Titel: Telegraphenstangen aus alten eisernen Locomotivsiederöhren; von Edm. Heusinger von Waldegg in Hannover.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1862, Band 163/Miszelle 2 (S. 235–236)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj163/mi163mi03_2

Telegraphenstangen aus alten eisernen Locomotivsiederöhren; von Edm. Heusinger von Waldegg in Hannover.

Hölzerne Tragstangen sind einer schnellen Fäulniß unterworfen; sie halten kaum 6 Jahre; die häufige Auswechselung derselben ist nicht allein kostspielig, sondern auch für den Betrieb der Telegraphen lästig und störend; in der Periode, wo sie stark angefault sind, brechen sie durch Windstöße leicht ab, können dabei auf das Bahngleis fallen und so den Bahnbetrieb gefährden. Zur Vermeidung dieser Nachtheile hatte die schweizerische Centralbahn bereits im Jahre 1857 auf einer 14,400 Meter langen Strecke zwischen Sissach und Olten eiserne Tragstangen aus 10 Fuß hohen, 2 Zoll breiten, rechteckigen und gleichschenkeligen Winkeleisen herstellen lassen; jede Stange wiegt 42,36 Zollpfund; die Isolatoren sind daran theils auf dem Kopf der Stangen durch angenietete schmiedeeiserne Spitzträger, theils an der Seite durch ebenfalls angenietete Winkelträger von 5 Zoll Abstand angebracht. Die Entfernung der Stangen ist 100, 150 oder 200 Fuß, je nachdem der Krümmungsradius unter 2500, über 2500 oder über 4000 Fuß beträgt. Die Stangen sind mit Cement in solide, wetterfeste Kalksteinquader von 2 Fuß 5 Zoll Länge, 1 Fuß 2 Zoll Breite und Dicke eingelassen. Eine genaue Abbildung und Beschreibung dieser Tragstangen enthält die Eisenbahnzeitung 1857.

Viel einfacher, zweckmäßiger und billiger verwendet man alte, unbrauchbar gewordene eiserne Siederöhren von Locomotiven. Die alten Siederöhren von 1 3/4 bis 2 Zoll Durchmesser werden von dem außen daran haftenden Kesselstein gereinigt, auf 9 bis 10 Fuß Länge an den Enden gerade abgeschnitten, von außen getheert und in dem obigen Quader mit Cement oder Schwefel festgegossen. Obenauf wird in die Höhlung der Stange ein gußeiserner Spitzträger mit seinem unteren 4 bis 5 Zoll langen Zapfen eingesteckt, welcher genau die Stärke der lichten Rohrweite hat und am Ende etwas zugespitzt ist, um leichter aufgesteckt werden zu können; an der oberen 2 1/4 Zoll starken Spitze trägt er in üblicher Weise den Isolator; sollen mehrere Isolatoren für 3 bis 5 Drahtleitungen an der Stange angebracht werden, so werden einfache oder doppelte schmiedeeiserne Winkelträger (aus 1/2 Zoll starkem Rundeisen) von beiden Seiten an den Spitzträger mittelst zwei Nieten angenietet. Diese höchst einfachen hohlen Telegraphenstangen haben vor den aus Winkeleisen gefertigten den großen Vortheil, daß sie aus einem Material, welches bisher fast gar keinen Werth oder höchstens den von altem Schmelzeisen hatte, gefertigt werden, und die ersten Herstellungskosten fast nicht höher als die von hölzernen Stangen sind; auch sind sie eben so solid und steif, wie die Telegraphenstangen aus Winkeleisen. Außerdem können bei diesen Röhrenstangen Reparaturen der Drahtleitung leichter und ohne Beihülfe einer Stellleiter vorgenommen werden, indem man mittelst einer Gabelstange die Tragstützen mit den Isolatoren leicht aus der Oeffnung des Rohres abheben und wieder aufstecken kann.

Die Kosten der Herstellung und 24jährigen Unterhaltung einer Leitung von der Länge einer Stunde (4800 Meter) bei hölzernen Tragstangen (80 auf 1 Stunde) betragen 3850 Francs, wobei alle 6 Jahre neue Stangen gesetzt und 5 Proc. Zinsen gerechnet wurden. Winkeleisenstangen mit Steinquadern (100 auf 1 Stunde) kosten auf |236| 24 Jahre unter denselben Bedingungen 3454 Francs. Stangen aus Siederöhren (ebenfalls 100 auf 1 Stunde) mit Quadern kosten auf 24 Jahre nur 2000 Francs.

An Wegübergängen setzt man in schwerere Quadersteine 6 bis 7 Fuß lange gußeiserne Röhren von 2 Zoll lichter Weite und 1/4 Zoll Wandstärke, und gießt sie mit Schwefel oder Blei fest; diese Gußröhren haben 1/4 Zoll starke, am Fuße etwas breitere kreuzweise Längsrippen; oben enden sie in einem 6 Zoll langen Zapfen von der Stärke der lichten Rohrweite; über diesem Zapfen wird das Siederohr aufgesteckt und mittelst zweier kreuzweise durchgehenden Nieten befestigt.

Schon 1858 wurden längs der Eisenbahn von Weißenfels nach Gera schmiedeeiserne Röhren auf starken, 6 Fuß hohen Sandsteinsockeln als Telegraphenstangen benutzt und haben sich gut bewährt; die von dem Verfasser vorgeschlagenen Spitz- und Winkelträger sind einfacher und zweckmäßiger als das Durchbohren der Röhren und die Befestigung der Isolatorstützen durch Schrauben; auch die rauhen Quader sind bedeutend billiger als 6 Fuß lange Sandsteinsockel. (Zeitung des Vereins deutscher Eisenbahn-Verwaltungen, 1861, Nr. 28.)

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