Titel: Ein neues Polstermaterial; von Dr. Sauerwein.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1861, Band 160/Miszelle 11 (S. 467–468)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj160/mi160mi06_11

Ein neues Polstermaterial; von Dr. Sauerwein.

In neuerer Zeit kommt eine Substanz als Surrogat für Pferdehaar vor, welche volle Beachtung verdient, da sie einestheils dasselbe zu vielen Zwecken sehr gut ersetzen kann, anderntheils aber, weil sie viel billiger ist, gewiß vielfach zum Verfälschen des Pferdehaars gebraucht wird. Es sind dieß die getrockneten Stengel der Tillandsia usneoides, einer Pflanze, die in Südamerika und Westindien an alten Baumstämmen schmarotzt und zwar oft in solchen Mengen, daß, wie ein Reisender erzählt, man daselbst hohe alte Bäume von langen Zöpfen des „Baartmoses“ behangen und verstrickt sieht, welches die Portugiesen Barba do Pao nennen. Indessen ist diese Pflanze kein Moos, wie man nach obiger Bezeichnung glauben sollte; sie gehört zu einer Familie, welche unseren Irideen sehr nahe verwandt ist.

Der Stengel dieser Pflanze ist lang, fadenförmig, ästig und knotig; die Blätter sind pfriemenfadenförmig. Getrocknet sind die Stengel hellbraun und lassen sich unverarbeitet dadurch leicht vom Pferdehaar unterscheiden, daß die meist etwas helleren fadenförmigen Blätter noch daran sitzen. Werden die Stengel jedoch gereinigt, wobei nach eigenen Versuchen etwa 30 Proc., nach andern Angaben selbst 50 Proc. Abfall entsteht, so haben sie eine solche Aehnlichkeit mit Pferdehaar, daß ein ungeübtes Auge sie leicht damit verwechseln kann. Indeß kann man sie bei genauem Betrachten dadurch vom Pferdehaar unterscheiden, daß sie ein matteres Aussehen besitzen, wohingegen dieses einen eigenthümlichen Fettglanz besitzt. Auch fühlt sich Pferdehaar bedeutend weicher an, wie dieß getrocknete Kraut, welches beim Anfühlen eine gewisse Rauhheit zeigt. Beim Verbrennen zeigt Pferdehaar ein eigenthümliches Knistern und gibt einen sehr übeln Geruch, während die Stengel dieser Pflanze ruhig und geruchlos verbrennen; sie lassen dabei eine weiße Asche als Skelett in Form des ursprünglichen Stengels zurück. – Auch lösen sich Pferdehaare beim Kochen in ätzender Lauge leicht auf, während diese Stengel der Einwirkung einer solchen widerstehen und dieselbe nur dunkel färben. Man kann sie daher wohl unterscheiden; immerhin erfordert diese Unterscheidung jedoch, wenn beide Stoffe gemengt vorkommen, ein genaues Betrachten. – Die Stengel werden auch wohl nach dem Reinigen von den Blättern schwarz gefärbt; indessen lassen sie sich alsdann fast noch leichter von Pferdehaaren unterscheiden, da ihr äußeres Ansehen alsdann noch matter ist, auch die schwarze Färbung beim genauen Betrachten als keine natürliche erkannt wird. Wasser zieht freilich den Farbstoff nicht aus; setzt man demselben jedoch nur ein wenig irgend einer Säure zu, so wird das Wasser röthlich gefärbt, während die Stengel alsdann eine helle Farbe bekommen. Es empfiehlt sich dieß Färben um so weniger, als die Stengel durch die Beize mürbe werden und viel von ihrer Elasticität verlieren.

Es wurden, um die Elasticität dieser Stengel mit der der Pferdehaare zu vergleichen, Versuche angestellt, in der Weise, daß von zwei gleich weiten Glashäfen der eine mit einem bestimmten Gewicht Pferdehaare, der andere mit dem gleichen Gewicht von diesen |468| Stengeln gefüllt wurde. Nachdem sodann die Höhe, welche beide Schichten einnahmen, genau gemessen war, wurden beide genau demselben Druck unterworfen. Die Pferdehaare wurden durch den Druck, bei einer ursprünglichen Höhe von 40 1/2 Linie, sofort auf 30 Linien und nach längerem Stehen auf 27 Linien, also 2/3 ihres ursprünglichen Volums, zusammengedrückt; nach Aufhören des Druckes stellte sich das letztere völlig wieder her. – Die Stengel der Tillandsia, deren Volumen eine Höhe von 31 1/2 Linie hatte, wurden durch den Druck auf 25 1/2 Linie, also auf etwa 4/5 zusammengepreßt und auch nach längerem Stehen verringerte sich das Volumen nicht. Nach Aufhören des Druckes dehnten sie sich allmählich wieder bis zu 30 Linien Höhe aus, erreichten jedoch ihre ursprüngliche Ausdehnung nicht wieder. Die Elasticität derselben ist also nach diesen Versuchen etwas geringer, als die der Pferdehaare. Indessen sind sie doch immerhin zum Stopfen von Matratzen u. dgl. ein sehr brauchbares Material und bedeutend billiger als Pferdehaare, da der Centner roher Waare – nach Angabe des Hrn. Director Flemming, dessen Güte ich auch die Proben verdanke – in Hamburg 10 Rthlr. kosten soll. (Monatsblatt des hannoverschen Gewerbevereins, 1861, Nr. 4.)

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