Titel: Walther, über den Gang der nassen Gasuhr.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1862, Band 164, Nr. LXXV. (S. 280–283)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj164/ar164075

LXXV. Bemerkungen über die von Hrn. Prof. Dr. Ludwig Seidel übernommene Vertheidigung der Pettenkofer'schen Ansicht in Betreff des Ganges der nassen Gasuhr.

Hr. Professor L. Seidel übernimmt im vorhergehenden Heft dieses Journals S. 173 scheinbar die Vertheidigung der von Hrn. Prof. Dr. Max Pettenkofer in Bd. CLXIII S. 274 ausgesprochenen Ansicht über den Gang der nassen Gasuhr. Ich sage scheinbar; denn die von Hrn. Prof. Seidel entwickelte Erklärung ist offenbar eine ganz andere als die von Hrn. Prof. Pettenkofer gegebene. Hr. Prof. Seidel spricht kein Wort mehr davon, daß die eine Trommelhälfte schwerer ist als die andere, daß das Uebergewicht des Wassers die Trommel dreht, wie ein Tretrad etc., und weiß sicherlich recht gut, daß von einem Wassergewichte in der Trommel eben so wenig die Rede seyn kann, als wenn der unter Wasser befindliche Theil derselben von Drahtgewebe wäre, wobei der ganze Unterschied darin bestünde, daß statt einer großen Oeffnung viele kleine vorhanden wären. Das Wassergewicht liegt nur in dem Gehäuse, was schon daraus hervorgeht, daß, wenn dieses geöffnet wird, die Trommel sich entleert, ohne sich zu drehen.

Wenn nun Hr. Prof. Seidel von Mißverständnissen und Irrungen |281| spricht, so sind diese gewiß nicht auf Seite der Leser der Pettenkofer'schen Erklärung zu suchen, welche wohl alle unter Uebergewicht, Tretrad, größere Schwere auf der einen Seite als auf der anderen sich das Gleiche gedacht haben.

Gerade der Begriff von Schwere und Wassergewicht war es, was mich veranlaßte, der Erklärung des Hrn. Prof. Pettenkofer entgegenzutreten, und ich war bisher der Meinung (und bin trotz der Ausfälle des Hrn. Prof. Seidel noch nicht von ihr zurückgekommen), daß man, wenn man einer irrigen Ansicht und ihrer Verbreitung entgegentritt, eben so gut zur Aufklärung und Belehrung beiträgt, als wenn man vollständige Erklärungen entwickelt. Meine Absicht bei Veröffentlichung der in Bd. CLXIII S. 424 dieses Journals mitgetheilten Beleuchtung war nicht, eine Erklärung des Ganges der Gasuhr zu geben, weßhalb diesen Aufsatz auch nicht der Vorwurf einer unvollständigen Erklärung treffen kann, sondern nachzuweisen, daß die eine Hälfte der Trommel nicht schwerer ist als die andere, daß also das Uebergewicht des Wassers die Trommel nicht treiben kann, und dieser Nachweis ist mir, wie ich glaube, gelungen. Hätte Hr. Prof. Pettenkofer die Erklärung gegeben, welche Hr. Prof. Seidel zum Besten gibt, so hätte sich wohl Niemand gefunden, der gegen die Richtigkeit dieser Erklärung aufgetreten wäre. Daß Hr. Prof. Seidel bei seiner Erklärung noch etwas zu Hülfe nimmt, was nicht zur arbeitenden Zelle gehört, nämlich die Scheidewand der nächstfolgenden, unter Wasser liegenden Zelle, – auf die, wie er selbst sagt, Gleichgewicht des Druckes von beiden Seiten stattfindet, da das, was auf der einen Seite an Höhe der Wassersäule abgeht, durch den Gasdruck genau ersetzt wird, – ist unschädliche Privatliebhaberei, da man auch auf Umwegen dasselbe Ziel erreichen kann, an dem man sonst auf kürzerem Wege anlangt.

Nach meiner Ansicht ist jede Zelle ein für sich bestehendes Ganze, dessen Function darin besteht, eine gewisse Quantität Gas abzumessen, dabei die Achse um 90 Grade zu drehen, die vorausgehende Zelle durch den Gasraum des Gehäuses zu bewegen, die dieser vorausgehende unter Wasser zu tauchen, um aus ihr das Gas zu verdrängen, und die unter Wasser befindliche so zu stellen, daß sie die arbeitende Zelle in dem Augenblicke (oder etwas früher, weßhalb die windschiefen Flächen) ablösen kann, wo sie sich über das Wasser erhebt, und also zu arbeiten aufhört.

Diese vier einander ganz gleichen Zellen sind bei der gewöhnlichen Gasuhr der Raumersparniß wegen in eine Trommel zusammengedrängt, sie können aber auch von einander getrennt, jede mit einer eigenen Achse versehen und in vier getrennte Gehäuse oder ein einziges größeres gelegt |282| werden, und werden dabei, wenn nur ihre Achsen so mit einander verbunden sind, daß sie gleiche Winkelgeschwindigkeit haben, eben so gut, ja noch besser arbeiten, als wenn sie in eine Trommel zusammengedrängt werden, trotzdem die zur Erklärung des Hrn. Prof. Seidel nöthige Scheidewand jetzt nicht mehr vorhanden ist. Ich sage die vier getrennten Zellen werden besser und leichter, d.h. schon unter einem geringeren Gasüberdrucke arbeiten, weil nicht, wie dieß bei der Trommel der Fall ist, ein Theil des Gasdruckes dazu verwendet werden muß, dem austretenden Wasser eine gewisse Geschwindigkeit zu ertheilen. Die Austrittsöffnung für das Wasser bliebe im Falle der Trennung der Zellen so groß als der Querschnitt der Zelle selbst, und das Wasser bliebe ruhig stehen, wie es eigentlich seyn soll. Durch das Zusammendrängen der Zellen in eine Trommel entsteht nicht nur der Uebelstand, daß die Trommel schwerer und langsamer geht, sondern auch noch der, daß in Folge der Wasserbewegung das Messen des Gases unsicherer ist.

Am Princip ändert sich durch das Trennen der Zellen durchaus nichts. Die bisherige Erklärung der Gasuhr, bei welcher sämmtliche unter Wasser befindliche Theile derselben im Gleichgewichte des Druckes sich befinden, paßt noch vollkommen auf die vier getrennten Zellen, nicht aber die Erklärung des Hrn. Prof. Seidel; denn es fehlt jetzt, ohne daß im Princip das Geringste geändert worden ist, die Scheidewand, welcher nach der Seidel'schen Erklärung der Gang der Gasuhr zuzuschreiben ist, oder doch zugeschrieben werden kann, die aber nach der gewöhnlichen Anschauung in der Trommel weiter nichts als ein unvermeidliches Hinderniß ist. Ist man über das, was in einer einzigen Zelle, und zwar in ihrer einfachsten Form vorgeht, und über ihre Functionen im Klaren, so hat man sicher auch ein richtiges Verständniß des Ganzen, das nur aus einer Wiederholung der einfachen Zelle besteht.

Aus den einfachen Sätzen der Clegg'schen Patentbeschreibung, die da heißen: „die Trommel dreht sich vertical um Zapfen wie ein Wasserrad,“ dann: das Gas veranlaßt, dadurch daß es an die Stelle des Wassers tritt, oder dadurch, daß es das Wasser verdrängt, oder dadurch, daß es das Wasser aus der Zelle austreibt, die Trommel sich nach und nach zu drehen,“ auf den Schluß zu kommen, daß Clegg (nach Hrn. Prof. Pettenkofer) an ein Wassergewicht, oder daran gedacht habe, daß die Trommel auf der einen Seite schwerer sey als auf der anderen, oder daß Clegg daran gedacht habe, daß (nach der Erklärung des Hrn. Prof. Seidel) der Seitendruck des Wassers die Trommel treibe, ist mir rein unmöglich und ich fürchte, daß noch Tausend Andere sich in derselben Lage befinden werden.

|283|

Dieß mein letztes Wort in dieser Sache!

Es könnten noch mehrere Erklärungen kommen, welche alle, als in dem Aufsatze des Hrn. Prof. Pettenkofer enthalten, nachgewiesen, und für ihn vertheidigt würden. Die Arbeit des Entgegnens würde so eine endlose.

C. Walther, kgl. Prof.

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