Titel: Preisaufgaben des österreichischen Ingenieur-Vereins.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1861, Band 160/Miszelle 1 (S. 233–235)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj160/mi160mi03_1

Preisaufgaben des österreichischen Ingenieur-Vereins.

I. Preis-Ausschreibung für eine geschichtlich-theoretische Darstellung der neuesten Dachconstructionen aus Holz und Eisen.

Es soll „die Geschichte und Theorie der neuesten Dachconstructionen aus Holz und Eisen von 8 Klaftern angefangen bis zur größt-ausgeführten Spannweite“ unter folgenden, die Anordnung und den Umfang weiter einschränkenden Bedingungen dargestellt werden.

1) Von den ausgeführten Dachconstructionen der Neuzeit sind die besten auszuwählen, diese nach bestimmten Principien zu ordnen und mit dem gehörigen Detail zu zeichnen und zu beschreiben, worauf deren Theorie in einer für die Ausübung brauchbaren Weise zu entwickeln ist.

Bei der fraglichen principiellen Anordnung der sich ergebenden Systeme ist, mit dem einfachsten darunter beginnend, stufenweise auf die übrigen nach Maaßgabe der zunehmenden Abweichung von der einfachsten Construction überzugehen.

Hiernach ist zunächst der für Ziegel-, Schiefer- und Blecheindeckung eingerichtete Holzdachstuhl in der gewöhnlichen Art ohne Eisenverbindungen, dann jener mit eisernen Zugstangen und Streben armirte zu untersuchen; hierauf werden mit Rücksicht auf den verschiedenen Charakter die durchaus eisernen Dachconstructionen und darunter auch jene in Betracht zu ziehen seyn, bei denen das Blech als mit- oder alleintragender Bestandtheil auftritt, wie dieses bei den Bogendächern nach Winiwarter's System der Fall ist, von dem überdieß die auf ebene Dachflächen modificirte Form in besondere Berücksichtigung zu kommen hat. Die übersichtlichen Zeichnungen sind im Maaßstabe von 1/2 Zoll = 1 Wiener Klafter (1/144 Naturgröße), die Detailzeichnungen aber in einem für die Deutlichkeit hinreichend größeren Maaßstabe darzustellen.

In der bezüglichen Theorie sollen die bereits bekannten Ergebnisse aus den Untersuchungen über Holz- und Eisenconstructionen, namentlich jene aus Ardant's Abhandlung über Sprengwerke von großer Spannweite, die angemessene Benützung finden, und es sind die Resultate durchaus auf Wiener Maaß und Gewicht zu beziehen.

2) Mit Rücksicht auf die verschiedenen klimatischen Verhältnisse ist der nachtheiligste Einfluß, welcher durch die Stoßkraft des Windes und durch die Schneebelastung, so wie allenfalls durch den Temperaturwechsel auf Bedachungen ausgeübt werden kann, zu bestimmen, wornach im Vereine mit den bezüglichen theoretischen Resultaten die früher beschriebenen Dachconstructionen der Prüfung zu unterziehen sind, so daß hieraus insbesondere ersehen werden kann, wie groß dabei das Maximum der Inanspruchnahme der einzelnen Dachbestandtheile per Quadratzoll Querschnitt erhalten wird, und welcher Sicherheitsgrad hiernach vorhanden seyn dürfte. Mit diesen Prüfungsresultaten sind zugleich die bezüglichen Ergebnisse der Erfahrung und sonstiger Wahrnehmungen in Verbindung zu bringen, worauf in die weitere kritische Beurtheilung der verschiedenen Dachconstructionen ausführlich einzugehen ist.

3) Unter der besonderen Annahme von 15 Wiener Centnern für die auf Eine Dachflächenklafter (Wiener Maaß) entfallende zufällige Maximalbelastung und unter Benützung der aus der vorhergehenden Prüfung sich ergebenden Anhaltspunkte sind sodann die in Betracht kommenden Dachsysteme bei gleicher Spannweite rücksichtlich ihres Materialaufwandes mit einander zu vergleichen, und es ist hieran die Beantwortung der Frage anzuknüpfen, welche Systeme – und unter welchen Umständen – als besonders empfehlenswerth für die Anwendung zu bezeichnen seyen.

4) Für die vom Verfasser besonders empfohlenen Dachconstructionen sind endlich tabellarische Zusammenstellungen der berechneten Größen- und Gewichtsverhältnisse der einzelnen Constructionstheile, für die von Klafter zu Klafter zunehmenden Spannweiten innerhalb der Eingangs bezeichneten Grenzen zu verfassen, um hieraus gegebenen Falls die technischen Anhaltspunkte zu finden, welche in Verbindung mit den ökonomischen und sonstigen Verhältnissen die Wahl des jeweilig zweckmäßigsten Dachsystemes ohne Schwierigkeiten beurtheilen lassen.

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5) Bei der Sammlung der zur Bearbeitung nöthigen Daten ist selbstverständlich mit gehöriger Sachkenntniß und Vorsicht vorzugehen; bei solchen Daten, welche aus veröffentlichten Beschreibungen entnommen werden, sind jedenfalls die Quellen anzugeben.

6) Für die diesem Programme am vollständigsten entsprechende und als preiswürdig erkannte Darstellung wird

der erste Preis mit 400 Stück Vereinsthalern,

und für jene, welche der ersten zunächst kömmt,

der zweite Preis mit 200 Stück Vereinsthalern

festgesetzt.

Das literarische Eigenthum bleibt den Autoren der preisgekrönten Schriften vorbehalten; dieselben übernehmen jedoch die Verpflichtung, diese Arbeit binnen sechs Monaten nach Zuerkennung des Preises durch den Druck zu veröffentlichen und dem österreichischen Ingenieur-Verein 20 Exemplare unentgeldlich zu überlassen. Sollten die Autoren die Drucklegung und Veröffentlichung in der bedungenen Zeit nicht bewirken, so übergeht dieses Recht an den österreichischen Ingenieur-Verein.

Außer den beiden preisgekrönten Arbeiten werden auch andere, insoferne sie der österreichische Ingenieur-Verein für seine Zeitschrift zu benützen gedenkt, entsprechend honorirt werden.

7) Die Preiswerber haben ihre mit einer Devise und versiegelter Namens-Unterschrift versehenen Arbeiten bis längstens Ende October 1862 an den österreichischen Ingenieur-Verein in Wien einzusenden.

8) Das Preisgericht wird vom Verwaltungsrathe des österreichischen Ingenieur-Vereines ernannt, und die Preise werden über Antrag des Preisgerichtes von der im Februar 1863 stattfindenden General-Versammlung zuerkannt und sofort ausgezahlt.

9) Die nicht preisgekrönten Schriften werden vom Monate März 1863 an zur Disposition der Preiswerber in der Kanzlei des österreichischen Ingenieur-Vereines bereit liegen.

II. Preis-Ausschreibung für eine geschichtlich-statistisch-kritische Darstellung der bei Eisenbahnwägen angewendeten Schmiervorrichtungen und Schmiermittel.

In Anbetracht der Mannichfaltigkeit der bis jetzt angewendeten Schmiervorrichtungen und Schmiermittel bei Eisenbahnwägen, so wie der besonderen Wichtigkeit derselben beim Eisenbahnbetriebe, erscheint es höchst wünschenswerth, eine möglichst vollständige geschichtliche, statistische und kritische Darstellung dieses speciellen Zweiges der Eisenbahnmechanik zu erhalten.

Diese Darstellung soll folgendem Programme entsprechen:

1) Es sollen die verschiedenen Achsenlager, beziehungweise Schmiervorrichtungen, und die verschiedenen Schmiermaterialien für Wägen, wie solche auf Eisenbahnen bisher angewendet wurden, beschrieben, und so weit es möglich ist, soll hiebei bis auf den Zeitpunkt des Entstehens der Locomotiv-Eisenbahnen zurückgegangen werden.

Die Beschreibung jener Vorrichtungen und Schmiermaterialien, welche nur versuchsweise, also ohne dauernden Erfolg angewendet wurden, wäre nebst Angabe der Gründe des Verwerfens derselben wünschenswerth, um die Darstellung der Bestrebungen in dieser Beziehung zu vervollständigen.

2) Von jeder Gattung der gegenwärtig noch in fortwährender oder versuchsweiser Anwendung stehenden Schmiervorrichtungen sind jedenfalls folgende Daten zu liefern:

  • a) eine Zeichnung in 1/4 Naturgröße, aus welcher die Construction deutlich entnommen werden kann, nebst der zum vollkommenen Verständniß nöthigen Beschreibung;
  • b) die annähernde Anzahl, welche auf jeder der verschiedenen Bahnen in Anwendung ist;
  • c) die Benennung, Darstellung, Beschaffenheit und der Preis der angewendeten Schmiermaterialien;
  • d) der durchschnittliche Verbrauch an Schmiermateriale nach Achsmeilen, also für zwei Lager, mit Berücksichtigung der Verwerthung des etwa zurückgewonnenen Materials.
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3) Den Werth der Darstellung wird wesentlich erhöhen:

  • e) die Angabe der Maaßnahmen auf den verschiedenen Bahnen, welche dahin gerichtet sind, den besten Erfolg der angewendeten verschiedenen Schmiervorrichtungen und Schmiermaterialien in jeder Beziehung sicher zu stellen;
  • f) die Darstellung der besonderen Vor- und Nachtheile, welche mit der Anwendung der verschiedenen Schmiervorrichtungen und Schmiermaterialien verbunden sind;
  • g) die Angaben über die größte Belastung eines Lagers und die gewöhnlich stattfindende oder die unter Umständen noch zulässige größte Umdrehungszahl der Achsen per Minute.

4) Bei Sammlung aller verlangten Daten ist selbstverständlich mit Sachkenntniß, Vorsicht und Gewissenhaftigkeit vorzugegehen. Bei jenen Daten, welche aus Geschäftsberichten der Eisenbahnverwaltungen oder anderen Veröffentlichungen entnommen wurden, sind jedenfalls die Quellen anzugeben.

5) Für die diesem Programme am vollständigsten entsprechende und als preiswürdig erkannte Darstellung wird

der erste Preis mit 400 Stück Vereinsthalern,

und für jene, welche der ersten zunächst kömmt,

der zweite Preis mit 200 Stück Vereinsthalern

festgesetzt.

Das literarische Eigenthum bleibt den Autoren der preisgekrönten Schriften vorbehalten; dieselben übernehmen jedoch die Verpflichtung, diese Arbeit binnen sechs Monaten nach Zuerkennung des Preises durch den Druck zu veröffentlichen und dem österreichischen Ingenieur-Verein 20 Exemplare unentgeldlich zu überlassen. Sollten die Autoren die Drucklegung und Veröffentlichung in der bedungenen Zeit nicht bewirken, so übergeht dieses Recht an den österreichischen Ingenieur-Verein. Außer den beiden preisgekrönten Arbeiten werden auch andere, insoferne sie der österreichische Ingenieur-Verein für seine Zeitschrift zu benützen gedenkt, entsprechend honorirt werden.

6) Die Preiswerber haben ihre mit einer Devise und versiegelter Namens-Unterschrift versehenen Arbeiten bis längstens Ende October 1863 an den österreichischen Ingenieur-Verein in Wien einzusenden.

7) Das Preisgericht wird vom Verwaltungsrathe des österreichischen Ingenieur-Vereins ernannt und die Preise werden über Antrag des Preisgerichtes von der im Februar 1864 stattfindenden General-Versammlung zuerkannt und sofort ausgezahlt.

8) Die nicht preisgekrönten Schriften werden vom Monate März 1864 an zur Disposition der Preiswerber in der Kanzlei des österreichischen Ingenieur-Vereins bereit liegen.

Wien, im Jänner 1861.

Vom Verwaltungsrathe des österr. Ingenieur-Vereins.

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