Titel: Sturmsignale an der englischen Küste.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1861, Band 160/Miszelle 1 (S. 74–75)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj160/mi160mi01_1

Sturmsignale an der englischen Küste.

Als Nachtrag zu dem Aufsatz „über Barometer für Rettungsstationen“, S. 19 in diesem Heft, entnehmen wir Folgendes dem Breslauer Gewerbeblattt, 1861, Nr. 5.

Die heftigen Stürme, welche im Herbste des Jahres 1859 an der englischen Küste wütheten, und vor Allem der, in welchem der Royal Charter mit Mann und Maus unterging, haben die Aufmerksamkeit in England auf diese Spätherbst- und Winterstürme lebhaft angeregt. Es ist schon seit langem bekannt, daß einige Zeit vor der Ankunft des Sturmes der Barometerstand sehr bedeutend fällt. Würde man diesen Anzeigen mehr Aufmerksamkeit schenken und die entsprechenden Vorsichtsmaßregeln nehmen, so könnten die so häufig vorkommenden Unglücksfälle zur See wesentlich in ihrer Anzahl vermindert werden. Anhaltende Beobachtungen haben gezeigt, daß die heftigsten Stürme an der englischen Küste von Westen und Südwesten, ebenso aber auch sehr häufig von Nordost und Osten wehen, und daß, wenn ein Sturm von Südost oder Süden eintritt, er sich häufig durch Süden nach Westen dreht, während ein nordöstlicher Sturm durch Norden nach Nordwesten herumgeht. Es tritt so der Charakter eines Wirbelsturmes oder Cyklonen deutlich hervor, d.h. eines durch Zusammentreffen zweier entgegengesetzter Windströmungen gebildeten Wirbelwindes, der in einer bestimmten Richtung fortschreitet, wonach an einem bestimmten Punkte der Wind in der angegebenen Weise seine Richtung ändern muß. So rasch dieses Fortschreiten auch stattfinden mag, so wird es dock bei weitem durch die Geschwindigkeit übertroffen, welche die heutigen Telegrapheneinrichtungen in der Verbreitung von Mittheilungen erlauben.

|75|

Die Sturmkarten, welche von dem berühmten Gelehrten, Lieutenant Maury, vom Hauptobservatorium der Vereinigten Staaten herausgegeben sind, zeigen die Möglichkeit, von zahlreichen einzelnen Beobachtungen die Gesetze der Stürme abzuleiten.

Für jetzt steht soviel fest, daß im nördlichen atlantischen Ocean die Anfangsrichtung solcher Cyklonen West-Nord-West ist, und daß auf der nördlichen Halbkugel die Drehung derselben von rechts nach links geht, also in der entgegengesetzten Richtung wie die Weiser einer Taschenuhr. Bevor ähnliche Beobachtungen auch für die englischen Küsten vollständig durchgeführt sind, hat man doch wenigstens versucht, die gemachten Erfahrungen für die Schifffahrt nutzbar zu machen. Einmal ist bei mehreren besonders heftigen Stürmen an der englischen Küste der Cyklonencharakter mit Bestimmtheit nachgewiesen worden. Steht dieß einmal fest, so weiß der intelligente Seemann auch, auf welche Art er am leichtesten aus dem Sturme herausgelangt, indem er nach der Peripherie des Sturmes zu gelangen strebt, daher nicht vor dem Winde läuft, sondern seine Richtung möglichst senkrecht durchschneidet.

Man hat ferner gefunden, daß Südweststürme meist durch einen heftigen Nordoststurm abgelöst werden, bei welchem nicht allein das Barometer, sondern auch das Thermometer sehr beträchtlich fällt. Die Wichtigkeit dieser Anzeigen hat dahin geführt, in den verschiedenen Seestädten bis zu kleinen Fischerdörfern herab, derartige Instrumente, besonders gut gearbeitete Barometer zu stationiren. Diese barometrischen und meteorologischen Beobachtungen werden seit dem September 1860 nach einem vom Admiral Fitzroy vorgeschlagenen Systeme zusammengestellt. Täglich zwischen 8–9 Uhr Morgens werden von einer bestimmten Anzahl Stationen nach dem Centralbureau in London telegraphische Mittheilungen über den Stand des Barometers, des trockenen und befeuchteten Thermometers, über die Richtung und Stärke des Windes, die Bewölkung und das Aussehen des Himmels gesendet. Die Mittheilungen von fünf der wichtigsten Hafenplätze, nämlich Hull, Penzance, Portsmouth, Cork und Galway (in Irland) werden sofort nach Paris telegraphirt, und durch ähnliche Mittheilungen aus den französischen Haupthäfen erwiedert. Gleiche Mittheilungen erhält man von Kopenhagen, Amsterdam und Lissabon. Diese Nachrichten kommen gewöhnlich zwischen 2 und 3 Uhr Nachmittags in London an.

Die Barometerbeobachtungen werden sofort auf die Seehöhe und den Nullpunkt des Thermometers reducirt, und die ganzen Beobachtungen dann in der vorgeschriebenen Form registrirt. Steht kein schlechtes Wetter zu befürchten, so ist die Arbeit des Londoner Bureaus damit geschlossen. Sobald aber irgend woher Sturm oder Anzeichen desselben gemeldet werden, so wird dieß sofort nach den einzelnen Stationen der Seeküste telegraphirt, welche nun die betreffenden Signale aufzuhissen haben.

Dieselben sind möglichst einfach und bestehen aus einem Kegel und einem Cylinder, die aus Segeltuch gefertigt, über leichte Federn gespannt und schwarz gefirnißt sind. Sie sind etwa 3 1/2 Fuß hoch und 3 Fuß im Durchmesser und bieten, was sehr wichtig ist, von allen Punkten des Horizonts ein gleiches Aussehen. An der Spitze der Flaggenstange kommt der Kegel zu stehen, darunter der Cylinder, und bei sehr heftigen Stürmen wird noch ein Kegel unterhalb des Cylinders zugefügt. Nur zwei Windrichtungen, als die hauptsächlichsten, werden signalisirt, nämlich von Nordost mit der Spitze des Kegels nach oben, und von Südwest mit der Spitze des Kegels nach unten. Einerseits verhindern die Signale das Auslaufen der Schiffe bei drohendem Sturme, andererseits geben sie den ankommenden Schiffen das Zeichen, entweder einen Nothhafen aufzusuchen, oder sich wieder möglichst weit auf hohe See zu legen, ehe der Sturm sie erreicht. Jede Telegraphenstation sendet die Botschaft per Staffelte zu den nächsten Küstenwachen, die diese Signale ebenfalls aufhissen. Es ist zu erwarten, daß durch diese Vorsichtsmaßregeln die Zahl der Schiffbrüche wesentlich vermindert werden wird, die an der englischen Küste alljährlich weit über 1000 beträgt.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: