Titel: Fremy, Untersuchungen über die Zusammensetzung des Roheisens und des Stahls.
Autor: Frémy, Edmond
Fundstelle: 1861, Band 160, Nr. XLI. (S. 122–131)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj160/ar160041

XLI. Untersuchungen über die Zusammensetzung des Roheisens und des Stahls; von E. Fremy.

Aus den Comptes rendus, März 1861, t. LII p. 415.

Dritte Abhandlung.

Die Anwendung des Stahls hat sich in der neuesten Zeit durch seine Benutzung im Maschinenbau und zur Anfertigung der Feuerwaffen sehr ausgedehnt, daher es höchst wünschenswerth ist, denselben unbeschadet seiner Güte auf ökonomische Weise erzeugen zu können. Um dieses Problem zu lösen, welches in so hohem Grade die metallurgische Industrie interessirt, und um die Stahlfabrication auf sichere wissenschaftliche Principien begründen zu können, ist nach meiner Ansicht die Chemie jetzt verpflichtet, |123| sämmtliche auf die Stahlbildung bezügliche theoretische Fragen einem neuen Studium zu unterziehen.

Die bisher aufgestellten Theorien um die Stahlbildung zu erklären, sind offenbar kein genügender Führer für den Metallurgen, welcher Stahl, sey es durch Cementiren des Stabeisens mit Kohle oder durch Entkohlen des Roheisens mittelst des Stahlpuddelns, erzeugen will. So läßt sich der Einfluß des Mangans und derjenige des Wolframs bei der Stahlbildung nicht leicht erklären; der Nutzen der stickstoffhaltigen organischen Substanzen und gewisser Salze beim Cementiren wird von erfahrenen Metallurgen geläugnet: die Einen glauben, daß der beste Cementstahl durch Einwirkung des Kohlenstoffs auf das reine Eisen entsteht; Andere nehmen an, daß die Cementation nur unter dem Einfluß des Stickstoffs der Luft erfolgen kann. Jedenfalls sagt uns die Theorie nicht, warum gewisse Stabeisensorten immer Stahl bester Qualität geben, während andere, welche eben so rein zu seyn scheinen, immer nur einen wenig geschätzten Stahl liefern werden. Bekanntlich bietet auch die Fabrication des Puddelstahls Schwierigkeiten dar, welche oft die geschicktesten Techniker entmuthigt haben.

Dieselbe Unsicherheit wie in den Methoden der Stahlerzeugung, findet sich in den Theorien welche aufgestellt wurden um die Stahlbildung zu erklären.

Einige Chemiker nehmen an, daß der feste Kohlenstoff direct auf das Stabeisen wirken, das Metall durchdringen, in seiner Masse circuliren und es in Stahl verwandeln kann.

Andere, darunter insbesondere Leplay und Laurent, nehmen an daß der Cementstahl immer durch die Einwirkung einer gasförmigen kohlenstoffhaltigen Verbindung auf das welche Eisen entsteht. Laurent behauptet sogar, daß in den Cementirkästen der Kohlenstoff sich verflüchtigt und sein Dampf den Stahl erzeugt.

Die Wirkung der Cyanüre auf das Stabeisen hat in der letzten Zeit der Theorie der Cementation eine neue Ausdehnung gegeben: die Praxis hat einen Versuch benutzt, welcher seit langer Zeit in den Vorlesungen über Chemie gemacht wurde, und darin bestand das Stabeisen durch Erhitzen mit einem Alkalicyanür oder einem Ferrocyanür zu verstählen; überdieß hat unlängst Caron nachgewiesen, daß das Cyanammonium, welches sich in den Cementirkästen bilden kann, auf das Stabeisen wie die Alkalicyanüre wirkt und es rasch in Stahl verwandelt.

Die bisher über die Stahlbildung erschienenen Abhandlungen haben ohne allen Zweifel die Wissenschaft mit neuen und für die Technik wichtigen Thatsachen bereichert; sie haben hauptsächlich die Umstände festgesetzt, |124| welche die Stahlbildung am leichtesten veranlassen, aber sie haben kein neues Licht auf die theoretischen Fragen bezüglich der chemischen Constitution des Stahls geworfen; man nimmt noch an, daß der Stahl eine Verbindung des Eisens mit Kohlenstoff ist, welche nach ihrer Zusammensetzung zwischen das Stabeisen und das Roheisen zu stehen kommt.

Meine Ansichten über die Zusammensetzung des Stahls sind ganz verschieden von den bisher aufgestellten; ich glaube beweisen zu können, daß der Stahl nicht eine Verbindung von Eisen und Kohlenstoff ist, und daß es eine Reihe von Stahlarten gibt, welche durch Verbindung des Eisens mit Metalloiden, Metallen und sogar Cyanüren entstehen.

Ich kenne keinen einzigen Versuch, welcher streng beweist, daß der Stahl eine Verbindung von reinem Kohlenstoff mit Eisen ist. Kleine Antheile fremdartiger Körper, welche die Analyse nicht immer nachweist, können die Eigenschaften des Eisens modificiren, und wenn man die Wirkung des reinen Kohlenstoffs auf das Eisen zu ermitteln beabsichtigte, so brachte man nothwendig noch andere Körper hinzu, als diejenigen deren gegenseitige Einwirkung man bestimmen wollte; abgesehen von den Verunreinigungen welche der Tiegel liefern mußte, hat man sowohl den Einfluß der in die Apparate dringenden Feuergase, als die Einwirkung der Bestandtheile der Luft, welche die Holzkohle nicht absorbirt, endlich die Gegenwart der verschiedenen in der Holzkohle selbst enthaltenen Substanzen unberücksichtigt gelassen.

Ich erinnere hier an die in meiner ersten Abhandlung27) mitgetheilte Thatsache, daß der Stahl beim Auflösen in den Säuren einen Rückstand hinterläßt, welcher mit reinem Kohlenstoff gar keine Aehnlichkeit hat, sondern durch seine Eigenschaften und seine Zusammensetzung sich den Derivaten des Cyans sehr nähert; es sind also die synthetischen und analytischen Versuche weit entfernt zu beweisen, daß der Stahl bloß Kohlenstoff und Eisen enthält.

Um die wirkliche Constitution des Stahls zu bestimmen und zu ermitteln ob es nicht eine Reihe von Stahlarten gibt, welche unter sich hinsichtlich der Zusammensetzung verschieden seyn können (wie der Wolframstahl und Holzkohlenstahl), aber durch gewisse gemeinschaftliche Eigenschaften sich einander nähern, nahm ich mit vor, das Eisen der Einwirkung aller Körper auszusetzen, welche bei der Stahlbildung eine Rolle spielen können.

In dieser Hinsicht habe ich vorerst mit dem Stickstoff Versuche angestellt und dieselben in meiner zweiten Abhandlung28) mitgetheilt. Wie |125| man aus derselben ersieht, war ich bemüht, das Stickstoffeisen ohne überschüssiges Metall zu erhalten und so gut als möglich eine bestimmte Verbindung zu erzielen.

Der Stickstoff verbindet sich aber, wie der Kohlenstoff, mit dem Eisen in verschiedenen Graden; bevor das Stabeisen unter dem Einfluß des Stickstoffs Schuppen bildet, welche sich ablösen und nach meinen Analysen 9,5 Proc. Stickstoff enthalten, erleidet es in seinen allgemeinen Eigenschaften eine große Veränderung; es behält nämlich eine gewisse Hämmerbarkeit, wird aber körnig und weiß; in diesem Zustande ist das Eisen noch metallisch und doch schon tief hinein mit Stickstoff verbunden. Mit solchem Stickstoffeisen wurden die unten folgenden Versuche über Stahlbildung angestellt.

Da ich die aufeinanderfolgende oder gleichzeitige Wirkung des Stickstoffs und des Kohlenstoffs auf das Eisen studiren wollte, so mußte ich vorerst eine Methode auffinden, welche dasselbe leicht und in beliebigem Grade mit Kohlenstoff zu verbinden gestattet. Dazu liefert das Leuchtgas das Mittel. Ich fand nämlich, daß wenn man zwei Stunden lang bei der Rothglühhitze getrocknetes Leuchtgas über Stabeisen leitet, eine sehr regelmäßige Kohlung erzielt und das Metall in ein graues, graphithaltiges Roheisen verwandelt wird, welches sehr hämmerbar ist und in jeder Hinsicht dem besten Holzkohlen-Roheisen gleicht.

Ich hatte also in der Anwendung des Ammoniaks und des Leuchtgases zwei leicht regulirbare Verfahrungsarten, welche mit gestatteten die Wirkung des Stickstoffs und des Kohlenstoffs auf das Eisen, jedes für sich oder beider zugleich, zu studiren.

Aus meinen Versuchen ging hervor, daß man durch Einwirkung des Leuchtgases auf das Stabeisen nur Roheisen erhält; wenn man aber hierzu ein Eisen anwendet, welches vorher mit Stickstoff verbunden worden ist, so bekommt das Product die Eigenschaften des Stahls. Dabei zeigt sich die merkwürdige Thatsache, daß die Eigenschaften des Stahls gewissermaßen von der Stickstoffmenge abhängen, welche vorher dem Eisen mitgetheilt wurde. Wenn nämlich das Stabeisen nicht genügend mit Stickstoff verbunden worden ist, so liefert es bei der Einwirkung des Leuchtgases einen Körper, welcher ungefähr die Mitte zwischen Roheisen und Stahl hält; war hingegen das Metall hinreichend mit Stickstoff verbunden, so erzeugt das Leuchtgas einen Stahl von vortrefflichem Korn.

Wenn man, anstatt nacheinander den Stickstoff und den Kohlenstoff auf das Metall einwirken zu lassen, über das zum Rothglühen erhitzte Stabeisen ein Gemisch von Ammoniak und Leuchtgas leitet, so erfolgt unmittelbar die Stahlbildung in einem den relativen Verhältnissen beider Gase entsprechenden Grade.

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Bei den so eben beschriebenen Versuchen ist es mit zum erstenmal gelungen, Stahl mittelst der aufeinander folgenden Wirkung zweier Gase auf das Stabeisen zu erzeugen, von denen das eine, das Ammoniakgas, den Stickstoff liefert, das andere aber, das Leuchtgas, den Kohlenstoff zubringt; bei dem auf diese Weise erhaltenen Stahl wird also die Cementation nicht mehr mit Holzkohle, sondern mit einem aus der Steinkohle gewonnenen Gase bewerkstelligt. Diese Versuche, welche mit in theoretischer Hinsicht den Cementirproceß aufzuklären scheinen, dürften sich wohl in der Praxis benutzen lassen.

Aus allen diesen Thatsachen geht schon unzweifelhaft hervor, daß der Stickstoff bei der Stahlbildung eine wichtige Rolle spielt; es fragte sich nun noch, ob der Stickstoff im Cementstahl zurückbleibt, oder ob er, wie vermuthet wurde, nur dazu dient, dem Eisen den Kohlenstoff in einem zur chemischen Vereinigung geeigneten Zustande darzubieten.

Um diese interessante Frage zu lösen, ließ ich auf den mittelst Ammoniak und Leuchtgas erhaltenen Stahl das reine und trockene Wasserstoffgas einwirken, welches die Gegenwart des Stickstoffs im Stahl mit der größten Sicherheit nachzuweisen gestattet. Beim Erhitzen des durch Einwirkung von Ammoniak und Leuchtgas auf Stabeisen erhaltenen Stahls in Wasserstoffgas, ergab sich sofort, daß er Stickstoff enthält, denn während der ganzen Dauer des Versuchs entwickelte er Ammoniak in beträchtlichen Mengen.

Es war interessant, diesen Versuch auch mit den im Handel vorkommenden Stahlsorten anzustellen, um zu erfahren ob dieselben ebenfalls stickstoffhaltig sind. Ich habe dazu den französischen Stahl von Jackson, den englischen Stahl von Huntsman und den deutschen Stahl von Krupp gewählt. Diese Stahlsorten wurden in sehr feines Feilicht verwandelt, dasselbe von aller fremdartigen Beimengung befreit und dann in der Rothglühhitze der Einwirkung trockenen Wasserstoffgases unterzogen. Bei diesen drei Proben entwickelte das Feilicht ebenfalls während der ganzen Dauer des Versuchs beträchtliche Quantitäten von Ammoniak.

Dieser Versuch beweist unzweifelhaft, daß der Stickstoff, im Gegensatz mit den bisherigen Ansichten, einen wesentlichen Bestandtheil des Stahls bildet.

Im Stahl ist also das Eisen nicht bloß mit Kohlenstoff verbunden, sondern derselbe ist ein Kohlenstickstoff-Eisen.

Wenn ich mich über die Tragweite meiner Untersuchungen nicht täusche, so müssen dieselben einen gewissen Einfluß auf die Stahlfabrication ausüben. So wird man beim Cementiren des Stabeisens in der Folge alle Bedingungen realisiren müssen, wodurch dem Metall nicht bloß der Kohlenstoff, |127| sondern auch der Stickstoff geliefert werden kann: es ist wahrscheinlich, daß die verschiedenen Stahlqualitäten nicht nur von der Dauer der Cementation abhängen, sondern auch von den relativen Verhältnissen der zwei Elemente, welche sich mit dem Eisen verbinden können.

Für die Puddelstahl-Fabrication wird es wichtig seyn zu bestimmen, welche Roheisensorten den zur Stahlbildung geeigneten Stickstoffgehalt haben und welche wegen unzureichenden Stickstoffgehalts im Moment der Stahlbildung Stickstoff empfangen müssen.

Es ist aber wahrscheinlich, daß die Körper welche einige Analogie, sey es mit dem Kohlenstoff oder mit dem Stickstoff haben, ebenfalls Stahl erzeugen können; so erhält man bekanntlich das Feinkorneisen, welches härter als das gewöhnliche Stabeisen ist und sich gewissermaßen dem Stahl nähert, hauptsächlich beim Ausbringen der Phosphorhaltigen Eisenerze. Die Verbindung des Eisens mit dem Kohlenstoff und Stickstoff ist als der Typus des Stahls zu betrachten, und es fragt sich nun welche Modificationen der Stahl erleidet, wenn man den Kohlenstoff oder Stickstoff durch andere einfache Körper ersetzt; dieser interessante Punkt bildet den Gegenstand meiner nächsten Abhandlung, worin ich zeigen werde, daß die zahlreichen Stahlarten zusammen eine Familie von Verbindungen bilden, welche nacheinander untersucht werden müssen.

Die im Vorstehenden mitgetheilten neuen Thatsachen scheinen mit zu folgenden Schlüssen zu führen:

1) Um die aufeinanderfolgende oder gleichzeitige Wirkung des Stickstoffs und des Kohlenstoffs auf das Stabeisen zu ermitteln, kann man mit Vortheil das Ammoniakgas anwenden, welches den Stickstoff liefert, und das Leuchtgas, welches den Kohlenstoff gibt. Die so durch Gase hervorgebrachten chemischen Reactionen geben reine Verbindungen, und können leicht verfolgt und regulirt werden.

2) Wenn das Stabeisen nicht lange genug der Einwirkung des Ammoniakgases ausgesetzt wurde, so entstehen keine Schuppen von Stickstoffeisen, es ist dann bloß azotirt, wurde weiß wie Zink, behielt zum Theil seine Hämmerbarkeit und gleicht einer wirklichen Legirung.

3) Das in einem Strom von Leuchtgas erhitzte Stabeisen kohlt sich sofort und verwandelt sich in graues, graphithaltiges, sehr weiches Roheisen, welches sehr leichtflüssig und daher zu den zartesten Güssen geeignet ist; bei dieser Reaction des Leuchtgases auf das Stabeisen entsteht niemals Stahl.

4) Die Stahlbildung erfolgt, wenn man auf das Stabeisen den Kohlenstoff und den Stickstoff einwirken läßt.

5) Das reine Stabeisen, welches sich unter dem Einflusse des Leuchtgases |128| in leichtschmelzbares Roheisen verwandelt, wird, nachdem es vorher azotirt (mit Stickstoff vereinigt) worden ist, durch Einwirkung des Leuchtgases unschmelzbar gemacht und in Stahl verwandelt. Stücke desselben Stabeisens wurden eine sehr verschiedene Zeit lang azotirt und hernach der Einwirkung des Leuchtgases unterzogen: diejenigen welche eine geringe Menge Stickstoff zurückhielten, verwandelten sich nur sehr unvollständig in Stahl; diejenigen hingegen, welche stark azotirt wurden, lieferten einen vortrefflichen Stahl: der Stickstoffgehalt eines Stabeisens bestimmt also im Moment seiner Kohlung gewissermaßen den Grad seiner Umwandlung in Stahl.

6) Man kann nicht mehr annehmen, daß die Cementation ausschließlich durch einen flüchtigen kohlenstoffhaltigen Körper bewirkt wird, weil das Leuchtgas, wenn es bei der Rothglühhitze auf das Stabeisen einwirkt, nur Roheisen bildet, während, wenn das Stabeisen vorher Stickstoff enthielt, sofort Stahl erzeugt wird.

7) Wenn das Stabeisen sich in Stahl umwandelt, so scheidet der Kohlenstoff den Stickstoff nicht aus, denn ich habe gefunden daß der im Handel vorkommende Stahl stickstoffhaltig ist und reichlich Ammoniak entwickelt, wenn man trockenes Wasserstoffgas auf ihn einwirken läßt.

8) Alle diese Thatsachen führen daher zu dem Schluß, daß der Stahl nicht, wie man bisher glaubte, ein mit Kohlenstoff verbundenes Eisen ist, sondern ein Kohlenstickstoff-Eisen.

Um die Zusammensetzung des Stahls auszudrücken, habe ich die Bezeichnung Kohlenstickstoff-Eisen (fer azoto-carburé) angenommen, weil sie meine Ansicht über die Konstitution dieses Körpers, worin sehr geringe Antheile von Metalloid in so hohem Grade die Eigenschaften des Stabeisens modificiren, gut ausdrückt.

––––––––––

Nach dem Vortrage vorstehender Abhandlung in der Akademie der Wissenschaften bemerkte Dumas, daß die Theorie der Stahlerzeugung jetzt festgestellt zu seyn scheint und zu großen praktischen Konsequenzen führen dürfte. Wenn es sich z.B. darum handelt, bloß die Oberfläche oder die Schneide gewisser Instrumente oder Werkzeuge aus Schmiedeeisen zu Härten, so wird man sie, nachdem sie im Zustande von Stabeisen durch Schmieden und Feilen in die erforderliche Gestalt gebracht worden sind, in einem Strom von Ammoniakgas und von kohlenstoffhaltigem Gase (Leuchtgas) mehr oder weniger tief verstöhlen. Die Tiefe der Stahlschicht läßt sich durch die Dauer dieses Cementirens in Gasen mit einer Sicherheit reguliren, welche man durch Anwendung des Cementirpulvers oder des |129| Horns und der thierischen Stoffe beim sogenannten Einsetzen niemals erzielen kann. Wir müssen es jedoch Hrn. Fremy überlassen, die Vortheile auseinanderzusetzen und zu verfolgen, welche sich aus dem neuen Verfahren zur methodischen und regulirbaren Stahlerzeugung ziehen lassen.

Bemerkungen von Chevreul.

Nachdem einige Mitglieder der Akademie die Ansicht geäußert hatten, daß das Roheisen eine von derjenigen des Stahls verschiedene Zusammensetzung haben könne, theilte Chevreul zwei Bemerkungen mit, wovon die eine das graue Roheisen, die andere die Zusammensetzung des Stahls betrifft.

Ueber das graue Roheisen. – Am Ende des letzten Jahrhunderts (1799) beobachtete Proust, daß wenn man das graue Roheisen mit schwacher Schwefelsäure behandelt, eine ölige Substanz gebildet wird, wovon ein Theil durch das Wasserstoffgas mitgerissen wird und die Röhren des Apparats fettig macht, während der andere Theil dem schwarzen Rückstand beigemengt bleibt, aus welchem man ihn mittelst Alkohol ausziehen kann. Ich habe bei mehreren Gelegenheiten diese Beobachtung als Beispiel citirt, daß es möglich ist durch die chemischen Kräfte Verbindungen hervorzubringen, welche denjenigen der organischen Natur analog sind. Da ich längst durch angestellte Versuche wußte, daß der Wasserdampf bei seiner Einwirkung auf die Holzkohle außer der Kohlensäure oder dem Kohlenoxyd nur Wasserstoff gibt, und nicht Kohlenwasserstoff, wie man glaubte29), so konnte ich nicht wohl annehmen, daß sich der Kohlenstoff des Roheisens mit dem Wasserstoff in dessen Entbindungsmoment vereinigen kann; ich vermuthete daher, daß bei dem Versuche von Proust außer dem Kohlenstoff und Wasserstoff gleichzeitig Wasser bei der Erzeugung der öligen Substanz eine Rolle spielt. Nun scheinen mit Fremy's Beobachtungen über den Stahl diesen Gegenstand aufzuklären, indem daraus hervorgeht, daß nicht Kohlenstoff, wie wir uns denselben bisher dachten, die Bildung der fetten Substanz veranlaßt.

Zusammensetzung des Stahls. – Früher schrieb man den Unterschied zwischen Stahl und Stabeisen der Gegenwart einiger Tausendtheile Kohlenstoff im Stahl zu; später lernte man den Einfluß kennen, welchen verschiedene Körper auf die Eigenschaften des Stahls haben, besonders durch die Versuche von Verthier mit Chrom, und durch diejenigen von Faraday und Stodart mit Aluminium, Platin und den |130| anderen Metallen des Platinerzes; als sehr wichtig erschien mit aber immer die Thatsache, daß Faraday und Stodart durch Schmelzen des Stabeisens mit einigen Procenten Iridium und Osmium einen Stahl erhielten, worin sie bei der Analyse keine Spur von Kohlenstoff fanden.

Indem ich die Frage bei Seite ließ, ob der Stahl eine unbestimmte Verbindung von Eisen mit einem oder mehreren einfachen Körpern ist, die in der ganzen Stahlmasse vertheilt ist, oder eine bestimmte Verbindung von Eisen mit einem oder mehreren einfachen Körpern, welche in unbestimmtem Verhältniß in dem überschüssig vorhandenen Eisen vertheilt ist, schloß ich aus den vorher erwähnten Thatsachen, daß man in einem Handbuch der Chemie den Stahl im Allgemeinen nicht als einen durch die Natur seiner wesentlichen Bestandtheile bestimmten Körper betrachten sollte, sondern als einen besondern Zustand des Eisens, welcher durch die Vereinigung dieses Metalls mit Körpern von verschiedenartiger Natur hervorgebracht wird. Nachdem ich, abgesehen von aller wissenschaftlichen Betrachtung, den Stahl als Eisen, welches sich durch Ablöschen in Wasser Härten läßt, definirt hatte, unterschied ich, jener Ansicht entsprechend, in meinen im I. 1829 gedruckten Leçons de Chimie appliquée à la teinture, p. 29 folgende Arten von Stahl:

1) Stahl gebildet aus Eisen und Kohlenstoff;

2) Stahl gebildet aus Eisen, Kohlenstoff und einem dritten Körper;

3) Stahl gebildet aus Eisen und einem andern Körper, welcher nicht Kohlenstoff ist, oder Stahl ohne Kohlenstoff.

Die Resultate von Fremy's interessanten Versuchen über den Stahl lassen sich an unser bisheriges Wissen leichter anknüpfen, wenn man sich auf meinen eben auseinandergesetzten Gesichtspunkt stellt, anstatt sie aus dem gewöhnlichen Gesichtspunkt zu betrachten.

Es ist nun von Wichtigkeit zu erfahren 1) ob es wahr ist, wie Guyton behauptete, daß man das Stabeisen mit Diamantpulver in Stahl verwandeln kann, und 2) ob in diesem Falle die Stahlbildung ohne Dazwischenkunft des Stickstoffs stattfindet.

Erwiederung von Fremy.

Ich wollte mich in vorstehender Abhandlung auf die Frage beschränken, welchen Einfluß der Stickstoff und der Kohlenstoff auf die Eigenschaften des Stabeisens ausüben, aber alle Fragen welche für die Fabrication des Stahls und des Roheisens von Wichtigkeit sind, werden seit langer Zeit in meinem Laboratorium einem vollständigen Studium unterzogen, |131| daher ich der Akademie nach einander Mittheilungen über folgende Punkte machen werde:

1) relative Verhältnisse von Stickstoff und Kohlenstoff, welche man mit dem Stabeisen vereinigen muß, um einen guten Stahl zu erzeugen;

2) Umstände welche sich der Stahlbildung widersetzen oder die Güte eines schon gebildeten Stahls vermindern;

3) Eindringungsweise des Kohlenstoffs in die Metallmasse;

4) Erklärung des Einflusses der so geringen Mengen von Kohlenstoff und Stickstoff, welche das Stabeisen in Roheisen oder in Stahl umwandeln;

5) Studium der Stahlarten, welche Metalle enthalten, wie Mangan, Chrom, Wolfram, Aluminium etc.;

6) Classification der Roheisensorten; Untersuchung der Rolle welche darin das Silicium, der Phosphor, Arsenik und Schwefel spielen; Studium des Roheisens, welches sich am besten zur Puddelstahl-Fabrication eignet.

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Polytechn. Journal Bd. CLVIII S. 209.

|124|

S. 43 im vorhergehenden Heft.

|129|

Man s. meine Leçons de Chimie appliquée à la teinture, p. 23 et 24.

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