Titel: Die patentirten Webstühle der Maschinenfabrik Obertürkheim; von Prof. C. H. Schmidt in Stuttgart.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1861, Band 159/Miszelle 3 (S. 395–396)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj159/mi159mi05_3

Die patentirten Webstühle der Maschinenfabrik Obertürkheim; von Prof. C. H. Schmidt in Stuttgart.

Die Maschinenfabrik Obertürkheim bei Stuttgart, welche sich in neuerer Zeit ausschließlich nur mit Anfertigung von Webereimaschinen beschäftigt, hat einen ihrer in Württemberg und in den übrigen Staaten Deutschlands, sowie auch in England patentirten mechanischen Webstühle im Musterlager der Centralstelle zu Stuttgart aufgestellt, wo derselbe zu jeder Zeit in Augenschein genommen werden kann. Derselbe ist von Hrn. William Lancaster, derzeit Mitbesitzer und Director der Maschinenfabrik Obertürkheim, construirt und läßt folgende wesentliche Verbesserungen erkennen.

Zunächst finden wir am Zettelbaum eine abgeänderte Bremsvorrichtung, bei welcher sowohl Gewichte als Spiralfedern in Anwendung kommen. Diese Combination soll dem Zettelbaum gestatten, beim Fachmachen in gewissem Grade nachzugeben und dadurch die nachtheilige Wirkung der auf die Kettenfäden ausgeübten Spannung zu beseitigen.

An dem Tuchbaume zeigt sich eine neue Vorrichtung, durch welche derselbe gegen den vom Regulator bewegten Sandbaum angepreßt wird. Diese Pressung ist hier von allen Schwankungen frei, sie äußert sich in stets gleicher Stärke, und sichert dadurch die größte Regelmäßigkeit in der Aufwindung. Die Lagerung des Tuchbaumes ist zugleich so angeordnet, daß das Abnehmen und Einlegen desselben mit größter Leichtigkeit und mit äußerst geringem Zeitaufwand bewerkstelligt werden kann. Ganz eigentümlich erscheint ferner die Bewegung von Sand- und Tuchbaum, indem die für das Aufwinden nothwendige periodische Drehung beider Bäume nicht wie bisher beim Rückgang, sondern gleichzeitig mit dem Vorgang und Schlag der Lade erfolgt. Diese Anordnung soll eine bedeutende Schonung des Blattes, sowie eine gleichförmigere Dichtheit des Gewebes zur Folge haben.

Zur Bewegung des Geschirres kommt ein neuer höchst einfacher, aber mit größter Präcision wirkender Mechanismus zur Anwendung. Die Einwirkung auf das Geschirr ist der Art, daß für das Vorder- und Hintergeschirr gleichgroße Schränkwinkel herbeigeführt werden, mithin ein vollkommen reines Fach erzielt wird.

Weitere Verbesserungen finden sich an der Lade und den zugehörenden Theilen. Die Bewegung der auf die Treiber einwirkenden Schlagstäbe wird vermittelst eines neuen und eigenthümlichen Mechanismus, durch welchen ein höchst beschleunigter und äußerst kurzer Schlag ausgeübt wird, herbeigeführt. Eine andere Verbesserung zeigt sich in der Anordnung des die beiden Treiber verbindenden Schlagriemens; derselbe ist nämlich nicht mehr wie bisher unterhalb, sondern auf der vordern Seite der Lade angebracht, eine Unordnung, welche gestattet, seine Function vollkommen zu überwachen und eintretende Störungen mit Leichtigkeit zu beseitigen. Auch die in Verbindung mit den Schlagstäben stehenden, das Zurückführen derselben bewirkenden Federn sind der Art verändert, daß die Möglichkeit des Schlaffwerdens derselben völlig beseitigt seyn dürfte.

Außer den hier angeführten Verbesserungen sind Hrn. Lancaster noch einige andere patentirt, welche an dem vorliegenden Stuhle noch nicht angebracht sind, nämlich eine Beweglichkeit des Streichbaumes, wodurch das Fachmachen erleichtert werden soll, und eine Beweglichkeit der untern Blattnutheu, um den Schützen austreten zu lassen, wenn er durch irgend einen Zufall im Fache stecken bleibt. W |396| In der mit der Maschinenfabrik Obertürkheim verbundenen Weberei befinden sich seit längerer Zeit vierzig derartige Stühle in Gang, und eine größere Anzahl ist bereits für andere Etablissements geliefert worden. (Württembergisches Gewerbeblatt, 1861, Nr. 10.)

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