Titel: Ueber Bearbeitung des Glases, von Carl Karmarsch.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1862, Band 163/Miszelle 10 (S. 463–465)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj163/mi163mi06_10
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Ueber Bearbeitung des Glases, von Carl Karmarsch.

Im Jahrg. 1861 des polytechn. Journals, Bd. CLXII S. 157 haben wir aus den „Verhandlungen des Vereins zur Beförderung des Gewerbfleißes in Preußen“ eine Notiz mitgetheilt, nach welcher Glas aller Art in derselben Weise und mit denselben Werkzeugen bearbeitet werden kann wie Metalle, wenn man das betreffende Arbeitsstück sowie die Werkzeuge in ähnlicher Art mit verdünnter Schwefelsäure benetzt, wie dieß bei der Bearbeitung der Metalle mit Oel oder mit Seifenwasser geschieht. Am Schluß dieser Notiz ist angegeben, daß das in Rede stehende Verfahren eine Erfindung des Ingenieurs Henry Maudslay und durch die englische Patentschrift Nr. 2821 des Jahres 1859 bereits zur öffentlichen Kenntniß gebracht sey.

Der Verf. hat hierzu vor Allem zu bemerken, daß in dieser Angabe ein Druck- oder Schreibversehen ist; denn die Nr. 2821 von 1859 (in der bekannten Sammlung von Patent-Blaubüchern) betrifft einen völlig anderen Gegenstand, wie eine völlig andere Person; der Verf. hat dagegen das erwähnte Patent als Nr. 2821 vom Jahre 1858 aufgefunden. Die Originalbeschreibung ist höchst dürftig, enthält nicht einmal so viel als vorstehende Notiz, und spricht nur allgemein von „Schwefelsäure“, ohne anzugeben, daß dieselbe verdünnt seyn soll.

Es ist auffallend, daß ein anderes, schon vor 26 bis 27 Jahren bekannt gewordenes Mittel zur Bearbeitung des Glases mit den gewöhnlichen für Metall bestimmten Werkzeugen gänzlich in Vergessenheit gerathen zu seyn scheint, nämlich die Anwendung des Terpenthinöls. Wer dieses Mittel kennt, wird schwerlich auf den Einfall gerathen, verdünnte Schwefelsäure zu empfehlen, gegen welche von Seite der stählernen Werkzeuge sowohl als der Arbeiterhände ein gelinder Protest erhoben werden dürfte.

Der Verf. hat gleichwohl das Feilen des Glases unter Anwendung verdünnter Schwefelsäure (gemischt aus 1 Theil englischer Schwefelsäure und 8 Theilen Wasser dem Maaße nach, also etwa 1 Th. Säure und 4 1/3 Th. Wasser dem Gewichte nach) versucht und gefunden, daß dieses Verfahren weder in der Leichtigkeit der Arbeit noch in der Abnutzung der Feile einen Vorzug vor dem Gebrauch des Terpenthinöls darbietet. Der allerdings höhere Preis des letzteren kommt gewiß nicht in Betracht gegenüber seinem unschuldigen Verhalten gegen den Stahl und die Menschenhaut etc.

Um nun aber bei der jetzigen Generation der Glastechniker das Terpenthinöl gebührend zur Anerkennung zu bringen, soweit dieß nöthig seyn wird, hält der Verf. für angemessen, einen kleinen Artikel wieder abdrucken zu lassen, welchen er in Lieferung 3 der Mittheilungen des hannoverschen Gewerbevereins vom Jahre 1835, S. 192 (polytechn. Journal Bd. LIX S. 78) eingerückt hat. Er lautet:

Ueber das Bohren des Glases. Ich verdanke der Mittheilung des hiesigen Mechanikers Hrn. Oehme folgendes Verfahren, welches ich durch eigene Versuche vollkommen erprobt habe. Um Glas auf die einfachste, bequemste und schnellste Weise zu durchbohren, bediene man sich eines Bohrers, welcher aus einer abgebrochenen dreieckigen Feile dadurch hergestellt wird, daß man sie durch Anschleifen dreier kurzen Flächen zuspitzt. Man giebt auf die zu durchbohrende Stelle des Glases einige Tropfen Terpenthinöl (etwas weniger gut wirkt Baumöl), setzt die Spitze des Bohrers an, und dreht ihn mit der Hand an dem Heft herum, wobei der abgeriebene Glasstaub öfters weggewischt und frisches Terpenthinöl zugegeben wird. Um das Aussplittern des Glases an der Seite, wo der Bohrer nach seinem Durchgang heraus dringt, zu vermeiden, bohrt man von entgegengesetzten Seiten bis auf die Mitte ein. In Tafelglas von 1/10 Zoll Dicke wird ein Loch von 1 Linie Durchmesser in höchstens 10 Minuten vollendet. Mittelst der Rennspindel oder des gewöhnlichen Rollenbohrers mit dem Drehbogen läßt sich sehr bequem in Glas bohren, wenn man dabei die zum Messingbohren gewöhnlichen stählernen Bohrspitzen und Terpenthinöl anwendet. Ein gebohrtes Loch kann mittelst einer guten Reibahle ohne allen Nachtheil des Werkzeugs beliebig erweitert werden, wenn man Terpenthinöl zu Hülfe nimmt. Selbst feilen läßt sich das Glas sehr gut mit einer durch Terpenthinöl befeuchteten Feile, ohne daß letztere sehr merklich abgenutzt wird.“

In den technologischen Zeitschriften der damaligen Periode ist vielfältig von demselben Gegenstand die Rede; man empfahl auch einen Zusatz vom Kampfer zum Terpenthinöl (wovon der Verf. aber keinen Nutzen wahrnehmen konnte), bemühte sich mit scharfsinnigen Erklärungen des Vorgangs u. dergl. m. Der Verf. bezweifelt nicht, daß bei manchen praktischen Glasarbeitern der Gebrauch des Terpenthinöls sich in Kenntniß und Ausübung erhalten haben wird. In seinem Handbuch der mechanischen Technologie |465| hat er desselben gedacht (Bd. II., 3. Aufl. 1858, S. 1525); ebenso in Hülsse's Maschinen-Encyklopädie (Bd. II S. 400 bis 401). Eigenhändig macht der Verf. oftmals mit größter Annehmlichkeit von der terpenthinölbenetzten Feile auf dem Glase Gebrauch; er hat den Beweis in den Händen, daß man in Glastafeln gebohrte Löcher auf diese Weise leicht und schön zu großen dreieckigen, viereckigen, ovalen, halbrunden Oeffnungen erweitern, daß man selbst recht gute Schraubengewinde in die Löcher – mittelst eines gewöhnlichen stählernen Gewindebohrers und Terpenthinöl – schneiden kann. (Monatsbl. des hannoverschen Gewerbevereins, 1861 Nr. 10 und 11.)

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