Titel: Ueber die große elektrische Lichtproduction auf dem alten Museum in Berlin, am 22. October 1861.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1861, Band 162/Miszelle 4 (S. 313–314)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj162/mi162mi04_4

Ueber die große elektrische Lichtproduction auf dem alten Museum in Berlin, am 22. October 1861.

Vom Magistrat zu Berlin beauftragt, an diesem Abend durch ein größeres elektrisches Licht vom Museum aus den Lustgarten und das königliche Schloß zu beleuchten, beschlossen wir die uns freigebig vom Magistrat bewilligten Mittel zu einem möglichst großartigen Experiment zu verwenden, und sind gern bereit im Interesse der Wissenschaft die dabei gemachten praktischen Erfahrungen der Oeffentlichkeit zu übergeben.

480 Kohlenelemente, 11 Zoll hoch (Preisverzeichniß von Keiser und Schmidt D. a. Seite 11), die Kohle 40 Quadratzoll Oberfläche innerhalb des Thoncylinders, waren in dem vom Magistrat äußerst solid auf das Dach des alten Museums gebauten Bretterhause in 4 Batterien à 120 Elemente so aufgestellt, daß Zink auf Kohle nach Art der Telegraphirbatterie verbunden, jede einzelne Batterie eine Säule von 120 Plattenpaaren bildete. Die Leitungsdrähte dieser 4 Batterien traten von den 8 Endpolen in 2 vierfache Polklemmen des Regulators ein, so daß in der rechten die 4 Zinkpoldrähte, in der anderen die 4 Kohlenpoldrähte eingeschraubt wurden.

Der Regulator war der von uns construirte, im Jahrgang 1860 des polytechn. Journals Bd. CLV S. 75 beschriebene, in einmal vergrößertem Maaßstabe, so daß die Eisenkerne des Elektromagneten 27 Millimeter, der stark mit Seide bewickelte Kupferdraht, auf die bedeutende Zahl der Elemente berechnet, 6 Millimeter dick war. Die durch die Elektromagneten gehaltene regulirende obere Eisenstange war 12 Millimeter im Quadrat dick und 63 Centimet. lang.

Um einen Begriff von der Großartigkeit des Experiments zu erhalten, diene als Maaßstab die Thatsache, daß 8 in dieser Arbeit erfahrene Leute mit Aufstellen, Verbinden und Füllen dieser 480 Elemente von Morgens 8 Uhr mit einstündlicher Unterbrechung bis Abends 5 1/2 Uhr beschäftigt waren.

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Die Entladungen der einzelnen Batterien wurden beim Füllen der letzten Elemente so stark, daß trotz aller Isolirung durch Seide und Gummischuhe einzelne Arbeiter zum weiteren Dienst unbrauchbar zurücktreten mußten, trotzdem Maaßnahmen getroffen waren, die Leitungsfähigkeit des Fußbodens (durch Uebergießen von Salpetersäure verursacht) möglichst zu verhindern.

Nachdem die Batterien seit 5 1/2 Uhr gefüllt, schlossen wir, der spät eintretenden Dunkelheit wegen, erst um 6 3/4 Uhr durch Herablassen der oberen Eisenstange, die Kette. Der erste Effect des blendenden Lichtes war ein über alle Beschreibung prachtvoller, nur mit dem Aufzucken eines nahen Blitzes zu vergleichen, und überraschte selbst Leute, denen die Erscheinungen des elektrischen Lichtes seit Langem zur Gewohnheit geworden; noch mehr wurden wir indeß überrascht, als aus dem großen Lichtbogen trotz gänzlicher Windstille eine mitunter bis 3 Fuß lange mattblaue Flamme hervorschlug, welche die Holztheile unseres Regulators und unser ganzes Batteriehaus zu ergreifen drohte.

Diese eben so unangenehme als unerwartete Erscheinung hätte uns bald veranlaßt das ganze Experiment aufzugeben, und nur die Anwesenheit dreier Feuerwehrleute konnte uns bestimmen, dasselbe fortzusetzen. Durch fortwährendes Befeuchten, besonders des Regulators, dessen sämmtliche Metalltheile glühten, gelang uns dieß eine halbe Stunde, bis, wegen beinahe gänzlicher Verbrennung der Kohlenspitzen, wir uns genöthigt sahen, eine Pause zu machen. Die herausgenommene obere Kohlenspitze, die, als wir sie einspannten, 12 Zoll lang, 3/4 Zoll im Quadrat hatte, war nur noch 3 Zoll lang und so dünn wie ein Bleistift, ein Zeichen, daß sich dieselbe nicht bloß an der Spitze, sondern der ganzen Länge nach, wahrscheinlich durch die Flamme, verzehrt hatte.

Es wurde jetzt eine 1 Quadratzoll dicke Kohlenspitze eingesetzt und die Kette von Neuem geschlossen. Obgleich dießmal die aus den Kohlenspitzen aufsteigende Flamme nicht so mächtig als bei der ersten Production war, so brannte doch immer eine helle Flamme, die von vorn durch den Glanz des elektrischen Lichtes verdeckt, von hinten, d.h. hinter dem Spiegel, deutlich sichtbar blieb, und mußten wir auch dießmal die Befeuchtung des Regulators unausgesetzt fortsetzen.

Die Kohlenspitzen hielten sich wieder nur etwas über eine halbe Stunde und waren, als wir sie dann bei der zweiten Pause Herausnahmen, wieder so dünn wie ein Bleistift.

Wir hätten gern noch stärkere Kohlenspitzen verwendet, doch hatten wir dieselben nicht zur Hand, und setzten deßhalb mit der zum Kohlenspitzen-Auswechseln nöthigen Unterbrechung unsere Production mit bestem Erfolge bis Abends 11 Uhr fort.

Auffallend war, daß, sofort nach dem Oeffnen der Kette, der besonders gegen das Ende einer halbstündigen Production äußerst beschwerliche Dampf der salpetrigen Säure sofort verschwand, und sich erst nach dem Schließen der Batterie allmählich wieder bemerkbar machte.

Der Regulator regulirte den ganzen Abend ohne den geringsten Fehler; nicht ein Zucken störte die Gleichmäßigkeit des schönen Sterns, den wohl Mancher, der mit Behagen in dieß edle klare Licht schaute, für ein Bild der ruhig leuchtenden Sonne, nicht aber für das hielt, was er war – ein mit Mühe gefesselter Blitz.

Keiser und Schmidt in Berlin.

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