Titel: Scheurer-Kestner, über die Zusammensetzung des Weinsteins.
Autor: Scheurer-Kestner, Auguste
Fundstelle: 1861, Band 162, Nr. XLIII. (S. 128–131)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj162/ar162043

XLIII. Ueber die Zusammensetzung des Weinsteins; von Scheurer-Kestner.

Aus dem Répertoire de Chimie appliquée, Januar 1861, S. 39.

Das Vorkommen von weinsaurem Kalk in rohem Weinstein ist ziemlich allgemein, und nach Brescius 27) ist das Verhältniß desselben ein sehr veränderliches und zuweilen ein sehr bedeutendes. Zahlreiche vom Verf. gemachte Bestimmungen bestätigen dieß vollkommen.

Der weinsaure Kalk findet sich im rohen Weinstein in Gestalt durchsichtiger und sehr glänzender Krystalle, welche zuweilen mehrere Millimeter groß sind; sie sind leicht durch ihre Farblosigkeit von den stets gefärbten Krystallen des umgebenden zweifach-weinsauren Kalis zu unterscheiden. Auch ist ihre Form durchaus verschieden, da die Krystalle des weinsauren Kalkes gerade rhombische Prismen sind, deren Winkel durch die Flächen des Oktaeders ersetzt sind.28)

Dieses Salz ist ebenso wie der Weinstein in Salzsäure leicht löslich, aber die Wirkung derselben auf die beiden Salze ist verschieden, je nachdem man sie verdünnt oder concentrirt anwendet. Liebig hat beobachtet, daß wenn man das saure weinsaure Kali in concentrirter kochender Salzsäure auflöst, nur die Hälfte des Kalis als Chlorkalium herauskrystallisirt. Ich habe gefunden, daß unter diesen Umständen der weinsaure Kalk ebenfalls nicht ganz zersetzt wird. Wenn man aber für beide Salze eine Salzsäure von nur 1,040 spec. Gew. anwendet und sie in der Siedhitze sättigt, so krystallisiren sie vollkommen rein heraus. Es bilden sich oft auf diese Weise sehr schöne und ziemlich große Krystalle. Der so abgeschiedene weinsaure Kalt enthält, wie untenstehende Analysen ergeben, 8 Aequivalente Wasser.

1,984 Grm. dieser Krystalle gaben 1,041 schwefelsauren Kalk,
0,372 Grm. derselben gaben 0,247 Kohlensäure
und 0,161 Wasser,

oder in 100 Theilen:

gefunden berechnet
Kalk 21,57 21,53
Kohlenstoff 18,75 8,46
Wasserstoff 5,83 4,61.
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Behandelt man Weinstein, der ziemlich große Krystalle von weinsaurem Kalk enthält, mit concentrirtem Ammoniak, so geht das Kalisalz in Lösung und die Krystalle des Kalksalzes bleiben am Boden des Gefäßes vollkommen getrennt. Die Analyse derselben ergab die gleiche Zusammensetzung wie diejenige der aus der salzsauren Lösung erhaltenen Krystalle.

Es ergaben nämlich

1,984 Grm. 1,041 schwefelsauren Kalk

0,372 Grm. 1,178 Wasser und 0,257 Kohlensäure

oder in 100 Theilen:

Kalk 21,15
Kohlenstoff 18,81
Wasserstoff 5,29

Die Krystalle enthielten etwas Eisenoxyd, was die gefundene niedrigere Zahl für den Kalk erklärt.

Der weinsaure Kalk ist im Allgemeinen in allen sauren Lösungen löslich; auch die Lösung des sauren weinsauren Kalis löst etwas davon auf, was auch vermutlich die Ursache seines Gelöstbleibens in Wein ist, wie denn die Krystalle des Kalksalzes meistentheils auf den großen Krystallen des Kalisalzes aufsitzen und sich also erst nach deren Ausscheidung gebildet haben. Es kommt sogar vor, daß sich noch im abgezogenen Wein durchsichtige Krystalle absetzen; diese bestanden in fünf unter acht von mir untersuchten Fällen aus reinem weinsauren Kalk.

Da nach Pasteur die gegohrenen Flüssigkeiten große Mengen von Bernsteinsäure enthalten, so habe ich natürlich auch deren Salze im Weinstein aufgesucht. Allein, obwohl ich sehr viele Proben untersuchte, habe ich doch nie eine Spur davon finden können. Der Grund ist in der großen Löslichkeit des bernsteinsauren Kalis, selbst in alkalischen Lösungen, und in dem Umstände zu suchen, daß bernsteinsaurer Kalk neben weinsaurem Kali nicht ohne doppelte Zersetzung bestehen kann.

Bestimmung des weinsauren Kalkes im Weinstein. – Die Löslichkeit des weinsauren Kalkes im Salmiak und seine unvollständige Fällbarkeit in gewissen Flüssigkeiten machten dessen Bestimmung ziemlich schwierig. Die von Brescius angegebene Methode liefert sehr genaue Resultate. Sie besteht darin, daß der Weinstein calcinirt und die erhaltenen kohlensauren Salze in titrirter Salpetersäure gelöst werden; kennt man nun durch eine Maaßbestimmung den Gehalt des nichtcalcinirten Weinsteins an saurem weinsaurem Kali, so kann man leicht den Gehalt an Kalk und mithin an weinsaurem Kalk finden.

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Das Calciniren ist aber eine langwierige Operation, welche wegen des starken Aufblähens die Anwendung geräumiger Gefäße erheischt, und es empfiehlt sich daher folgende Methode, die zwar für den Fall, daß zugleich Gyps vorhanden wäre, weniger genau ist, aber doch hinreichend richtige Resultate liefert, wie die nachstehenden Zahlen darthun werden.

Man löst den gestoßenen Weinstein in seinem dreifachen Gewicht Salzsäure von 1,035 spec. Gewicht. Diese Lösung enthält nur sehr wenig Gyps. Man mißt das Volum der erkalteten Lösung und filtrirt sie. Um das Auswaschen zu vermeiden, mißt man ein bestimmtes Volum der filtrirten Lösung ab und sättigt sie mit kohlensaurem Natron. Nach dem Ausfällen des weinsauren Kalkes kocht man mit einem Ueberschuß von kohlensaurem Natron, wodurch der weinsaure Kalk nach einigen Minuten in kohlensauren übergeht, den man dann mittelst Salpetersäure titrirt.

Um zu sehen, ob diese Umwandlung des weinsauren Kalks in kohlensauren vollständig ist, wurde folgender Versuch angestellt.

10 Grm. reiner krystallisirter weinsaurer Kalk wurden mit 100 Kub. Cent. Normal-Natronlösung (53 Grm. kohlensaures Natron auf 1000 K. C.) 5 Minuten lang gekocht, filtrirt und der Niederschlag gut ausgewaschen. Der Niederschlag wurde in 100 K. C. Normalsalpetersäure gelöst, worauf mit Normalnatronlösung zurücktitrirt wurde. Dazu wurden 23 K. C. verbraucht. Mithin sättigen 77 K. C. Salpetersäure den kohlensauren Kalk, entsprechend 2,156 oder 21,56 Proc. Kalk, während die Theorie 21,53 Proc. verlangt.

Die folgende Tabelle gibt den Gehalt verschiedener Weinsteinsorten an saurem weinsaurem Kali und weinsaurem Kalk an. Ersteres Salz wurde mittelst Aetznatron titrirt. Um den weinsauren Kalk zu bestimmen, ließ ich eine gewogene Menge Weinstein einige Zeit in concentrirtem Ammoniak digeriren, wodurch das saure weinsaure Kali, Eisenoxyd und Magnesia, die alle in weinsaurem Ammoniak sehr löslich sind, gelöst wurden, während das Kalksalz zurückblieb. Dieser Rückstand wurde abfiltrirt und mit reinem Wasser so lange gewaschen, bis ein Tropfen des Filtrats von Barytsalz nicht mehr gefällt wurde. Auf diese Weise wurde der schwefelsaure Kalk vollständig entfernt. Der zurückbleibende weinsaure Kalk wurde endlich nach der angegebenen Methode maaßanalytisch bestimmt.

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Textabbildung Bd. 162, S. 131

Man ersieht hieraus, daß es einerseits Weinsteinsorten, wie die toscanischen, gibt, welche keinen weinsauren Kalk enthalten, daß es aber auch andere (wie die burgunder und spanischen) gibt, worin dieses Salz vorherrscht.

Die weitere Untersuchung der Weinsteine zeigt, daß sich stets ziemlich beträchtliche Mengen anderer Mineralsalze, namentlich von Magnesia, darin finden. Diese Basis muß als weinsaures Salz vorkommen, weil die durch kochendes Wasser erhaltene Lösung Magnesia enthält und die weinsaure Magnesia in der Lösung von saurem weinsaurem Kali löslich ist. Die Analyse des toscanischen Weinsteins, welcher frei von weinsaurem Kalk war, ergab in 100 Theilen:

holzartige Substanz 0,88
Kieselsäure 0,32
Eisenoxyd 0,26
Magnesia 1,32
Kali 22,13
Farbstoff, in Aether löslich 0,73
Zucker 0,62.

Letzterer wurde als Traubenzucker mittelst der alkalischen Kupferlösung bestimmt.

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Polytechnisches Centralblatt, 1860 S. 1489.

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Pasteur, in den Annales de Chimie et de Physique t. XXXIV p. 442.

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