Titel: Ueber die Zahl der einfachen telegraphischen Zeichen, welche man in einer Minute auf dem Morse'schen Apparat geben kann; von C. M. Guillemin in Paris.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1862, Band 163/Miszelle 7 (S. 157–158)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj163/mi163mi02_7

Ueber die Zahl der einfachen telegraphischen Zeichen, welche man in einer Minute auf dem Morse'schen Apparat geben kann; von C. M. Guillemin in Paris.

Die Ergebnisse der von dem Verf. in Paris angestellten Versuche folgen zum großen Theil den Gesetzen über die Dauer der Entladung, welche der Verf. seit 1854 aufgestellt und bestätigt hat.

Bei dem Morse'schen System erfordert ein Buchstabe im Mittel drei elektrische Ströme, da die Buchstaben aus 1 bis 4 (é sogar aus 5) einfachen Zeichen zusammengesetzt werden. Der Verf. wendete zum Telegraphiren einen kleinen automatischen Zeichengeber an, welcher nur die Worte „France“ und „Paris“ gab; diese Worte bestehen das erstere aus 6 Strichen und 9 Punkten, das letztere aus 4 Strichen und 10 Punkten und können nach dem Morse'schen Alphabet als Mittel der französischen Worte gelten. Auf einem Drahte von 570 Kilometer Länge gab der Verf. diese beiden Worte 30 Mal in 1 Minute; der Draht ging von Paris nach Le Mans und Lisieux, und seine beiden Enden waren im Centralbureau in Paris getrennt zur Erde geführt, so daß der Verf. zugleich telegraphiren und aufnehmen konnte. Am 27. Januar konnte der Verf. bei starkem Regen (wobei nur 1/7 des ganzen Stroms am Ende der Linie ankam) auf demselben Drahte die beiden Worte bequem 20 Mal geben, also 40 Worte in 1 Minute. Um dem Einwurfe der Rückkehr des Stroms in der Erde zu entgehen, wurden ähnliche Versuche auf der etwa 360 Kilometer langen Linie von Paris nach Nancy gemacht; in jeder dieser beiden Städte war eine Erdleitung; der Verf. telegraphirte in Paris, und Emil Burnouf nahm in Nancy auf, auf einem für große Entfernungen von Digney gefertigten Morse'schen Apparat, welcher 4 Meter Papierstreifen in 1 Minute abrollte. Am 20. und 23. August wurden bei schönem Wetter allmählich von 36 bis 60 Worte in der Minute telegraphirt; ja selbst bei 72 Worten ging es noch erträglich. Wurden bloß Punkte telegraphirt, so konnten deren 40 in der Secunde, in der Minute also 2400 gegeben werden.

Am 30. August arbeitete der Verf. auf einem nach Havre gehenden 450 Kilometer langen Drahte mit 30 kleinen Bunsen'schen Elementen, und gab 75 Worte in der Minute. Verband er diesen Draht von 450 Kilometer mit jenem von 570 Kilometer zu einem einzigen Schließungskreis von 1020 Kilometer (136 deutsche Meilen), so erhielt er 30 bis 36 Worte in der Secunde, mußte aber die Bunsen'schen Elemente bis auf 100 vermehren.

Der Zeichengeber bestand aus vier Messingrädern von 25 Centimeter Umfang; alle vier saßen auf derselben Achse, das erste gab die Punkte, das zweite die Striche, die beiden andern entluden den Draht nach jedem gegebenen einfachen Zeichen. Die den Contact herstellenden Metallflächen hatten bei diesem Apparat die Gestalt eines Trapezes mit zwei rechten Winkeln, wobei die an diesen Winkeln liegende Seite der Achse des Apparats parallel lag. Vier Federn drückten schleifend gegen die Oberfläche dieser Räder, und stellten die Contacte her, deren Dauer bei derselben Umdrehungsgeschwindigkeit um so kleiner wurde, je mehr man die Federn von der breiten Seite der trapezförmigen metallenen Contactflächen nach der schmalen Seite hinschob. Auf diese Weise konnte man nach Belieben das Verhältniß zwischen der Dauer der Contacte und der zwischen zwei Contacten verfließenden Zeit abändern.

Auf derselben Linie ändert sich das die schnellste Beförderung der Zeichen gebende Verhältniß nach der Isolirung der Linie: es ist kleiner bei guter Isolirung, größer bei bedeutendem Stromverlust. Gestattet der Apparat eine Veränderung dieses Verhältnisses, so gelangt man stets (doch auch nur in diesem Falle) zu einer merklich großen Geschwindigkeit |158| der Beförderung. Bei schönem Wetter und guter Isolirung des 570 Kilometer langen Drahtes konnte man ohne Anwendung der Entladung höchstens 36 Worte in der Minute befördern. Setzte man die Entladungsräder in Thätigkeit, so konnte die Zahl der Worte leicht auf 60 gesteigert werden. Bei Regenwetter oder bei schlechter Isolirung verliert der Draht von selbst seine elektrische Ladung und die Entladungsräder hören auf nothwendig zu seyn; aber man muß eine reichlicher fließende Quelle der Elektricität anwenden; dennoch ist die Beförderung weder so sicher, noch so schnell als im ersten Falle. Bei feuchtem Wetter und großem Verluste durch Ableitung reicht die Daniell'sche Batterie nicht mehr zu schneller Beförderung aus, man muß Bunsen'sche Elemente nehmen mit 1 Quadratdecimeter Oberfläche des Zinks. Bei gleicher Stromstärke telegraphirt es sich mit der Bunsen'schen Batterie besser als mit der Daniell'schen, selbst bei ausreichend guter Isolirung des Drahtes. Die Versuche des Verf. über die Fortpflanzung der Elektricität zeigen, daß in gegebener Zeit der Strom am Ende des Leitungsdrahtes im ersten Falle schneller als im zweiten eine bestimmte Intensität erlangte. Die Geschwindigkeit, mit welcher die Telegraphisten arbeiten, läßt sich zu 12 bis 25 Worten in der Minuten annehmen; die von 75 Worten ist also etwa sechsmal so groß.31) (Comptes rendus, t. LIII p. 412; polytechnisches Centralblatt, 1861 S. 1589.)

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Bei einer neulich zwischen London und Taganrog statthabenden directen Correspondenz wurden in 1 Minute 8 Worte gegeben; die Linie geht über Haag, Berlin, Warschau, Odessa, und hat eine Länge von 430 deutschen Meilen.

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