Titel: Perkin, über die aus dem Steinkohlentheer abstammenden Farbstoffe.
Autor: Perkin, William H.
Fundstelle: 1862, Band 163, Nr. XCIV. (S. 372–383)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj163/ar163094

XCIV. Ueber die aus dem Steinkohlentheer abstammenden Farbstoffe; von W. H. Perkin.

Aus dem Quarterly Journal of the Chemical Society, vol. XV p. 3, durch die Zeitschrift für Chemie und Pharmacie, 1861 S. 700.

Die Producte des Theers, welche bis jetzt Farbstoffe geliefert haben, sind zahlreich. Die wichtigsten sind folgende:

Anilin und seine Homologen – Carbolsäure – Chinolin – Naphtalin – Pyrrolbasen.

Anilin wurde 1826 von Unverdorben dargestellt durch Digestion von Indigo mit Kalihydrat und Destillation des Productes. Später fand Zinin, daß Nitrobenzol durch Schwefelammonium zu Anilin reducirt wird. Die Methode, nach welcher die Basis gegenwärtig im Großen dargestellt wird, rührt von Béchamp her; sie besteht in der Reduction des Nitrobenzols mittelst essigsauren Eisens. Die aus Anilin darstellbaren Farbmaterialien sind zahlreich; wir erwähnen: Anilinpurpur – Violin – Rosein – Fuchsin – Alphaanilinpur – Bleu de Paris – Nitrazophenylin – Dinitranilin – Nitrophenylen-Diamin.

Anilinpurpur (Syn.: Tyrischer Purpur, Mauve dye [Malvafarbe] Phenamin, Indisin). – Da bezüglich der Geschichte der Entdeckung dieser Farbe oft sonderbare Angaben gemacht werden, so will ich kurz angeben, wie ich zuerst mit derselben bekannt wurde. Anfang 1856 versuchte ich künstliches Chinin dazustellen durch Einwirkung von Jodallyl auf Toluidin, und Oxydation des so gebildeten Allyl-Toluidins:

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2(C¹⁴H⁷, C⁶H⁵, H)N + O⁶ = C⁴⁰H²⁴N²O⁴ + H²O²
Allyltolnidin. Chinin.

Beim Vermischen des neutralen Sulfats der substituirten Base mit Kaliumbichromat wurde indessen statt des gehofften Chinins nur ein schmutzig rothbrauner Niederschlag erhalten. Als ich darauf, um die Reaction an einer einfacher zusammengesetzten Basis zu studiren, Anilinsulfat mit Kaliumbichromat behandelte, erhielt ich einen wenig versprechenden schwarzen Niederschlag, dessen nähere Untersuchung indessen auf die Entdeckung des Anilinpurpurs führte. Die Methode zur Darstellung dieses jetzt so vielfach angewandten Farbstoffes ist die folgende: Aequivalente Mengen von Anilinsulfat und Kaliumbichromat werden gemischt und stehen gelassen, bis die Reaction beendigt ist. Der erhaltene schwarze Niederschlag wird durch Waschen mit Wasser von allem Kaliumsulfat befreit, getrocknet, vollständig durch Digestion mit flüchtigem Steinkohlentheeröl (Naphta) ausgezogen und dann mit Alkohol wiederholt ausgekocht. Die alkoholische Lösung liefert bei der Destillation den Farbstoff als eine schöne bronze-farbige Substanz im Rückstand.

Etwa 9/10 des verwandten Anilins wird hierbei in ziemlich nutzlose Nebenproducte verwandelt. Eines derselben findet sich in dem Naphta-Auszug, und wird in Gestalt eines schwarzbraunen schmelzbaren Harzes erhalten. Dieses Harz ist löslich in Alkohol, Aether, Terpenthinöl und in Schwefelkohlenstoff. Wenn seine Lösungen in Kohlenwasserstoffen mit starken Säuren angesäuert und tüchtig geschüttelt werden, so wird es vollständig niedergeschlagen. Alkalien machen es wieder löslich. Die Substanz enthält etwa 10 Proc. Stickstoff. Mit wasserfreiem Zinnchlorid erhitzt, liefert sie keine Farbstoffe.

Ein anderes Nebenproduct bleibt beim Ausziehen des Anilinpurpurs mit Alkohol im Rückstand. Es enthält etwa 30 Proc. Chromoxyd. Es ist in den gewöhnlichen Lösungsmitteln, mit Ausnahme starker Säuren, unlöslich und auffallend leicht entzündlich. Man hat diese Substanz als schwarze Farbe und als Druckerschwärze nutzbar gemacht. Sie würde sich gewiß vorzüglich gut zur Darstellung von wasserfreiem Chromchlorid eignen.

Der nach dem beschriebenen Verfahren dargestellte Anilinpurpur ist zum Färben verwendbar, aber noch nicht chemisch rein. Behufs vollständigerer Reinigung wird er am besten in viel kochendem Wasser gelöst und aus der filtrirten Lösung mit einem Alkali gefällt. Der Niederschlag wird mit Wasser bis zur vollständigen Entfernung des Alkalis ausgewaschen und getrocknet. Man löst dann in absolutem Alkohol, und verdampft im Wasserbad zur Trockne.

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Der so erhaltene Anilinpurpur ist eine zerbrechliche Substanz von bronzefarbiger Oberfläche; dünne Schichten erscheinen in durchfallendem Lichte blau-violett.

Anilinpurpur ist schwer löslich in kaltem Wasser, obgleich er dieser Flüssigkeit eine tiefpurpurrothe Farbe mittheilt, er ist reichlicher löslich in heißem Wasser, die Lösung erstarrt beim Erkalten zu einer Gallerte. Der Farbstoff ist sehr löslich in Methyl- und Aethylalkohol, aber unlöslich in Aether und in Kohlenwasserstoffen. In Anilin löst er sich leicht. Er ist leichter in angesäuertem als in reinem Wasser löslich, Alkalien und Salze fällen die wässerigen Lösungen; Quecksilberchlorid bildet in denselben einen sehr fein vertheilten Niederschlag (wahrscheinlich eine Verbindung des Farbstoffes mit dem Salze), welcher, in Wasser vertheilt, eine im durchfallenden Lichte blau oder violett erscheinende Flüssigkeit liefert.

Eine kleine Menge Kali- oder Natronhydrat färbt die alkoholische Lösung des Farbstoffes violett, ohne denselben weiter zu verändern. Kochen mit alkoholischem Kali zersetzt ihn nicht.

Der Anilinpurpur löst sich in concentrirter Schwefelsäure mit schmutzig grüner Farbe, welche bei schwacher Verdünnung in ein schönes Blau übergeht; Verdünnen mit viel Wasser stellt die ursprüngliche Purpurfarbe wieder her. Anilinpurpur kann eine Stunde lang mit Nordhäuser Schwefelsäure auf 100° C. erhitzt werden, ohne Zersetzung zu erleiden. Salzsäure wirkt ebenso wie Schwefelsäure. Chlor sowohl als rauchende Salpetersäure bewirken Zersetzung. Zinnchlorid ist ohne Einwirkung. –

Gegen stark reducirende Agentien verhält sich der Farbstoff ähnlich wie Indigo. Eine alkoholische Lösung des ersteren, mit einer eben solchen von Schwefelammonium vermischt, gibt eine schwach braune Flüssigkeit, welche, der Luft ausgesetzt, sich wieder schön Purpurroth färbt. Eisenoxydul wirkt ähnlich wie Schwefelammonium, schweflige Säure verändert die Farbe der alkoholischen Lösung nicht.

Wenn eine wässerige Lösung des Purpurs mit einer solchen von Tannin vermischt wird, so scheidet sich eine in reinem Wasser unlösliche Verbindung beider Körper ab, die eine etwas mattere Farbe besitzt, als der freie Farbstoff. Dieselbe löst sich gleich dem letzteren in concentrirter Schwefelsäure, und wird durch Wasser wieder unverändert gefällt.

Feuchtes Bleisuperoxyd verwandelt den Anilinpurpur in das durch seine außerordentliche Färbekraft ausgezeichnete „Rosein.“

Violin. Dieser Farbstoff, ein Oxydationsproduct des Anilins, wurde zuerst von Price erhalten, welcher ihn folgendermaßen darstellte:

Eine wässerige Flüssigkeit, welche 2 Aequivalente Schwefelsäure und |375| 1 Aeq. Anilin enthält, wird zum Sieden erhitzt, mit 1 Aeq. Bleisuperoxyd vermischt, noch einige Zeit gekocht und heiß filtrirt. Das dunkel purpurfarbige Filtrat wird mit Kali gekocht so lange noch Anilin entweicht, der hierbei entstehende Niederschlag wird auf einem Filter gesammelt, etwas mit Wasser ausgewaschen und in verdünnter Weinsäurelösung aufgelöst. Diese Lösung wird filtrirt, auf ein geringes Volum eingedampft, nochmals filtrirt und dann mittelst eines Alkalis niedergeschlagen.

Das so erhaltene Violin stellt ein schwärzlich purpurfarbiges Pulver dar; nach dem Auflösen in Alkohol und Verdampfen zur Trockne erscheint es als eine brüchige bronzefarbige Masse, dem Anilinpurpur ähnlich, aber mit einem mehr kupferfarbigen Scheine. Es ist noch weniger löslich in Wasser als der Anilinpurpur, und gleich diesem unlöslich in Aether und in Kohlenwasserstoffen. Es ist leicht löslich in Alkohol. Seine Lösungen sind veilchenfarbig. Concentrirte Schwefelsäure löst es zu einer grünen Flüssigkeit, welche beim Verdünnen mit Wasser wieder die Farbe der Lösungen des unveränderten Violins annimmt.

Die Farbe des Violins wird, wie diejenige des Anilinpurpurs, durch Reductionsmittel zerstört und durch den Sauerstoff der Luft wieder hergestellt. Tannin vereinigt sich mit Violin zu einer unlöslichen Verbindung. Mit wenig Bleisuperoxyd behandelt, geht es in Anilinpurpur über; ein Ueberschuß dieses Reagens verwandelt es in Rosein.

Rosein begleitet den Anilinpurpur stets in geringer Menge. Das Rosein wurde von Greville Williams entdeckt, welcher es mit Hülfe mangansaurer Salze erhielt. Price bereitet es folgendermaßen: Man fügt zu einer kochenden Lösung von 1 Aeq. Anilinsulfat 2 Aeq. Bleisuperoxyd, kocht kurze Zeit, filtrirt die rosenrothe Flüssigkeit, verdampft das Filtrat zu einem kleinen Volum, filtrirt von dem ausgeschiedenen Harze ab, schlägt den Farbstoff mittelst eines Alkalis nieder, wäscht denselben ein wenig aus und trocknet ihn. Der Farbstoff löst sich leicht in Alkohol zu einer schön carminrothen Flüssigkeit, welche beim Verdampfen einen brüchigen dunkel gefärbten Rückstand mit schwachem metallischem Reflex läßt. Das Rosein löst sich viel leichter in Wasser als Anilinpurpur und Violin, aber es ist gleich diesen unlöslich in Kohlenwasserstoffen und leichter löslich in sauren als in neutralen Flüssigkeiten. Concentrirte Schwefelsäure löst es zu einer grünen Flüssigkeit, welche beim Verdünnen mit Wasser roth wird. Es bildet mit Tannin eine unlösliche Verbindung. Reductionsmittel entfärben seine Lösung, wenigstens theilweise.

Die drei eben beschriebenen Farbstoffe sind einander offenbar nahe |376| verwandt, ihre Eigenschaften weichen in der That nur wenig von einander ab. –

Fuchsin oder Magenta (oft uneigentlich Rosein genannt). Dieser Farbstoff weicht in seiner Entstehungsweise und in seinen Eigenschaften so sehr von den seither betrachteten ab, daß er offenbar zu einer anderen Reihe von Verbindungen gehört als diese. Das Fuchsin wurde zuerst von Natanson bemerkt, als er die Einwirkung des Aethylenchlorids auf Anilin studirte; später erhielt es Hofmann bei der Bereitung des Cyantriphenyl-Diamins durch Einwirkung von Zweifach-Chlorkohlenstoff auf Anilin. Hr. Verguin war, glaube ich, der erste, welcher es als Farbematerial anwandte und seine Darstellung im Großen lehrte. – Fuchsin kann erhalten werden durch Einwirkung reducirbarer Chlor-, Brom-, Jod- und Fluorverbindungen und schwacher Oxydationsmittel auf Anilin. Es bildet sich stets bei 170°–190 C. Bei der Bereitung im Großen werden gewöhnlich die Perchloride des Zinns und des Quecksilbers sowie die Nitrate des letzteren verwandt.

Darstellung des Fuchsins vermittelst Zinnchlorids. Wasserfreies Zinnchlorid wird unter beständigem Umrühren in kleinen Portionen zu einem Ueberschusse von Anilin zugefügt und die teigige Masse wird allmählich erhitzt, wobei sie sich verflüssigt und eine braune Farbe annimmt. Sobald die Flüssigkeit siedet, nimmt sie eine schwarze Farbe an, erscheint aber in dünnen Lagen gesättigt carminroth. Man erhält die Mischung einige Zeit auf der Siedetemperatur, und kocht sie dann mit viel Wasser tüchtig aus. Der Rückstand ist eine feste braune Masse, welche viel Zinn enthält, die Lösung enthält den Farbstoff neben viel salzsaurem Anilin. Man kocht das Filtrat zur vollkommenen Verflüchtigung des freien Anilins, welches sie enthalten mag, und sättigt dann mit Kochsalz. Das Fuchsin scheidet sich alsdann als eine halbfeste goldgrüne Masse ab, während salzsaures Anilin in Lösung bleibt. Der Farbstoff kann durch Digestion mit Benzol, welches ihm eine harzartige Substanz entzieht, gereinigt werden.

Darstellung des Fuchsins mittelst salpetersauren Quecksilberoxyduls. Dieses Salz bildet, mit Anilin zusammengestellt, nach einiger Zeit eine weiße teigige Masse. Wird diese vorsichtig auf 170 bis 180° C. erhitzt, so verwandelt sie sich in eine, erst braune, später dunkel carminrothe Flüssigkeit; der ganze Quecksilbergehalt des Salzes scheidet sich dabei als Metall ab. Das Product der Reaction bildet nach dem Erkalten eine halbfeste, mit Krystallen von salpetersaurem Anilin durchsetzte Masse. Zur Reindarstellung des Farbstoffes entfernt man erst das salpetersaure Anilin mit wenig kaltem Wasser, und kocht dann den |377| Rückstand wiederholt mit Wasser aus. Die filtrirten Laugen setzen beim Erkalten eine goldgrüne theerartige Substanz ab, welche man nur noch mittelst Benzols von einem beigemischten brennen Harze zu befreien hat, um das Fuchsin in festem Zustande zu gewinnen.

Die beiden so eben beschriebenen Processe können als Typen der meisten bis jetzt empfohlenen Darstellungsmethoden des Fuchsins gelten.

Das Fuchsin bildet frisch gefällt, eine rothe voluminöse Masse, welche zu einem purpurrothen Pulver eintrocknet. Es ist unlöslich in Aether und in Kohlenwasserstoffen, wenig löslich in Wasser, und ziemlich löslich in Alkohol. Mit Salzsäure schwach angesäuertes heißes Wasser löst es leicht; ein Ueberschuß von Salz- oder Schwefelsäure löst es zu einer braungelben Flüssigkeit, aus der es durch Ammoniak wieder unverändert abgeschieden wird. Hierdurch unterscheidet es sich vom Rosein, welches mit starker Schwefelsäure eine grüne Lösung gibt. Das Fuchsin hat einen entschieden basischen Charakter; bei der Darstellung desselben mittelst Zinnchlorids erhält man das salzsaure, bei Anwendung von Quecksilbernitrat das salpetersaure Salz. Ueberschüssig zugesetzte Alkalien schlagen das Fuchsin aus den Lösungen seiner Salze nieder, lösen aber zugleich eine beträchtliche Menge desselben zu farblosen Flüssigkeiten auf. Aus diesen kann der Farbstoff durch Sättigen derselben mit Essigsäure und Eindampfen wieder gewonnen werden.

Aus einer alkoholischen Lösung durch Eindampfen zur Trockne erhalten, erscheint das Fuchsin als eine brüchige Masse mit wunderschön goldgrünem metallischem Reflex.

Nach Analysen von Béchamp hat das Fuchsin die Formel C²⁴H¹²N²O². das salzsaure Salz ist: C²⁴H¹²N²O², HCl die Platinverbindung hat die Zusammensetzung: C²⁴H¹²N²O², HPtCl³. Die Gegenwart von Sauerstoff in einer Substanz, welche aus sauerstofffreiem Material erhalten werden kann, ist bemerkenswerth, und führt zu der Vermuthung, daß dieselbe ein Hydrat sey von der Zusammensetzung: C²⁴H¹⁰N² + H²O².

Diese Vermuthung wird einigermaßen bestätigt durch die Erfahrung, daß Jodanilin beim Erhitzen Fuchsin liefert:

2(C¹²(H⁶J)N) = C²⁴H¹⁰N² + 2JH
Jodanilin. Fuchsin.

Freilich ist es schwer einzusehen, warum das Fuchsinhydrat mit Salzsäure und selbst mit dieser und PtCl² sich ohne Elimination von Wasser vereinigt.

Die von Béchamp untersuchte Substanz scheint unkrystallisirbar gewesen zu seyn. Vor einiger Zeit hatte ich über 100 Gallons einer heißen wässerigen Lösung des mit Hülfe von Quecksilbernitrat bereiteten |378| Farbstoffes in Arbeit; diese Lösung setzte beim Erkalten bedeutende Mengen Fuchsin in Gestalt von kleinen Octaëdern ab.

Reductionsmittel entfärben Fuchsinlösungen; der atmosphärische Sauerstoff stellt ihre ursprüngliche Farbe wieder her. Wenn eine alkoholische Fuchsinlösung mit Schwefelammonium in Berührung gelassen wird, bis sie ganz (oder fast ganz) entfärbt ist, und dann der Luft ausgesetzt wird, so nimmt sie ihre Farbe sofort wieder an; hat jedoch die Mischung vorher mehrere Tage gestanden, so dauert es mehrere Stunden, bis die Farbe wieder erscheint. – Fuchsin färbt sehr intensiv.

Gerbstoff schlägt aus den Lösungen des Fuchsins und seiner Salze schwer lösliche Verbindungen nieder, Quecksilberchlorid fällt Doppelverbindungen.

Bei der Bereitung des Fuchsins mittelst Zinnchlorids oder Quecksilbernitrates, besonders im letzteren Falle, bilden sich neben diesem noch zwei Farbstoffe, ein orange- und ein purpurrother.

Der erstere wird durch Alkalien nicht gefällt, der letztere ist dem Fuchsin sehr ähnlich und schwer von diesem zu trennen.

Das Bleu de Paris entsteht unter ähnlichen Verhältnissen wie das Fuchsin. Persoz, de Luynes und Salvétat berichten Folgendes über seine Darstellung und Eigenschaften:

9 Gramme wasserfreies Zinnchlorid und 16 Gramme Anilin liefern nach 30stündigem Erhitzen auf 180° C. in einer zugeschmolzenen Röhre eine schön blaue Substanz. Dieses Blau widersteht der Einwirkung von Säuren, und wird durch Alkalien dunkler; concentrirte Lösungen der letzteren verändern dasselbe in Violett. Die Farbe zeigt auch bei künstlicher Beleuchtung ihr volles Feuer und besitzt auf thierische Fasern aufgetragen, einen Ton, dessen Schönheit nichts zu wünschen übrig läßt.

Der Farbstoff krystallisirt aus seiner alkoholischen Lösung in feinen Nadeln, welche dem ammoniakalischen Kupfersulfat ähnlich sehen. Er ist löslich in Wasser, Alkohol, Holzgeist und Essigsäure, unlöslich in Aether und Schwefelkohlenstoff. In concentrirter Schwefelsäure löst er sich mit Bernsteinfarbe, beim Verdünnen mit Wasser wird die Lösung prächtig blau. Chromsäure schlägt den Farbstoff aus seinen wässerigen Lösungen unzersetzt nieder. Chlor und starke Salpetersäure zersetzen ihn. Schweflige Säure und nach meiner Erfahrung auch Schwefelammonium entfärben die wässerigen Lösungen desselben nicht. Alkalien und Salze schlagen den Farbstoff aus seinen wässerigen Lösungen nieder.

Anilingrün oder Emeraldin entsteht bei Einwirkung von chlorsaurem Kalium oder Eisenchlorid auf eine salzsaure Lösung von Anilin als ein mattgrüner Niederschlag, der beim Trocknen olivengrün |379| wird. Säuren machen die Farbe des Anilingrüns feuriger, aber unglücklicherweise entsteht nach der Entfernung derselben der ursprüngliche matte Ton wieder. –

Nitrosophenylin C¹²H⁶N²O², erhalten durch Einwirkung von Wasserstoff im Entbindungsmoment auf Dinitrobenzol, könnte wohl als Farbmaterial Anwendung finden.

Das Dinitranilin C¹²H⁵(NO⁴)² N färbt Seide gelb. –

Das von Hofmann neuerdings untersuchte Nitrophenylendiamin färbt Seide sehr klar goldgelb.

Die Pikrinsäure oder Trinitrophenylsäure wurde vor etwa 5–6 Jahren von den Herren Guinon, Marnas und Bonney aus Lyon in die Färberei eingeführt. Die Säure wird im Großen gewöhnlich aus Carbolsäure oder aus gewissen Gummiharzen dargestellt. Ich habe mit gutem Erfolg die folgende Bereitungsmethode in Anwendung gebracht. Carbolsäure wird erst mit Salpetersäure behandelt, deren specifisches Gewicht < 1,3 ist, und dann mit stärkerer Säure gekocht, um die Umwandlung in Pikrinsäure zu vollenden. Beim Verdünnen der sauren Lösung fällt die Pikrinsäure nieder; sie kann durch Umkrystallisiren aus Wasser gereinigt werden.

Die bei diesem Processe entwickelten Dämpfe werden zweckmäßig mit Luft gemischt und in Carbolsäure eingeleitet, welche hierdurch theilweise in Nitro- und Dinitrophenylsäure verwandelt wird, Substanzen, welche mit einem geringeren Aufwand an Salpetersäure vollständig nitrirt werden können, als unveränderte Carbolsäure. –

Die von Runge 1834 entdeckte Rosolsäure 62) wurde vor Kurzem im Großen dargestellt und zum Bedrucken von Musselin angewandt. Soviel ich weiß, wurde das Magnesiumsalz mittelst Albumins fixirt. Ich glaube kaum, daß der Proceß jetzt noch angewandt wird, da man im Fuchsin eine weit schönere Farbe besitzt. Duppa und ich fanden bei unserer Untersuchung einiger Derivate der Essigsäure, daß beim Erhitzen von Phenylsäure mit Bromessigsäure auf 120° C. zwei Producte erhalten werden, von welchen das eine die Eigenschaften der Rosolsäure, das andere die der Brunolsäure besitzt. Wir beobachteten auch, daß eine Mischung von Jod und Phenylsäure, mit

C²H²O⁴, C⁴H⁴O⁴, C⁸H⁸O⁴, oder C¹⁰H¹⁰O⁴

erhitzt, Rosolsäure oder wenigstens eine dieser ähnliche Substanz liefert.

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Farbstoffe aus Chinolin.

Chinolin findet sich neben Lepidin, Cryptidin und anderen Basen in den basischen Oelen des Steinkohlentheers; es kann auch aus Cinchonin durch Destillation mit caustischen Alkalien erhalten werden. Der letztere Proceß scheint sich am besten für die Praxis zu eignen: er liefert 65 Proc. vom Gewicht des Cinchonins eines zur Bereitung von Farbmaterialien hinlänglich reinen Productes.

Chinolin liefert drei Farbstoffe, einen violetten, einen blauen und einen grünen, zu deren Darstellung Greville Williams folgende Anweisung gibt:

1 Gewichtstheil Chinolin und 1 1/2 Theile Jodamyl werden 10 Min. lang mit einander gekocht. Die Anfangs strohgelbe Lösung wird zuletzt rothbraun, und erstarrt beim Erkalten zu einer krystallinischen Masse. Man löst diese durch 10 Minuten langes Kochen mit etwa 6 Thl. Wasser, filtrirt und hält das Filtrat in einer emaillirten eisernen Schale eine Stunde lang in gelindem Sieden, wobei man das durch Verdampfen Verlorene von Zeit zu Zeit durch verdünntes Ammoniak (gleiche Vol. Ammoniakflüssigkeit von 0,88 und Wasser) ersetzt. Nach dem Erkalten hat sich fast die ganze Menge des Farbstoffes als eine harzartige Masse am Boden des Gefäßes abgeschieden. Das Harz löst sich leicht in Alkohol zu einer tief purpurblauen Flüssigkeit.

Wird ein reines Blau gewünscht, so ist das beschriebene Verfahren folgendermaßen abzuändern: Man erhitzt die wie oben erhaltene Lösung der durch Einwirkung von Chinolin auf Jodamyl erhaltenen Krystallmasse zum Sieden, und setzt innerhalb 15 Minuten nach und nach 3/4 Aeq. Kalihydrat (in Gestalt einer 20procentigen Kalihydratlösung) für je 1 Aeq. Jodamyl zu. Man filtrirt alsdann, kocht das Filtrat mit noch 1/4 Aeq. Kalihydrat, um einen beigemischten rothen Farbstoff als einen scheinbar schwarzen Niederschlag zu entfernen, und filtrirt abermals. Das Filtrat ist rein blau. Der schwarze Niederschlag liefert beim Behandeln mit Alkohol eine purpurfarbige Lösung, in welcher indessen das Roth vorwaltet, der Rückstand ist löslich in Benzol; die Lösung besitzt manchmal, aber nicht immer, eine herrlich smaragdgrüne Farbe.

Das Chinolinviolett und das Chinolinblau sind, wie mir scheint, chemisch identisch. Sie sind Basen und lösen sich in Säuren mit rother Farbe, die beim Zusatz von Ammoniak in Blau übergeht. Die Basen sind etwas löslich in heißem Wasser, die Lösungen werden durch Tannin gefällt. Reductionsmittel bringen keine Farbenänderung hervor.

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Greville Williams beschreibt ein „Chinolingrün“ als eine prachtvoll smaragdgrüne Farbe. Chlorgas verwandelt die Farbe einer alkoholischen Lösung von Chinolinblan in Grün; ich weiß aber nicht, ob Williams seine Farbe in dieser Weise bereitet. –

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(Bezüglich der Naphtalinfarben verweisen wir auf die Abhandlungen von Roussin, Jacquemin, Wildes und Scheurer-Kestner im Jahrgang 1861 des polytechn. Journals, da die Angaben des Verfassers wenig Neues enthalten.)

Das Azulin,“ ein sehr schönes blaues Farbmaterial, ist vor Kurzem von den Herren Guinon, Marnas und Bonney aus Lyon in den Handel gebracht worden. Die Farbe wird aus Steinkohlentheer gewonnen; die Bereitungsweise indessen wird von den Erfindern geheim gehalten.

Das Azulin ist ein amorpher Körper mit kupferfarbigem Reflex. Es ist sehr wenig löslich in Wasser, und leicht löslich in Alkohol. Die Farbe der letzteren Lösung ist herrlich blau mit einem Stich ins Rothe. Verdünnte Säuren verändern das Azulin nicht. Concentrirte Schwefelsäure löst es mit blaurother Farbe, beim Verdünnen mit Wasser wird es unverändert gefällt. Seine ammoniakalische Lösung wird durch Schwefelammonium nach und nach schwach gelbbraun gefärbt. Jod zerstört die blaue Farbe des Azulins.

Anwendung der Steinkohlentheerfarben zur Seide- und Wollefärberei.

Um Seide mit Anilinpurpur, Violin oder Rosein zu färben, vermischt man die alkoholische Lösung der Farbe mit ihrem achtfachen Volum heißen Wassers, das vorher mit Weinsäure angesäuert wurde, und gießt die Mischung in das aus angesäuertem kaltem Wasser bestehende Färbebad. Die Seide wird dann (ungeheizt) mit dem Bade in Berührung gelassen, bis sie den richtigen Ton angenommen hat. Wenn ein bläulicher Ton verlangt wird, so setzt man dem Bade etwas Indigoschwefelsäure zu, oder man grundirt mit Berlinerblau oder anderem Blau.

Das Färben der Seide mit Fuchsin, Pikrinsäure, Chinolinblau und Chinolinviolett ist noch einfacher; es geschieht einfach durch Eintauchen der Seide in kalte, wässerige Lösungen der Farbmaterialien. |382| Mit Fuchsin und Pikrinsäure kann etwas Säure angewandt werden, bei Anwendung der Chinolinfarbe ist dieß zu vermeiden.

Das Färben der Seide mit Azulin ist nicht ganz leicht. Der gewöhnlich befolgte Proceß besteht in Folgendem: 1) Eintauchen der Seide in eine Auflösung des Azulins in mit Schwefelsäure angesäuertem Wasser, bis die Farbe eine genügende Tiefe erlangt hat. 2) Erhitzen des Bades zum Sieden und abermaliges Einbringen der Seide. 3) Auswaschen der Seide mit Wasser bis zur Entfernung aller Säure. 4) Bearbeiten mit Seifenwasser. 5) Auswaschen und Schönen im Säurebad.

Um Wolle mit Anilinpurpur, Violin, Rosein, Fuchsin und den Chinolinfarben zu färben, taucht man dieselbe in eine verdünnte wässerige Lösung des Farbmaterials, welche vorher auf 50–60° C. erhitzt worden ist. Säuren sind wegzulassen.

Anwendung der Steinkohlentheerfarben zum Färben und Drucken von Baumwollenzeugen.

Der Anilinpurpur wird nicht nur von thierischen, sondern auch von vegetabilischen Fasern absorbirt. Im letzteren Falle widersteht indessen die Farbe der Einwirkung der Seife nicht.

Im Jahre 1857 entdeckten Hr. Puller aus Perth und ich gleichzeitig ein Verfahren, mittelst dessen vegetabilische Faserstoffe mit Anilinpurpur seifefest gefärbt werden können: Die Baumwolle wird 1–2 Stunden lang in ein Bad von Sumach, Galläpfeln oder einer anderen gerbstoffhaltigen Substanz eingetaucht, dann während einer Stunde in eine verdünnte Lösung von zinnsaurem Natron gebracht, ausgewunden, in ein Säurebad eingetaucht und endlich gewaschen. Die so vorbereitete Baumwolle ist schwach gelb gefärbt; sie entzieht einer angesäuerten wässerigen Lösung von Anilinpurpur den letzteren vollständig. Derselbe Proceß eignet sich auch für Rosein, Fuchsin, Violin und die Chinolinfarben.

Eine andere Methode, um Baumwolle dauerhaft mit Anilinpurpur zu färben, besteht im Beizen derselben mit einem basischen Bleisalze und darauffolgendem Eintauchen in eine heiße Seifenbrühe, welcher der Anilinpurpur zuvor beigemischt wurde.63)

Man kann die Baumwolle auch dadurch mit Anilinpurpur färben, daß man dieselbe durch Eintauchen in Albumin und darauffolgendes Dämpfen mit diesem Stoffe überzieht, und sie alsdann wie thierische Faser behandelt. –

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Das Bedrucken von Calico mit Theerfarben geschieht gewöhnlich einfach durch Auftragen einer Mischung der betreffenden Farbe mit Albumin oder Lactarin, und Fixiren durch Dämpfen.

Vor Kurzem ist das folgende Verfahren in Anwendung gekommen: Der Zeug wird mit zinnsaurem Natron gebeizt, mit Tannin bedruckt und dann in eine heiße verdünnte und angesäuerte Lösung des Farbstoffes getaucht. Hierbei färben sich die mit Tannin bedruckten Stellen stark, die übrigen nur schwach. Die letzteren werden in der bekannten Weise entfärbt. Beim Aufdrucken von Chinolinfarben ist die Anwendung von Säuren zu vermeiden.

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Von den zahlreichen aus Steinkohlentheer abstammenden Farbstoffen werden gegenwärtig nur vier im Großen angewandt: der Anilinpurpur, das Fuchsin, die Pikrinsäure und das Azulin; ich glaube indessen, daß einige andere, wie z.B. das Bleu de Paris bald ihren Weg in die Praxis finden werden. Das Nytrophenylendiamin könnte in der Seidenfärberei Anwendung finden: seine Farbe ist schön und widersteht dem Licht gut.

Die schönen Chinolinfarben sind leider sehr vergänglich; vor einiger Zeit wurden bedeutende Mengen Seide mit denselben gefärbt; jetzt geschieht dieß nicht mehr, da man gefunden hat, das die Zeuge durch zwei- bis dreistündige Einwirkung des Sonnenlichts gebleicht werden. –

Anilinpurpur widersteht dem Lichte sehr gut. Fuchsin und Alphaanilinpurpur blassen schnell ab, besonders auf Baumwolle. Azulin und Bleu de Paris halten auf Seide die Einwirkung des Lichtes sehr gut aus.

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Tschelnitz im polytechn. Journal Bd. CXLIV S. 467.

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Hinsichtlich dieses, seinem Zweck nicht entsprechenden Verfahrens verweisen wir auf die im polytechn. Journal Bd. CLVI S. 153 mitgetheilten Versuche. A. d. Red.

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