Titel: Ueber die atmosphärischen Röhren zum Depeschen-Transport.
Autor: Grosjean, John Frederick
Fundstelle: 1861, Band 162, Nr. XXVIII. (S. 89–91)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj162/ar162028

XXVIII. Die atmosphärischen Röhren und ihre Anwendung zum Depeschen-Transport in England; von J. Grosjean.

Aus dem Bulletin de la Société d'Encouragement, Juni 1861, S. 378.

Angesichts der Projecte, welche in neuester Zeit in Bezug auf Einrichtung von atmosphärischen Röhren zum Depeschentransport bekannt geworden sind, dürften die nachfolgenden Mittheilungen, über die Einrichtungen, wie sie in London benutzt werden, von Interesse seyn.

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Es existiren dort vier atmosphärische Röhren, welche die Centralstation der elektrischen Compagnie mit den vier nächsten Nebenstationen verbinden, deren größte Entfernung 1400 Meter beträgt.

Das Material der Röhren ist eine Metalllegirung mit vorherrschendem Bleigehalt; sie haben einen inneren Durchmesser von 5–6 Centim. und sind bei den Straßendurchgängen in gußeiserne Röhren eingeschlossen. Die Tiefe ihrer Lage unter dem Erdboden beträgt etwa 80 Centimeter.

Die Depeschen befinden sich in ledernen Büchsen, welche mit Reibung in den Röhren gleiten; die Länge derselben ist etwa 10 Centimeter.

Die vier Leitungen stehen in der Centralstation mit einem eisernen Behälter in Verbindung, welcher durch eine Dampfmaschine luftleer erhalten wird; Behälter und Maschine befinden sich im Keller.

Die Verbindungen zwischen dem Behälter und den Leitungen stellen engere Bleiröhren her, welche im Local der Centralstation ihre Hähne haben, bei deren Oeffnung die Luft in den Leitungen verdünnt wird.

Wenn nun eine Depesche von der Nebenstation zur Hauptstation geschickt werden soll, so gibt der Beamte derselben mittelst eines unterirdischen Telegraphendrahtes ein Glockensignal an der Hauptstation. In demselben Augenblick muß die Depesche schon an der Nebenstation in der Röhre sich befinden. Der Beamte der Hauptstation öffnet auf das Zeichen den Verbindungshahn mit dem Luftbehälter und es wird die Depeschenbüchse durch den Luftdruck langsam (es gehören für die Entfernung von 1400 Meter nicht weniger als einige Minuten dazu) zur Hauptstation befördert.

Mittelst einer sehr einfachen selbstwirkenden Vorrichtung fallen die Depeschen auf den Tisch des Beamten. Einige Centimeter vor dem hermetisch geschlossenen Ende der Röhre befindet sich nämlich eine kleine Thüre von der Größe der Lederbüchse; dieselbe wird durch eine Feder geöffnet erhalten und schließt sich beim Auspumpen durch den äußeren Luftdruck; im Augenblick, wo die Büchse über dieser Thüre ankömmt, wird der Druck zu beiden Seiten gleich, die Feder öffnet das Thürchen und die Büchse fällt heraus. Dieses Thürchen dient auch zum Einsetzen der Büchse für die andere Station.

Comprimirte Luft wird zum Transport in umgekehrter Richtung nicht angewandt. Man hat es vorgezogen, nach den Nebenstationen Bleiröhren zu führen, welche von dem Luftverdünnungsbehälter der Hauptstation ausgehen und in den Röhrenköpfen der Nebenstationen endigen. Hier befinden sich Hähne und die Manipulation ist also für den Weg von der Hauptstation zu den Nebenstationen dieselbe, wie oben beschrieben.

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Das Local der Hauptstation befindet sich im dritten Stockwerk, starke Krümmung der Leitungsröhren bietet also kein Hinderniß dar.

An der Hauptstation befindet sich ein gefüllter Wasserhälter; wenn eine Depesche durch irgend einen Zufall aufgehalten wird, so kann man durch das unter hohem Druck eintretende Wasser die Fortbewegung bewirken.

Es werden jetzt für eine englische Gesellschaft gußeiserne Röhren von 60 Centim. Durchmesser verfertigt, welche zur Verbindung der Bahnhöfe mit dem großen Londoner Postbureau angewandt werden sollen. In diesen Röhren sollen kleine Packetwagen fortbewegt werden, deren Räder auf in den Röhren befindlichen Schienen laufen. Auch bei diesem System soll nur verdünnte, keine comprimirte Luft angewandt werden.

Bei der Weite dieser neuen Röhren sind Reservoire für die Luftverdünnung jedoch nicht anwendbar. Es soll vielmehr vor jeder Röhrenöffnung ein Saugrad nach Art der Ventilatorräder angebracht und dadurch die Luft verdünnt werden.

Dieß ist die ganze Anwendung von atmosphärischen Röhren, welche bisher stattgefunden hat; die Hoffnungen, welche man bei ihrem Erscheinen vor etwa 30 Jahren darauf baute, haben sich also noch nicht verwirklicht.20)

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Auch die atmosphärische Röhre der geneigten Ebene von St. Germain, die letzte, welche noch im Gebrauch war, hat man nun definitiv aufgegeben.

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