überspannt ist. Die Sohle selbst bildet ein flaches, mit vielen Oeffnungen versehenes Gewölbe von circa 8 Zoll Scheitelstärke, unter welchem sich in 2 1/2 bis 3 Fuß Entfernung der Feuerraum ausbreitet. Letzterer zieht sich wie bei den sogenannten aufrechten Oefen unter der ganzen Ofensohle durch und ist an derjenigen schmäleren Seite, welche der Eintrageöffnung entgegengesetzt ist, mit den Feuerthüren, in vielen Fällen auch, namentlich bei Anwendung von Steinkohle, mit einem 4 Fuß langen und 4 Fuß breiten Roste versehen. Die in diesem Raume entwickelte Flamme steigt durch die Oeffnungen der Ofensohle in die Geschirrkammer, verbreitet sich in derselben und entweicht vorzugsweise durch 4, 5 oder 6 Schornsteine von 2 1/2 bis 3 Fuß Höhe, welche auf dem die Geschirrkammer bedeckenden Gewölbe, und zwar in der Nähe der beiden Stirnseiten des Ofens, angebracht sind. Im Ofengewölbe selbst befinden sich ungefähr in Mannshöhe, sowohl auf den schmalen als den langen Seiten, gegen 24 bis 30 seitliche, unter circa 45° ansteigende, durch eiserne Schieber verschließbare Oeffnungen von ungefähr 1 Quadratfuß Querschnittsfläche, welche vorzugsweise zum Einwerfen des die Verglasung der Geschirroberfläche bewirkenden Salzes, nebenbei auch zur Controlirung und Regulirung des Feuers dienen. Um ferner das auf 8–9 Fuß Höhe aufgeschichtete Geschirr vor einem seitlichen Ausweichen nach der Längenrichtung des Ofens zu schützen, sind in einer Entfernung von 4–5 Fuß und etwa 2 Fuß unter dem Ofengewölbe einzelne Strebebogen von 20 bis 30 Quadratzoll Querschnittsfläche eingezogen, welche ihre Widerlager in den beiden längeren Seitenwänden der Geschirrkammer finden. Die Oefen stehen unter freiem Himmel, am zweckmäßigsten an einen Bergabhang angelehnt, da zwischen der Sohle der Eintragöffnung und dem Fußboden, auf welchem der Heizer steht, ein Niveauunterschied von 7–8 Fuß auftritt.

Man rechnet auf eine Scheibe durchschnittlich 4 Brände pro Jahr, so daß demnach ein Meister 8 oder 12 Brände jährlich machen kann, je nachdem er 2 oder 3 Scheiben im Betriebe hat. Der Verkaufswerth eines Brandes beträgt 350 bis 400 fl. Das Einsetzen des Geschirres erfordert 3 Tage, das Brennen selbst dauert 36 bis 40 Stunden, zum Abkühlen und Austragen sind noch 3 bis 4 Tage erforderlich, so daß mit Sicherheit nur zwei Brände während 3 Wochen gemacht werden können. Das Brennmaterial ist meistens Holz, theils weiches, theils hartes, und es werden zu jedem Brande 6 Klafter à 144 Kubikfuß zum Gesammtpreis von 150 fl. verbraucht. Die Anwendung von Steinkohle hat man auch vielfach versucht, scheint aber noch nicht zu einem sicheren Resultat gekommen zu seyn, da die Verwendung zu mannichfach auftritt, theils am Anfange, theils am Ende des Brandes, einmal mit 70 bis 80 Centner, ein andermal mit nur 20 Cntr. pro Brand. Die Meinungen sind getheilt, gehen aber allgemein dahin, daß der Werth des Brandes durch Anhängen von Flugasche um ziemlich eben so viel verringert werde, als die Ersparniß an Brennmaterial beträgt. Nach Beendigung des Brandes wird durch die oben erwähnten seitlichen Oeffnungen des Ofengewölbes ein Salzquantum von 2–3 Centnern eingeworfen, welches durch seine Verdampfung die glasige Oberfläche des Geschirres (Salzglasur) hervorbringt.

Die Anzahl der in Hörr vorhandenen Oefen ist nur etwa halb so groß, als die Anzahl der Werkstätten, und es müssen demnach die nicht mit Oefen versehenen Meister in fremden Oefen brennen, wobei sie für den Brand 7 Thaler oder 12 fl. 15 kr. zu zahlen haben. Dieser scheinbare hohe Ofenzins findet seine Rechtfertigung in den bedeutenden Anlage- und Unterhaltungskosten des Ofens. Es muß derselbe im Innern aus |158| dem feuerfestesten Material hergestellt werden, ist fortwährenden Reparaturen unterworfen und schon nach Verlauf eines Jahres muß er im Innern auf 4 bis 6 Zoll Stärke völlig neu ausgekleidet werden.

Die fabricirten Gegenstände sind außerordentlich mannichfaltig, der Mehrzahl nach allerdings Krüge, Kannen und andere Wirthschaftsgeräthe, außerdem große Ballons zur Aufbewahrung von Säuren, Wasserleitungsröhren von vorzüglicher Güte, diverse Gefäße für Chemiker und Apotheker, in geringerer Quantität auch feinere Arbeiten, als Becher und Bierkrüge, deren Oberfläche durch Pressen in metallenen Formen mit erhabenen Verzierungen versehen wird u.s.w.

Außer in Hörr wird derselbe Fabricationszweig, obschon in geringerer Ausdehnung, noch in mehreren benachbarten Orten betrieben, namentlich in Grenzhausen, Ranzbach und Hildscheid, von denen die beiden letzteren vorzugsweise die bekannten Sauerwasserkrüge in colossalen Massen anfertigen. Die Waaren werden zum Theil in den Orten selbst durch Händler aufgekauft, zum Theil von den Fabrikanten auf eigene Rechnung nach den größeren Städten am Rhein spedirt, wobei die Absendung meistens von dem zwischen Coblenz und Hörr gelegenen Rheinhafen Vallendar aus erfolgt. Neben diesem Steingeschirr werden in Hörr und Umgegend noch große Massen von Thonpfeifen in fünf Etablissements fabricirt, von denen das größte jeden Tag 30–35000 Stück herstellt. Außerdem werden noch große Quantitäten Thon von Vallendar aus sowohl rheinauf- als rheinabwärts verschifft, wobei 100 Cntr. mit 30 bis 36 fl. bezahlt werden. (Württembergisches Gewerbeblatt, 1860, Nr. 41.)

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: