Titel: Die optische Anstalt der Herren Voigtländer und Sohn in Braunschweig.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1862, Band 163/Miszelle 1 (S. 394–395)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj163/mi163mi05_1

Die optische Anstalt der Herren Voigtländer und Sohn in Braunschweig.

In der optischen Anstalt der Herren Voigtländer und Sohn, welche dieselben mit Beibehaltung einer Commandite in Wien vor 13 Jahren nach Braunschweig verlegten, war schon Ende des verflossenen Jahres das zehntausendste photographische Instrument vollendet worden; zur Feier dieses Ereignisses gab der Chef der genannten Firma, Herr Friedrich Voigtländer, am 22. Februar d. J. seinem gesammten Personale in den Räumen des „Odeon“ zu Braunschweig ein Fest, für welches das zehntausendste Objectiv, eines der größten Sorte, zurückgehalten und im Saale aufgestellt worden war.

Es darf als bekannt vorausgesetzt werden, daß sich Daguerre bei Anwendung seiner wundervollen Entdeckung wegen Mangels an hinreichend lichtstarken Objectiven auf die photographische Aufnahme lebloser Gegenstände beschränkt sah, und die Erzeugung von Portraits in jener Zeit in das Reich der frommen Wünsche gehörte; weniger bekannt aber dürfte es in größeren Kreisen seyn, daß dieß Problem erst im Jahre 1841 durch das Auftreten der Herren Voigtländer und Sohn mit ihren nach der Berechnung des Herrn Professor Petzval construirten Objectiven von großer Lichtstärke gelöst wurde, und daß sonach diese Herren als die Gründer einer neuen Aera in der Photographie erscheinen, da diese erst von jenem Zeitpunkt an nach und nach die jetzige große Ausdehnung gewann. Die Leistungen der genannten Herren wurden damals allgemein anerkannt, und empfingen dieselben unter anderen Auszeichnungen von Paris, wohin sie die ersten mit diesen Instrumenten erzeugten Portraits sandten, eine eigens für sie geprägte Medaille.

Es war natürlich, daß das anfängliche Monopol des Etablissements in Anfertigung solcher Apparate nach und nach einer in allen Ländern eröffneten Concurrenz weichen mußte, allein bis auf den heutigen Tag haben die Instrumente der Herren Voigtländer und Sohn, welche allen diesen Nachahmungen mehr oder weniger als Modell dienten, ihren alten Ruf bewahrt, und dürfte dafür der durchschlagendste Beweis in der oben erwähnten Zahl der bis jetzt angefertigten Instrumente sowie in dem Umstande zu finden seyn, daß sie in allen ersten Ateliers der Welt, und besonders in Paris, als dem Hauptsitze der Concurrenz, angetroffen werden, wo sie noch dazu viermal theurer sind als selbst die besseren der dort erzeugten.

Von dem richtigen Grundsatze geleitet, daß es in keinem Geschäfte, welche Höhe es auch immer erreicht haben mag, einen Stillstand gebe, haben die Herren Voigtländer und Sohn erst kürzlich einige Neuerungen und Verbesserungen an ihren Instrumenten angebracht, denen hauptsächlich die jetzt so bedeutende Ausdehnung des Geschäftes zuzuschreiben ist, denn während sich die erwähnte Zahl von 10,000 Apparaten auf den Zeitraum von 20 Jahren vertheilt, fallen davon allein 1200 auf das abgelaufene Jahr, und nur die Beschränkung an Arbeitskräften verhinderte die Anfertigung einer noch größeren Zahl, da es sich nicht um die Aufträge, sondern lediglich um die Möglichkeit der Ausführung derselben handelt. Um den sich immer mehr häufenden Aufträgen Genüge zu |395| leisten, wurde die Anstalt so eben durch einen Neubau bedeutend vergrößert, sowie eine Dampfmaschine aufgestellt, und es geht das schon jetzt zahlreiche Arbeiterpersonal einer bedeutenden Vermehrung entgegen, so daß in diesem Jahre auf die Anfertigung von 2000 Objectiven gerechnet wird.

Außer diesen photographischen Apparaten beschäftigt sich das Etablissement noch in ähnlicher Ausdehnung mit Anfertigung der ebenfalls von den Herren Voigtländer u. Sohn zuerst construirten Perspective mit achromatischen Ocularen, für Theater- und Feldgebrauch, ganz besonders auch für den Gebrauch auf Schiffen, die sich namentlich in England eines großen Rufes erfreuen und dort unter dem Namen der „Voigtländer“ bekannt sind.

Es würde zu weit führen, auf weitere Einzelnheiten der Leistungen des Instituts einzugehen, doch kann bemerkt werden, daß schon vor 25 Jahren der jetzige Inhaber des Geschäfts, Hr. Friedrich Voigtländer, sein Augenmerk speciell auf die Anfertigung von Fernröhren nach seiner Berechnung richtete, welche nach Briefen und bekannt gewordenen Urtheilen von Gauß, Schumacher und Anderen, den Fraunhoferschen Fernröhren nicht nur gleichgestellt werden mußten, sondern dieselben in einzelnen Eigenschaften sogar übertrafen.

Der jetzige Inhaber des Geschäfts, welches vor mehr als hundert Jahren durch dessen Großvater gegründet wurde und vor 26 Jahren von seinem Vater auf ihn übergieng, wußte demselben namentlich durch seine Verbindungen mit dem Auslande die gegenwärtige Bedeutung sowie zugleich auch dadurch die sicherste Basis zu geben, daß Agenturen an allen bedeutenden Plätzen Europa's und Amerika's errichtet, sowie mit einigen Firmen für ganze Länder Contracte abgeschlossen wurden für Lieferungen von Apparaten zu einer bestimmten Höhe des Betrages und für eine Reihe von Jahren. Wir begegnen mithin hier der so seltenen Zusammenwirkung zweier Factoren, nämlich künstlerischer Leistungen mit kaufmännischem Betriebe.

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