Titel: Leuchtgaserzeugung in Kohksöfen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1861, Band 160/Miszelle 4 (S. 394–395)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj160/mi160mi05_4

Leuchtgaserzeugung in Kohksöfen.

Der General-Director der deutschen continentalen Gasgesellschaft in Dessau, Hr. Oechelhäuser, berichtet im „Journal für Gasbeleuchtung,“ Januar und Februar 1861, über seine auf einer Geschäftsreise in England, Belgien und Frankreich gemachten Beobachtungen über die Gasindustrie in einem Aufsatze, welchem wir das Nachfolgende entnehmen.

Von größerer praktischer Bedeutung (für bestimmte Verhältnisse wenigstens) scheint die Gaserzeugung in den Pauwells- und Dubochet'schen Kohksöfen (beschrieben im polytechn. Journal Bd. CXLII S. 414) zu seyn. Dieselben, in Paris seit Jahren auf der Station Ivry im Betrieb, sind seitdem auch auf der großen neuen Station La Vilette eingeführt worden und steigt deren Anwendung so, daß in nächster Zukunft schon die Hälfte des in Paris consumirten Gases durch diese Oefen dargestellt werden dürfte. Sie gleichen ganz den gewöhnlichen mit unseren Hohofenanlagen verbundenen Kohksöfen, sind 2 Meter weit, 1 Meter hoch und 7,20 Meter lang, an beiden Seiten offen |395| und mit großen durch Hebel zum Aufziehen eingerichteten gußeisernen Thüren versehen. Das Chargiren geschieht durch eine runde Oeffnung von oben, während die Kohks mittelst eines auf Schienen beweglichen Druckwerks, das einen Stempel von dem Querschnitt des Ofens in Bewegung setzt, gerade wie bei allen neueren Kohksöfen üblich, nach Oeffnung beider Thüren mit einemmale hinausgeschoben werden. In der Anwendung dieses Ofens ist nur der Unterschied gegen die gewöhnlichen Kohksöfen, daß die im Ofen befindliche Kohlenmasse nicht angezündet wird und in sich fortbrennt, sondern daß sich unter dem Ofen eine besondere Feuerung befindet, während die Thüren des Ofens hermetisch verschlossen bleiben und das Gas durch ein oben angebrachtes Steigerohr entweicht. Gegen die Clift'sche Retorte besteht demnach der wesentliche Unterschied nur darin, erstens, daß keine Züge um die Retorte führen, sondern bloß der Boden derselben erhitzt wird, somit also auch von einer besonderen eingebauten Retorte keine Rede ist, indem Retortenwand und Ofengewölbe eins sind, und zweitens daß ein äußerst niedriger Wärmegrad, etwa nur die Hälfte der Hitze gewöhnlicher Retorten erhalten wird. Eine Charge dieses Ofens wiegt 120 Ctr. und dauert 72 Stunden; er erzeugt in dieser Zeit aus französischer Kohle gegen 45,000 Kubikfuß, oder 7500 Kubikfuß per englische Tonne oder 1300 Kubikfuß per preußische Tonne, bei einem Feuerungsverbrauche von etwa 24 bis 25 Pfd. ordinären Retorten-Kohks per 100 Pfd. Kohle. Dieselbe Kohle gibt in den Retorten 8000 Kubikfuß per Tonne, gleich etwa 1400 Kubikfuß per Tonne bei 22 Proc. Feuerung. Die Production der Oefen ist also um 7 Proc. geringer, die Feuerung gegen 10 Proc. höher, als bei dem Retortengas. Ueberdieß ist es klar, daß bei der übermäßig niedrigen Temperatur des Ofens der Gehalt des Gases an Kohlenwasserstoffverbindungen ein geringerer seyn muß, und wurde mit der Unterschied der Leuchtkraft gegen das Retortengas auf 16 bis 17 Proc. angegeben, was auch mit Clegg's Mittheilungen stimmt.88) Das Gas wird somit nicht für sich allein zur Beleuchtung verbraucht, sondern mit reicherem, in Retorten dargestelltem gemischt. Alle diese Verhältnisse sind also ungünstiger und kann die dabei eintretende Ersparniß an Arbeitslohn und an Oefen-Unterhaltungskosten hiergegen an und für sich kaum in Anschlag gebracht werden. Dagegen soll sich nach den allerdings durch langjährige Erfahrung unterstützten Berechnungen der Pariser Gesellschaft ein solcher Mehrgewinn an Kohks herausstellen, daß unter dortigen Verhältnissen ein bedeutendes Plus zu Gunsten des Kohks-Gasofens bliebe. Es würden nämlich, den erhaltenen Angaben zufolge, dem Gewicht nach 72 Proc. Kohks, oder gegen 10 Proc mehr als bei den Retorten gewonnen und dabei erhielten sie von den Eisenbahnen 35 Francs per 1000 Kilogramme, während für die gewöhnlichen Retortenkohks nur mit größter Mühe 20 Francs zu erzielen seyen. In der That sind schönere Kohks nicht denkbar als die in diesen Oefen – denen eigentlich der Kohks Haupt-, das Gas Nebenproduct ist – gewonnenen. Auch in Deutschland beträgt vielfach die Differenz zwischen dem Preis der Gaskohks und der normalen Kohks wenn auch nicht 75, so doch 50 bis 60 Procent des Preises der ersteren. Ob ein solcher Ofen gegen Retorten ökonomische Vortheile gewährt, ist also in jedem einzelnen Falle eine Frage der localen Preisverhältnisse; selbstredend ist ein solcher Ofen für kleine Anstalten nicht anwendbar.

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Wir sehen also hier bei Oefen mit der möglichst niedrigen Temperatur das schlechteste Gas erzeugen!

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