Titel: Die Gasmaschinen in Paris; von Prof. E. G. Schmidt in Stuttgart.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1861, Band 162/Miszelle 1 (S. 233–235)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj162/mi162mi03_1

Die Gasmaschinen in Paris; von Prof. E. G. Schmidt in Stuttgart.

Ueber die Gasmaschinen sind sowohl unter den Technikern als auch im Publicum so widersprechende Ansichten verbreitet, daß es wohl am Platz seyn dürfte, ein Urtheil darüber, das sich auf eigene Anschauung gründet, hier mitzutheilen.

Vor allen Dingen steht als Thatsache fest, daß in Paris derzeit gegen 30 Gasmaschinen von angeblich 1 bis 8 Pferdekräften in den verschiedensten Zweigen der Industrie thätig sind, und daß ihre Anwendung immer weiter sich ausbreitet. Die Maschinen besitzen einen ebenso ruhigen und gleichmäßigen Gang wie die Dampfmaschinen, und die Functionen aller einzelnen Theile sind so gut geordnet und geregelt, daß Störungen durch Nichtentzündung oder Explosionen nur noch äußerst selten vorkommen. Eine besondere Bedienung erfordern die kleineren Maschinen nicht, selbst das Schmieren scheint durch vervollkommnete Apparate so erleichtert, daß die früher ausgesprochene Ansicht: „man erspare wohl den Heizer, brauche aber dafür einen Schmierer“ dermalen wohl keine allgemeine Geltung mehr haben dürfte. Die Beschaffung der erforderlichen Quantitäten Gas und Kühlwasser bietet bei den großartigen Anlagen, die Paris dafür besitzt, ebenfalls keinerlei Schwierigkeit dar, und man hört keine Klagen, daß in dieser Beziehung irgend ein Hinderniß aufgetreten sey. In Paris wird das Wasser bis in die obersten Etagen der Gebäude getrieben, und jede Haushaltung erhält als geringstes Quantum täglich einen Kubikmeter gegen eine jährliche Abgabe von 70 bis 80 Frc. Dieses Wasserquantum ist in den meisten Fällen weit größer als das zu Wirthschaftszwecken erforderliche, so daß noch eine genügende Menge zur Kühlung der Gasmaschine übrig bleibt, welche ja auch das Wasser nicht consumirt, sondern nur erwärmt, so daß es nach erfolgter Abkühlung von Neuem benutzt werden kann.

Der Gasverbrauch wird pro Stunde und Pferdestärke durchgängig zu einem Kubikmeter im Preis von 30 Centimen angenommen; mit dieser Annahme begnügen sich die Besitzer der Gasmaschinen, und wenn sie stündlich für 30 Centimen Gas consumirt haben, so scheinen sie zu glauben, daß ihre Maschine mit 1 Pferdestärke gearbeitet habe. |234| Sieht man aber die Maschinen arbeiten und zieht in Betracht, was sie bei einem Gasconsum von einem Kubikmeter pro Stunde wirklich leisten, so überzeugt man sich bald, daß dieß bei Weitem noch keine volle Pferdestärke ist, sondern nur ungefähr so viel, als zwei Paar kräftige Menschenarme auch leisten können.

Die aus dieser Wahrnehmung zu ziehende Folgerung, daß die volle Pferdestärke ein weit größeres Gasquantum, als das angegebene, consumiren müsse, findet ihre unzweifelhafte Bestätigung durch die sorgfältigen und umfassenden Versuche, welche Hr. Tresca, Subdirector am Conservatoire impérial des arts et métiers im März d. J. mit einer Gasmaschine von 24 Centimeter Cylinderdurchmesser und zwölf Centimeter Kolbenhub unter Benützung der vorzüglichsten, von der reichhaltigen Sammlung des Conservatoriums gebotenen Hülfsmittel angestellt und in den Annales du cons. veröffentlicht hat.

Folgende Tabelle gibt eine Zusammenstellung der wichtigsten Resultate, welche mit Benützung eines Bremsdynamometers von 1,5 Meter Hebellänge während einer 14stündigen Versuchszeit gewonnen wurden. Zu bemerken ist dabei, daß sich die verticalen Zahlenreihen auf die am 17., 20. und 22. März angestellten Versuche beziehen.

Dauer des Versuchs in Stunden 5,00 3,95 4,80
Durchschnittliche Umdrehungszahl per Minute 94,50 101,96 107,55
Belastung des Hebels in Kilogr. 4,50 4,20 4,20
Arbeit in Pferdestärken 0,90 0,90 0,99
Totalverbrauch an Gas in Kubikmetern 12,06 10,00 13,00
Gasverbrauch per Pferd und Stunde in Kubikmetern 2,70 2,82 2,71

Hieraus ergibt sich der durchschnittliche Verbrauch an Gas pro Stunde und Pferdestärke zu 2,74 Kubikmeter, oder, da 1 Kubikmeter gleich 35,3 Kubikfuß engl., zu 96,7 Kubikfuß engl. Die Quantitäten des mit 10° Cels. zugeführten Kühlwassers betrugen bei den einzelnen Versuchsreihen aufeinanderfolgend 554, 1164 und 684 Liter und die Temperatur des austretenden Wassers in derselben Reihenfolge 92, 60 und 90° C.

Bei dem Pariser Gaspreis von 30 Cent. oder 8,4 kr. per Kubikmeter käme sonach die Unterhaltung einer vollen Pferdestärke pro Stunde auf 23 kr., und pro Tag bei 11 Stunden effectiver Arbeitszeit auf 4 fl. 12 kr. Der Totalverbrauch an Oel betrug bei den Pariser Versuchen während 10 Stunden 365 Gramme oder reichlich 2/3 Pfd. im Preis von circa 30 kr.

Trotz dieser im Vergleich zu den Unterhaltungskosten einer Dampfmaschine allerdings sehr ungünstigen Resultate würde es aber doch voreilig erscheinen, die Gasmaschine sofort zu verdammen und ihr jede Zukunft abzusprechen. Abgesehen von den Verbesserungen, welche sie wahrscheinlich noch erfahren wird, gewährt sie schon jetzt eine in sehr vielen Fällen mit Vortheil anzuwendende Triebkraft, die namentlich in größeren Städten, wo das Gas billig, die Handarbeit aber theuer ist, und wo die beschränkten Localverhältnisse die Anwendung eines anderen Motors unbedingt verbieten, Aufnahme finden dürfte. Was kümmert es z.B. einen Buchdrucker in einer Pariser Passage, dem zur Unterbringung seiner Pressen und seines Comptoirs nur wenige Quadratmeter Raum zu Gebote stehen, oder einen in einer engen Gasse vier Treppen hoch wohnenden Bortenmacher, welche Vortheile ihnen durch Anwendung von Dampfmaschinen anstatt ihrer Gasmaschinen erwachsen würden, wenn sie überzeugt sind, daß sie den Dampf in ihren Verhältnissen ebensowenig benützen können wie den Wind, der die Mühlen auf dem Montmartre treibt?

Die Gasmaschine kann man in jedem Winkel unterbringen, man kann im Winter die Werkstatt zugleich heizen, und gewinnt auch noch bedeutende Mengen warmen Wassers, was für den kleinen Fabrikanten, bei welchem gewöhnlich Werkstatt und Haushaltung in enger Verbindung stehen, auch eine gewisse Annehmlichkeit mit sich bringt. Derartige Verhältnisse treten nun in großen Städten allerdings weit häufiger auf, als in kleineren; sie fehlen aber auch hier nicht, und so kann es wohl kommen, daß die Gasmaschinen auch in kleineren Städten, wo man Gasbeleuchtung hat, Eingang finden und zur Zufriedenheit ihrer Besitzer arbeiten werden. Vorzugsweise wird die Gasmaschine da mit Vortheil anzuwenden seyn, wo kein continuirlicher Betrieb stattfindet.

In Paris kosten zwei Radtreiber täglich wenigstens 6 Fr., bei starkem Betriebe muß man mit doppeltem Personal zur Ablösung arbeiten und hat dann gegen 12 Fr. Unkosten. Die Gasmaschine welche das Gleiche leistet, kostet stündlich 30 Centimen, täglich also 3 Fr., mithin nur die Hälfte oder beziehungsweise nur ein Viertel so viel, wie die Handarbeit, und wenn man auch noch 1 Fr. für Schmiere und einige Sous für |235| Zinsen und Abschreibung hinzurechnet, bleibt doch immer noch Gewinn. Warum soll nun der Pariser Fabrikant unter diesen Umständen die Gasmaschine nicht anwenden, die er in jedem Falle mit Leichtigkeit unterbringen kann, die ihm keine Kosten verursacht, wenn er sie nicht laufen läßt, deren Ingangsetzung ihm nur wenig mehr Mühe macht, als das Anzünden seiner Gasflammen? Und wie gering ist der relative Werth von 30 Centimen in Paris, wo man z.B. jeden Schoppen Bier mit 40 Cent. bezahlen muß.

An eine Concurrenz der Gasmaschine mit der Dampfmaschine ist aber vor der Hand nicht zu denken. Die Gasmaschine wird nur für kleinere Arbeitsgrößen mit Nutzen zu verwenden seyn, und wenn die Gesellschaft Lenoir und Comp. zum Betrieb ihrer neuen, mit 10 großen und mehreren kleineren Maschinen ausgerüsteten Werkstätte in der Avenue de Saxe zu Grenelle, welche bei vollem Betriebe sicher gegen 5–6 Pferdestärken in Anspruch nimmt, eine Gasmaschine mit angeblich nur 52 Kubikmeter Gasverbrauch pro Tag anwendet, so kann dieß lediglich als eine Maßregel der Speculation, nicht als ein der Nachahmung werthes Beispiel betrachtet werden. Angenommen, die Gasmaschine verbrauche auf 5 Pferdestärken wirklich nur 52 Kubikmeter, so kostet deren tägliche Unterhaltung 15 1/2 Franken, während eine Dampfmaschine von gleicher Arbeitsstärke bei einem Kohlenpreis von 4 Fr. pro 100 Kilogr. und einem Kohlenverbrauch von 4 Kilogr. pro Stunde und Pferdekraft nur circa 8 Fr. kosten würde.

Aus einem Verzeichnis, welches der neuesten Preisliste der Gesellschaft Lenoir und Comp. beigegeben worden, ist zu ersehen, daß dieses Etablissement bis Ende Juni d. J. für Pariser Werkstätten 39, für das übrige Frankreich 17 und für das Ausland 16, im Ganzen sonach 72 Maschinen ausgeführt hat. (Württembergisches Gewerbeblatt, 1861, Nr. 34.)

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