Titel: Bonet, über die freiwillige Zersetzung der Schießbaumwolle.
Autor: Bonet, M.
Fundstelle: 1861, Band 162, Nr. XLVI. (S. 137–139)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj162/ar162046

XLVI. Ueber die freiwillige Zersetzung der Schießbaumwolle unter dem Einfluß des zerstreuten Lichtes; von M. Bonet.

Aus den Comptes rendus, September 1861, t. LIII p. 405.

Meine Beobachtungen ergaben Folgendes:

1) Die Proben von Schießbaumwolle, welche sich in meinem Laboratorium unter dem Einfluß des zerstreuten Lichtes zersetzten, waren im Jahr 1856 bereitet worden, also vier Jahre vor ihrer Zersetzung.

2) Die Schießbaumwolle welche sich zuerst zersetzte, war mit einem Gemisch von Kalisalpeter und Schwefelsäure bereitet worden, die andere Probe hingegen mit dem Gemisch von Salpetersäure und Schwefelsäure.

3) In beiden Fällen stellte sich vor der Zersetzung eine röthliche Atmosphäre ein, welche vor der vollständigen Zersetzung deutlich zu sehen war.

4) Im ersten Falle war die Zersetzung jedoch kräftiger, weil der Stöpsel aus der Flasche heraussprang, und der Hals selbst auf zwei Drittel seines Umfangs gespalten wurde, sogar ein Stück desselben mit dem Stöpsel herausflog, während im zweiten Falle der Stöpsel an seiner Stelle blieb.

5) Der feste Rückstand der Zersetzung war in beiden Fällen ebenfalls verschieden. Im ersten Falle hatte er ganz das Ansehen einer Substanz, welche mehr oder weniger flüssig gewesen war, denn er erschien ganz blasig und fest; im zweiten Falle hingegen war dieser Rückstand ganz compact, hart, stark zusammengebacken, elastisch, hatte dabei jedoch das Ansehen einer mehr oder weniger gummigen Substanz. Im zweiten Falle war sie gelblichweiß oder strohgelb, im ersten Falle hingegen viel dunkler, fast wie braun geschmolzener Zucker gefärbt.

6) In beiden Fällen waren die Wände der Flasche großentheils mit kleinen Krystallen von Oxalsäure überzogen, wie es schon Hofmann |138| beobachtet hat.29) Auch der zweite Rückstand zeigte sich an mehreren Stellen von diesen Krystallen durchdrungen.

7) In der Atmosphäre der Flasche, deren Inhalt sich zuletzt zersetzte, und deren Fassungsraum 300 Kubikcentimeter betrug, entdeckte man leicht eine auffallend saure Reaction, und zugleich die Gegenwart eines das Wasser stark anziehenden Dampfes. Aus diesem Grunde waren der Stöpsel und der Hals immer wie befeuchtet, aber nur durch das Wasser der Luft.

8) Die Versuche, welche in dieser Atmosphäre gemacht wurden, wiesen die Gegenwart von Kohlensäure und Ameisensäure entschieden nach, und andere Versuche machten es sehr wahrscheinlich, daß darin auch Cyan enthalten ist, dessen Gegenwart wegen der geringen Menge des verfügbaren Gases leider nicht bestimmt ermittelt werden konnte.

9) Alle Proben, welche gemacht wurden um die Gegenwart der sauren Verbindungen des Stickstoffs mit Sauerstoff und selbst derjenigen von Stickstoffoxyd (NO²) nachzuweisen, gaben negative Resultate.

10) Nachdem die feste Substanz mit Alkohol behandelt worden war, um die Oxalsäure auszuziehen, blieb ein vollkommen weißer Rückstand, welcher sich wie Gummi im Wasser gänzlich auflöste.

Bemerkungen von Chevreul.

Ich sehe mit Vergnügen aus der vorstehenden Mittheilung, daß der Verfasser das zerstreute Licht als den Umstand angab, unter welchem die Veränderung der Schießbaumwolle erfolgt; denn ich habe Schießbaumwolle in Fasern und als Gewebe zehn Jahre lang in der Dunkelheit aufbewahrt, ohne daß ihr Entzündungsvermögen geschwächt worden zu seyn scheint. Dieser Umstand veranlaßt mich wiederholt darauf aufmerksam zu machen daß man bezüglich der anscheinend freiwilligen molecularen Modificationen, welche die Körper erleiden, den Einfluß berücksichtigen muß, welchen das Licht dabei ausüben kann. Durch meine langjährigen Untersuchungen über den Einfluß des Lichtes bei der Entfärbung einer großen Anzahl organischer Stoffe habe ich gezeigt:

1) daß die größte Anzahl der gefärbten organischen Stoffe unter dem Einflusse des Lichtes nur bei Gegenwart von Luft zersetzt wird, so daß im luftleeren Raume, im Stickstoffgas, Wasserstoffgas, die Zersetzung derselben Stoffe nicht mehr erfolgt, wenigstens nicht in gleichen Zeiten;

2) daß man mit Unrecht annahm, die gefärbten organischen Stoffe machen in dieser Hinsicht eine Ausnahme von den farblosen, denn ich |139| habe entscheidend nachgewiesen, deß farblose stickstoffhaltige organische Verbindungen, wie die thierische Gallerte, die Seide, und nicht stickstoffhaltige Verbindungen, wie der Holzstoff, sich in der belichteten Luft bedeutend zu verändern vermögen;

3) daß bei dem Verfahren von Nicephorus Niepce, dem Erfinder der Photographie oder Heliographie, der auf der Metallplatte ausgebreitete empfindliche Firniß, wenn man ihn in der camera obscura dem Lichte aussetzte, nur an denjenigen Stellen welche gleichzeitig dem Lichte und dem atmosphärischen Sauerstoff ausgesetzt waren, im Steinöl unauflöslich wird, denn im Vacuum entsteht kein Bild;

4) daß es Verbindungen gibt, welche im Vacuum unter dem Einfluß des Lichtes modificirt werden; eine solche ist das Berlinerblau, welches zuerst weiß und hernach braun wird, indem es Cyan oder Blausäure verliert.

Diese Thatsachen sind unbestreitbar und zeigen, daß in vielen Fällen die Luft gewisse Wirkungen nur unter dem Einfluß des Lichtes hervorbringt. Da manche natürliche Wirkungen, welche der Gesundheit schädliche Stoffe neutralisiren oder zerstören, nur unter dem gemeinschaftlichen Einfluß der Luft und des Lichtes erfolgen, so betrachte ich es als eine Nothwendigkeit für die Gesundheit, daß das Licht in das Innere der Häuser eindringt, hauptsächlich in die feuchten Theile, welche mehr oder weniger von organischen Stoffen durchdrungen sind.

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Polytechn. Journal Bd. CLVIII S. 237.

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