Titel: Ueber die Natur der Gährung, von L. Pasteur.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1862, Band 163/Miszelle 12 (S. 319–320)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj163/mi163mi04_12

Ueber die Natur der Gährung, von L. Pasteur.

Das Buttersäureferment ist vom Verfasser als ein organisirtes Wesen von der Art der Vibrionen erkannt worden. Diese leben, so viel bis jetzt beobachtet worden ist, indem |320| sie Sauerstoff aufnehmen und Kohlensäure abgeben. Eben so ist es nach des Verf. Versuchen mit den Mucedineen, Torulaceen und dem Schimmel. Diese kleinen Pflanzen brauchen Sauerstoff eben so nothwendig als die gewöhnlichen Infusorien, und sie spielen dabei nicht die Rolle eines Ferments, d.h. das Quantum des durch jenen chemischen Proceß veränderten und von ihnen assimilirten Nahrungsmittels entspricht dem Gewicht ihres umgeänderten Gewebes. Anders verhält sich die Sache bei den Vibrionen der Buttersäuregährung. Diese leben einerseits ohne freien Sauerstoff und sind andererseits Ferment. Es fragt sich, hängen diese beiden Erscheinungen nicht nahe zusammen? Folgendes sind die in Bezug darauf angestellten Versuche.

In einen Ballon von 1/4 Liter wurden 100 Kub. Cent. Zuckerwasser, mit Eiweißstoffen vermischt, eingeführt, der Hals ausgezogen, unter Quecksilber abgesperrt, ausgekocht und dann mit ein wenig frischer Bierhefe versetzt, ohne daß Luft eindrang. Die Hefekügelchen vermehrten sich nur wenig, dagegen wurden durch 1 Theil derselben zwischen 60 und 100 Theilen Zucker in Gährung zersetzt.

Eben solches Zuckerwasser wie vorher wurde in einer flachen Schale in dünner Schicht mit etwas Bierhefe der freien Luft ausgesetzt. Die Vermehrung der Hefekügelchen geschah hierbei sehr rapide, aber ihr Gährungsvermögen war dabei fast vollständig verschwunden; denn 1 Theil derselben zerlegte nur 6–8 Th. Zucker. Daß hierbei Sauerstoff aus der Luft reichlich absorbirt wurde, lehrte der so abgeänderte Versuch, daß man die Gase nach dem Versuch analysiren konnte.

Diese Abschwächung in dem gährungerregenden Charakter der Hefe ist gleichwohl kein Beweis für eine tiefere Umwandlung ihrer Natur. Denn wenn man sie nachher unter Abschluß der Luft in Zuckerwasser verweilen läßt, so geht hierin von Neuem die Gährung vor sich und zwar höchst kräftig.

Die kleine Zellpflanze, Bierhefe genannt, kann sich also ohne freies Sauerstoffgas entwickeln, und dann ist sie Ferment, oder sie lebt und vermehrt sich durch freien Sauerstoff, was man ihr normales Leben nennen könnte, und dann ist sie kein Ferment mehr, kann aber in jedem Augenblick unter günstigen Umständen sofort als Ferment wieder auftreten.

Der Schluß, den der Verfasser aus seinen Beobachtungen zieht, ist dieser: Die Hefe lebt gewöhnlich durch Assimilation des freien Sauerstoffs; entzieht man ihr diesen, so entlehnt sie denselben anderen Substanzen, die denselben gebunden enthalten, und zersetzt diese, sofern sie überhaupt zu der Classe zersetzbarer Körper gehören, die man gährungsfähige bis jetzt zu nennen pflegt. Darin besteht also der Proceß der Gährung. Er ist der Respirationsproceß einer Pflanze oder eines Thieres, welcher mit gebundenem Sauerstoff vor sich geht, und nothwendig die chemische Zersetzung des Körpers im Geleit hat, der seinen Sauerstoff hergeben muß. (Schweizerische polytechnische Zeitschrift, 1861, Bd. VI S. 162.)

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: