Titel: Die Eisengießerei und Locomotivenfabrik von A. Borsig in Berlin; von E. F. Dürre.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1862, Band 163/Miszelle 1 (S. 232–235)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj163/mi163mi03_1

Die Eisengießerei und Locomotivenfabrik von A. Borsig in Berlin; von E. F. Dürre.

1) Eisengießerei und Locomotivenfabrik, Chausseestraße 1.

Diese meisterhaft eingerichtete Werkstätte, welche überdieß auch gleich der nachher zu schildernden Schwesteranstalt zu Moabit einer ausgezeichneten Leitung sich erfreut, liefert die Gußwaaren zu den Locomotiven, Tendern und anderen Fabrikationsobjecten der zugehörigen Maschinenwerkstätte und nur ausnahmsweise Bauguß zu eigenem und fremdem Bedarf. Die Walzen und andere Inventarienstücke für das große Puddel- und Walzwerk desselben Besitzers in Moabit werden hier nur dann fabricirt, wenn die Moabitter Gießerei still steht, oder mit anderen Bestellungen wohl versehen ist. Es ist demnach einleuchtend, daß bei der großen Sorgfalt, die im Bau von Locomotiven walten muß, die Auswahl geeigneter und vorzüglicher Betriebsmaterialien, so wie die stete Ueberwachung und Anleitung der Arbeiter ein Hauptaugenmerk der Verwaltung bilden müssen.

Dieser imperatorischen Rücksicht ist es auch zuzuschreiben, daß bei der Ausführung der diversen Artikel man namentlich die Qualität der zu verwendenden Roheisensorten und ihre zweckentsprechendste Gattirung in Erwägung zieht. Man trifft deßhalb auch in keiner anderen Berliner Gießerei einen so gut assortirten Roheisenvorrath an, wie hier, und die Wahrheit dieser Behauptung erhellt von selbst aus nachstehenden Angaben.

Verwendet werden gegenwärtig:

Schwedisches Holzkohlenroheisen von hellgrauem, dunkel geflecktem, feingefügigem Bruch. Schlesisches Holzkohlenroheisen von einigen Werken im Lublinitzer Kreise, bei kaltem Wind und fast nur aus Thoneisensteinen erblasen. Schlesisches Kohksroheisen, theils von dem oberschlesischen Revier (Tarnowitzer Hütte u.a.), theils von der Vorwärtshütte bei Waldenburg. Die Hauptmasse des verwendeten Roheisens wird aus Schottland bezogen, doch findet man nur die besten Nummern. Das gesuchteste ist Lang Loan I. und Derwent, Forth etc.

Der in den Blüthejahren des Maschinenbaues und Hüttenbetriebes gefaßte Beschluß, auf den Ankauf bedeutender Erzfelder in Oberschlesien einen bedeutenden Kohkshohofenbetrieb in der Nähe von Zabrze zu gründen, woselbst eine dem Besitzer gehörende Steinkohlengrube das zu einem solchen Unternehmen nothwendige Brennmaterial geliefert haben würde, ist nicht zur Ausführung gekommen.

Es sollten 4 Hohöfen gebaut werden, um bei einer durchschnittlichen Wochenproduction von 1000 Ctrn., 200,000 Ctr. Roheisen jährlich zu beschaffen. Wenn auch dieser Plan mehr im Interesse des Puddelwerkes aufgefaßt worden war, so hätte seine Ausführung doch auch dem Gießereibetriebe nützlich werden können.

Die Cupolöfen werden mit englischen Kohks, die Flammöfen und Dampfkessel mit englischen Steinkohlen gefeuert, da leider in Berlin die Preise der inländischen Rohstoffe durch die künstlich geschraubten Tarifsätze der Eisenbahnen noch zu hoch sind, um nicht die Verwendung englischer Rohstoffe im Interesse jedes Betriebes zu gebieten. Die Preise derselben gestalten sich, wie bei der Königlichen Eisengießerei.

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Das Detail des Betriebes anbetreffend, so ist hier vor Allem die ausgezeichnete Disposition der Gießhütte und ihrer einzelnen Theile hervorzuheben. In der Form eines lateinischen T im Grundriß erscheinend, besteht die Werkstatt aus drei gleich langen Flügeln, von denen zwei gegenseitig ihre Verlängerung bilden, und der dritte rechtwinklig darauf steht. Die einspringenden Winkel sind zu breiten Flügelthoren abgestumpft. Der vorspringende Flügel wird durch einen eleganten achteckigen Glockenthurm mit der Schichtenglocke und Hauptuhr flankirt, und an seinem Fuße ist ein hübscher Brunnen angebracht. In dem Thurme befindet sich die Modellkammer und darüber das Bureau des Obermeisters.

Symmetrisch gestellt, dem Vorderflügel gegenüber und an der langen Rückwand der beiden Seitenflügel erscheinen zwei gleich große Cupolöfen von nicht besonders eigenthümlicher Construction. Sie mögen jeder 30–40 Ctr. fassen und erhalten die Gebläseluft von einem in der Nähe angebrachten Ventilator mit radialen Flügeln, den die Hauptbetriebsmaschine der hinter der Gießerei liegenden Bohr- und Drehwerkstatt umtreibt. In dem Anbau der beiden vereinigt befindet sich außer der Maschine noch die Aufgebekammer der Oefen.

Von den Cupolöfen aus kann man sämmtliche Flügel der Hütte bequem übersehen, und es sind die Arbeiter so disponirt, daß in dem linken Flügel, wo auch die wenig thätigen Flammöfen sich befinden, die Lehmförmer, im rechten Flügel und in der Nähe der Oefen die Masseförmer arbeiten.

Der übrige Raum ist durch die Sandförmer besetzt.

Der Cupolofenbetrieb ist der nämliche, wie er weiter unten bei der Moabiter Anstalt zur Besprechung kommt, und es gelten dafür die dort gemachten Angaben.

Die Bemannung der Eisengießerei besteht unter der Leitung eines Obermeisters aus 42 Förmern, die zu ihrer Aushülfe noch circa 20 Lehrlinge mit 1 1/2 bis 2 Thlr. Wochenverdienst haben. 2–3 Förmer mit einem Burschen arbeiten zusammen, und haben ihr eigenes Arbeitsconto.

Zu der Aushülfe an den Krahnen etc. sind 15 Tagelöhner engagirt. Die Oefen werden von 2 Schmelzern mit mehreren Aufgebern und Aufläufen: bedient, und außerdem arbeiten für den Bedarf der Gießerei noch 3 Schlosser und Schmiede, 1 Zimmermann und der Modelltischlermeister. Alle diese Arbeiter stehen unter dem Obermeister, der mit denselben in privatem Accord steht, und der Centralverwaltung gegenüber die Gießerei allein zu repräsentiren hat. Ehe wir von dieser musterhaften Anlage zu einer noch verwandten übergehen, sey uns gestattet, als Beleg für die ausgezeichnete Leistung derselben (auch im Bauguß) der im November 1860 angefangenen und abgewickelten Bestellung von Tragegitterbögen für die kolossalen Säle der neuen Kaufmannsbörse in Berlin Erwähnung zu thun, die bei nur geringer Eisenstärke einem doppelten Zweck genügen, als Träger vergoldeter Ornamente sich nicht werfen und als bauliche Factoren nicht brechen dürfen.

Es charakterisirt die Lage der Industrie, wenn eine sonst den Markt dominirende Fabrik zu solchem Ersatz mangelnder Thätigkeit greifen muß.

2) Eisengießerei und Maschinenfabrik in Moabit, Brückenstraße.

Diese von der in Berlin selbst belegenen, getrennte Fabrik besteht aus Eisengießerei, Maschinenbauanstalt nebst einer bedeutenden Kesselschmiede. Es werden hier gewöhnlich alle diejenigen der Firma zulaufenden Bestellungen abgewickelt, die nicht zum Eisenbahnbedarf gehören. In Ausnahmsfällen nur leidet diese Maxime Abänderungen. Daher kommt es, daß der gröberen Gegenstände wegen, deren Gewicht oftmals 150 bis 200 Ctr. erreicht, bei Anlage der Gießerei auf passende Vorrichtungen Rücksicht genommen werden mußte. Obgleich daher hier die Fabrication keinen größeren Umfang erreicht, als bei der Berliner Anstalt im gewöhnlichen Betriebe der Fall ist, so findet man die Moabiter Gießerei mit einer größeren Anzahl von Oefen ausgestattet. Die Fabricationsmethode ist an sich auch weniger sorgfältig, und deßhalb eine geringere Auswahl von Rohstoffen vorzufinden. Man verwendet vorzugsweise:

Schottisches und englisches Roheisen besserer Nummern, daneben schlesisches Kohksroheisen von Barbarahütte bei Neurode; Holzkohlenroheisen von Miotek u.a. O. wird nur ausnahmsweise zugesetzt und deßhalb in geringeren Posten vorräthig gehalten.

Die Nähe des Walzwerks ermöglicht die leichte Umschmelzung alter Baugußwaaren, und man verbessert mit Hilfe dieses sich ausgezeichnet verhaltenden, zweimal geschmolzenen Eisens die Qualität der gewöhnlichen Beschickung wesentlich.

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Der Beschickungsmodus ist folgender:

2 1/2 Ctr. Eisen werden von einem 2–3 Kubikfuß haltenden Maaß Kohks getragen und dazu, aber nur bei anhaltendem Betriebe des Cupolofens, nach je 10 Ctrn. Roheisen, also 4 Gichten, eine Schaufel Kalk ad libitum zugesetzt. Wenn Hartwalzen gegossen werden sollen, giebt man dem gewöhnlichen Satz eine Beimischung von Roheisen-Bohr- und Drehspänen neben schlesischem Holzkohlenroheisen.

Das bei der Förmerei im Ganzen beschäftigte Personal beläuft sich auf pptr. 70 Mann, die bei schwierigen und zeitraubenden Artikeln, wie sie zur Zeit vorlagen, eine zwischen 100 und 180 Ctr. variirende tägliche Fabrication liefern.

Es ist unter den jetzt im Allgemeinen obwaltenden Umständen dieses Verhältniß noch ein günstiges, und hoffte man auch pro 1860 die vorjährige Production bedeutend zu übertreffen und ein Quantum von 46,000 Centnern zu erreichen.

Unter den namhafteren Bestellungen des Jahres 1860 mag Erwähnung geschehen: 1) der vollständigen Einrichtung einer Zuckersiederei bei Halle, hauptsächlich in Anfertigung der nothwendigen Baugußwaaren und Röhrentouren bestehend. Bei dieser Veranlassung wurden mit den dazu benöthigten Balken Tragfähigkeitsversuche angestellt, die außerordentlich günstig ausfielen, indem sich erst bei einer Belastung von 1000 Ctrn. Brucherscheinungen zeigten, während die geforderte Leistung im Maximum nur 150 Ctr. Belastung betrug. Die Preise der ganzen Einrichtung berechneten sich laut Contract auf 3 Thlr. 15 Sgr. loco Halle, doch hatte die Fabrik auch die Montage mit übernommen und soll ohne Schaden gearbeitet haben;

2) ist bemerkenswerth die nach Odessa gelieferte, von Scholl construirte Einrichtung zu 6 Dampfölmühlen, bei welchen die Anfertigung der complicirten, mit Dampfheizung und deßwegen mit doppelten Wänden und Böden von außerordentlicher Stärke versehenen Preßcylinder und Mahltröge bedeutende Schwierigkeiten machte, da es unmöglich war, trotz der knapp zugemessenen Lieferungszeit dieselben anders als im Lehmguß auszuführen.39)

3) Einer der delicatesten Aufträge, und auch im letzten Jahre oftmals vorgekommen, ist die Anfertigung der Eisenconstruction großer eleganter Treibhäuser; dieselben sind nach dem berühmten Mustertreibhause des Fabrikherrn an seiner Villa und oft noch luxuriöser eingerichtet, und sind dergleichen namentlich nach Rußland und Skandinavien gegangen.

Zum Gießereibetrieb sind vorhanden:

3 Cupolöfen und 1 Flammofen; letzteren wendet man indeß nur als Aushülfe bei sehr großen Stücken an, an deren Homogenität in Bezug auf die innere Beschaffenheit zugleich weniger Ansprüche gerichtet werden; ferner, um Walzen- und andere Gußköpfe, so wie groben Ausschuß einzuschmelzen.

Es mag hierbei bemerkt werden, daß man auf den Berliner Eisengießereien wenig und nur ungern den Flammofenbetrieb anwendet; wohl weil sofort und bei der nächsten Prüfung und Bearbeitung durch die Maschinenconstructeure, die Ungleichartigkeit und das Unsichere in der Brauchbarkeit Veranlassung zur Verwerfung des Stückes geben würden.

Zum Betriebe der Cupolöfen wird von einer sechspferdigen Dampfmaschine ein sehr einfach construirter Ventilator umgetrieben, und es liefert derselbe bei 2000 Umdrehungen außerdem noch den Wind zu einer kleinen Dampfhammerschmiede mit 2 Feuern. Diese außerordentlichen Leistungen rechtfertigen ein näheres Eingehen auf Constructionsverhältnisse und Anordnung dieses Apparates, der an die Stelle eines der bekannten und so hochgepriesenen Schwartzkopf'schen Ventilatoren trat, weil die Schmierung des letzteren einen bis auf 6 Pfd. täglich gesteigerten Oelverbrauch und dabei dennoch häufiges Trockenlaufen und Brennen der Zapfen hervorrief. Ein auf einer 1 1/2 Zoll starken Gußstahlachse aufgetriebenes, aus einem Stück geschmiedetes Armkreutz trägt 4 schiefstehende Sförmig gebogene Flügel, deren Mittel von der Achse um circa 15 Zoll abstehen. Der Durchmesser des umgebenden Gehäuses beträgt 3 Fuß.

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Dieser Ventilator geht bereits ein Jahr ohne eine andere Reparatur, als daß, anstatt der ursprünglich 1 Zoll starken Achse, die 1 1/2 Zoll starke eingelegt worden ist, und verbrauchte das halbe Quantum Schmieröl des vorgedachten Apparats.

Was nun Localität und Disposition der Werkstätte anbetrifft, so ist anzumerken, daß in der Mitte der Langseite der rectangulären Gießhütte die Cupolöfen und die Flammöfen liegen, und daß an der einen Schmalseite die Darrkammern ihren Platz erhalten haben (worunter eine sehr hohe, für die Ständerformen häufig vorkommende Säulenmaschine), an der anderen die Verbindung mit den Bearbeitungswerkstätten stattfindet. Die vierte Seite öffnet sich auf den Hof, und an dieselbe stoßen im rechten Winkel Putzerwerkstätten und Wagehaus an. Der Hof selbst mündet auf die vorüberfließende Spree und an den Abladekrahn des Landungsplatzes werden die zu Wasser ankommenden Betriebsmaterialien vermittelst directer Schienengeleise auf das Einfachste den Werkstätten zugeführt. (Berg- und hüttenmännische Zeitung, 1862, Nr, 3.)

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Die Lehmförmerei leistet hier Ausgezeichnetes, und es ist vorgekommen, daß bei einem Blasecylinder von pptr. 100 Ctr. Gewicht der Einlaßventilkasten, der sonst getrennt gegossen zu werden pflegt, mit dem Cylinder in einem Stück geliefert wurde, um es der Egell'schen Fabrik zuvor zu thun, die die nämliche Bestellung erhalten, aber nach dem hergebrachten Darstellungsmodus verfahren war.

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