Titel: Die Darstellung gewalzter Eisenplatten für Panzerschiffe auf dem Stahlwerke Atlas zu Sheffield.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1861, Band 162/Miszelle 1 (S. 445–446)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj162/mi162mi06_1

Die Darstellung gewalzter Eisenplatten für Panzerschiffe auf dem Stahlwerke Atlas zu Sheffield.

Die Fortschritte der Artillerie in neuerer Zeit und die Anwendung der Dampfkraft für Kriegsschiffe haben eine Menge neuer Fragen geschaffen, welche die großen Seemächte jetzt zu lösen bemüht sind. Eine der Hauptfragen ist es, ob man Schiffe bauen kann, die schußfest sind, die eine schwere Bewaffnung und die Last mächtiger Dampfmaschinen und Kessel tragen können, und doch hinreichende Schnelligkeit und Lenkfähigkeit besitzen. Frankreich macht rasche Fortschritte in der Construction einer imposanten Flotte von Panzerschiffen, und England bestrebt sich auch in dieser Beziehung seinen Vorrang zu behaupten.

Die HHrn. J. Brown u. Comp., Besitzer des bekannten colossalen Stahlwerkes Atlas zu Sheffield, haben im Auftrage der englischen Regierung die Darstellung der nöthigen starken Panzerplatten übernommen. Um die Nachfrage befriedigen zu können, haben sie |446| ihr Etablissement durch einen Tunnel unter der Midland-Eisenbahn mit einem weiten Bauplatze in Verbindung gebracht, der zwischen der gedachten Eisenbahn und der Savillestraße gelegen ist.

Hier ist in den verflossenen zwei Jahren ein neues Etablissement entstanden, das nicht weniger als 10 1/2 Acres umfaßt, von denen 7 mit Gebäuden bedeckt sind.

Um von der Ausdehnung dieses Werkes einen Begriff zu haben, genügt es, anzuführen, daß während das Londoner Ausstellungsgebäude für 1862 circa 18 Mill. Ziegeln bedarf, dieses neue Etablissement, obgleich es erst zu 2/3 vollendet ist, schon 12 Millionen gewöhnliche und 2 Millionen feuerfeste Ziegeln consumirt hat. In demselben sind jetzt schon 62 Oefen fertig gestellt, von denen die meisten mit Dampfkesseln verbunden sind, um die abziehende Wärme auszunützen. Der hier erzeugte Dampf wird durch Röhren, die in ausgemauerten unterirdischen Canälen liegen, den verschiedenen Maschinen zugeführt. Für die möglichste Verminderung des Rauches ist Sorge getragen. Vier Essen, jede 45 Yards (zu 3 Fuß engl.) hoch, führen die Verbrennungsproducte ab, die ihnen durch, mit feuerfesten Ziegeln ausgesetzte Canäle zuströmen. Nach der Angabe unserer Quelle soll die Rauchverbrennung dadurch erreicht werden, daß man den Rauch nochmals durch Oefen durchleitet (!?). Die Zahl der verschiedenartigen Dampfmaschinen, von der kleinen Maschine, die das Wasser für die Kessel pumpt, bis zu den schwersten Walzmaschinen beträgt 29, die Zahl der Dampfhämmer 21. Die Puddel- und Walzhütte ist ein offener Schuppen, der 360 Fuß lang, 240 Fuß breit und bis zum Dache 22 Fuß hoch ist. Sie ist in drei Theile getheilt, von denen zwei schon in voller Thätigkeit sind. Am Nordostende des Werkes ist ein 90 Fuß breiter Raum, der von zwei Eisenbahnsträngen eingenommen wird, von denen der eine nach dem Kohlenhofe, der andere nach dem Roheisenhofe führt. Wöchentlich braucht dieses Werk 2000 Tonnen Kohlen und 600 Tonnen Roheisen, woraus 480 Tonnen Walzeisen erzielt werden, das man direct oder zur Stahlerzeugung verwendet. Es sind 10 Puddelöfen vorhanden, von denen jeder 35 Tonnen Roheisen auf einmal faßt. Vor 50 Jahren galt ein Puddelofen für groß, wenn er 12 Tonnen Eisen faßte, und die jetzigen Oefen halten gewöhnlich 20 Tonnen.

Auch zur Darstellung von Stahl nach dem Bessemer-Processe sind Einrichtungen im größten Maaßstabe getroffen. Bisher nahm Bessemer nicht mehr als 1 Tonne in Arbeit, während die Herren Brown u. Comp. 4 Tonnen auf einmal verarbeiten wollen. Die erzeugten Stahleingüsse sollen dann unter einem Dampfhammer von 12 Tonnen ausgeschmiedet werden.

Was nun die Darstellung der Panzerplatten anbelangt, so stellt man zuerst eine Anzahl Platten dar, welche 30 Zoll Länge, 12 Zoll Breite und 1 Zoll Dicke haben. Fünf solcher Platten werden zu einem Paquete vereinigt, und nachdem sie im Schweißofen genügend vorgewärmt, zu einer Platte von 4 Fuß im Quadrat ausgewalzt. Aus diesen wird ein neues Paquet gebildet, und dieses nach erneutem Anwärmen zu einer Platte von 8 Fuß Länge, 4 1/2 Fuß Breite und 2 1/2 Zoll Dicke ausgewalzt. Jetzt folgt endlich die Schlußoperation. Man hat einen besonderen Schweißofen, mit sehr weiter Arbeitsthüre erbaut, in welchem nun ein Paquet von 4 solchen übereinanderliegenden Platten zur Schweißhitze erwärmt wird. Ist dieß geschehen, so öffnet man das Ausfuhrthor und packt das Paquet mit einer colossalen Zange, deren längere Schenkel an eine Kette befestigt werden, die über einen mächtigen Flaschenzug läuft. Gleichzeitig erhält der Maschinenwärter das Zeichen, die Walzwerkmaschine in Gang zu setzen.

Dem Zuge der Kette folgend, kommt die weißglühende Masse aus dem Ofen heraus, und legt sich auf einen niedrigen Wagen auf. Man entfernt dann rasch die Zange und Kette, und führt nun den Wagen mit der Platte möglichst rasch zu dem nahestehenden colossalen Walzwerke, indem zwei Reihen von Arbeitern an beiden Seiten die Platte mit Zangen anfassen. Sobald die Platte das Walzwerk passirt, wird die Maschine gebremst, und die Drehungsrichtung der Walzen umgesetzt, nachdem sie eine Kleinigkeit dichter zusammengestellt sind. Hierdurch umgeht man das Ueberheben der colossalen Last. Nachdem die Platte auf die passende Dicke gebracht, wird sie durch einen großen Krahn nach einer vollkommen ebenen Platte geführt, auf welcher sie niedergelegt und durch das Darüberrollen von 9 Tonnen schweren Walzen geebnet wird. Den Schluß bildet das Beschneiden der Kanten und Ecken, das Biegen und Lochen, ganz nach den Angaben des Schiffbauers. (London Illust. News; Wochenschrift des schlesischen Vereins für Berg- und Hüttenwesen, 1861, Nr. 50.)

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